STUTTGART / DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Porsche-Aufsichtsrat steht eine Entscheidung über ein neues Zukunftspaket an, das massiven Personalabbau mit weitreichender Beschäftigungssicherung verknüpft. Der neue Chef Michael Leiters soll damit tausende Stellen abbauen, aber eine Standortgarantie für deutsche Werke bis Ende 2035 verlängern. Gleichzeitig ist der Deal wegen der engen Verflechtung mit Volkswagen politisch und strategisch heikel. An der Börse wirken derweil fehlendes Vertrauen und der Umbau nach.

Porsche-Aufsichtsrat vor Deal: Sparkurs gegen Standortgarantie bis 2035
Porsche-Aufsichtsrat vor Deal: Sparkurs gegen Standortgarantie bis 2035 (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn die Porsche-Planung gerade wirkt, als liefen mehrere Zeitachsen gegeneinander, dann liegt das an genau diesem Aufsichtsratstermin: Am Mittwoch entscheidet der Porsche-Aufsichtsrat über ein zweites Zukunftspaket – und damit über den Spagat zwischen operativem Sparprogramm und langfristiger Sicherheit für die Belegschaft. Michael Leiters, erst seit diesem Jahr im Amt, muss in einer Sitzung zwischen Zuffenhausen und Wolfsburg bestehen, obwohl es Porsche intern um Vollsanierung geht. Die Richtung ist klar, der Konfliktpotenzial-Teil aber ebenso: Tausende Stellen sollen abgebaut werden, zusätzlich zu den 3900 Jobs, die sein Vorgänger Oliver Blume bereits zur Streichung freigegeben hatte.

Das erwartete Paket folgt dabei einem Muster, das in der deutschen Industrie seit Jahren als politisch „verkaufbar“ gilt: Verzicht auf harte Einschnitte wird gegen Bestandsschutz getauscht. Konkret wird aus Konzernkreisen berichtet, dass die Beschäftigungssicherung für die deutschen Standorte bis Ende 2035 verlängert werden soll. Auch bei tariflichen Leistungen könnte der neue Kurs auf Eingriffe verzichten; die „Steinkühlerpause“ – ein historisch geprägter Schutz für Bandarbeiter, der auf kurze Erholungs- und Toilettenzeiten abzielt – soll unangetastet bleiben. Daneben steht die Homeoffice-Regelung: Statt stärkerer Einschränkung soll sie wieder so gelebt werden, dass bis zu acht Tage mobiles Arbeiten im Monat möglich sind, nachdem zuvor zwölf Tage als Option gekürzt worden waren.

Technisch betrachtet, auch wenn es hier um Menschen geht, ist der Kern der Verhandlung jedoch ein Produktivitätsversprechen unter Unsicherheit. Leiters will im Gegenzug offenbar einen deutlich tieferen Personalabbau erreichen als jene Größenordnung, die zuletzt für zusätzliche etwa 4000 Stellen genannt wurde. Offen ist dabei nicht nur die finale Zahl, sondern auch der Mechanismus, wie schnell die Organisation „durchgezogen“ wird: Das Paket ist laut Unternehmenskreisen noch nicht beschlossen, zudem soll Leiters in den vergangenen Tagen zahlreiche Einzelgespräche mit Aufsichtsräten geführt haben, um seine Linie zu erläutern. Intern gilt die Abstimmung als offen; einzelne Punkte könnten noch angepasst werden. Genau diese Dynamik passt zu dem, was Leiters in den letzten Monaten in der Führungsebene demonstriert hat: Er setzt auf rasche Entscheidungen, und zwar auch dann, wenn sie Misstrauen oder eine „Angstkultur“ nähren.

Dass es so kommt, zeigt sich an den Umbau-Schritten, die im Text als Abfolge deutlich werden: Porsche trennte sich vorzeitig vom langjährigen Designchef Michael Mauer und setzte auf Tobias Sühlmann, zudem wurde das unter Blume geschaffene Car-IT-Ressort aufgelöst, sodass Vorstand Sajjad Khan gehen musste. Produktionschef Albrecht Reimold soll bereits zum 1. September ausscheiden, mehrere Monate vor Vertragsende; auch weitere Funktionen wurden zusammengelegt, Vertriebsregionen neu geordnet und Führungsposten gestrichen. Unterhalb des Vorstands erreichte die Restrukturierung nach der internen Mitteilung auch Finanzmanagerin Kerstin Hess, deren Hauptabteilung aufgelöst wird. In der Logik des Unternehmens ist das eine „Klartext“-Strategie: Wer Führung austauscht, signalisiert Handlungsfähigkeit – aber die Nebenwirkung kann eine Belegschaft sein, die gerade nicht nur Zahlen, sondern auch den Ton und die Vertrauensbasis bewertet. Dazu passt, dass es für 2025 erstmals seit Jahren keine Sonderzahlung geben soll, während die Lieferzahlen im ersten Halbjahr bei 122.306 Fahrzeugen lagen, rund 16 % unter dem Vorjahreszeitraum.

Hier wird die Wechselwirkung mit Volkswagen besonders gefährlich: Leiters bekommt den Rückhalt bei den Arbeitnehmern vielleicht leichter, wenn die Standortgarantie bis 2035 als Gegenleistung greift. Aber im Porsche-Aufsichtsrat sitzen nicht nur Vertreter der Familien Porsche und Piéch, sondern auch Spitzenmanager des Volkswagen-Konzerns, die gleichzeitig Antworten für Wolfsburg und Ingolstadt liefern müssen. Für die Aufsichtsräte stellt sich damit eine sehr konkrete Frage: Welche Folgen hätte eine Standortsicherung bis 2035 auf die laufenden Sanierungen bei Volkswagen und Audi – und wie lässt sich das erklären, wenn bei VW selbst ein deutlich kürzerer Horizont gilt? Aus Arbeitnehmerkreisen im Konzern ist bereits eine wohlwollende Haltung zur Standortgarantie bis 2035 zu hören; für den Sparkurs von Oliver Blume wäre das heikel. Strategisch verschärft wird das Problem dadurch, dass sich das Ertragsmodell einer Luxusmarke wie Porsche nur begrenzt auf die Massenmodelle übertragen lässt: Ein Porsche 911 kann bei geringeren Stückzahlen hohe Erträge liefern, während Volkswagen- und Audi-Volumen in die andere Richtung drückt.

Am Rand dieser Personalentscheidung liegen zugleich Produkt- und Investitionsfragen, die nicht warten wollen. Leiters soll die Personalfrage schnell klären, um sich Themen wie der Zukunft des ersten Elektromodells, des Porsche Taycan, und verschiedener Derivate widmen zu können. Politisch und operativ eng wird es dabei, sobald Standortentscheidungen in die falsche Richtung schieben: Zusätzliche Modelle könnten laut Produktionsszenarien die Fertigung in Leipzig auslasten, während die Auslastung des Verbrenner-SUV Macan dort noch in diesem Monat ausläuft. Eine Verlagerung des Cayenne aus Bratislava nach Leipzig gilt wegen höherer Kosten als schwierig; ebenso wäre ein Umzug des Taycan von Zuffenhausen nach Leipzig politisch heikel. Entscheidend ist: Eine Standortgarantie bis 2035 wirkt wie ein Rahmen, der solche Folgeprobleme nicht einfach wegschiebt.

Dass der Zeitdruck real ist, zeigt sich auch am Renditeziel und am Kapitalmarkt: Porsche strebt eine operative Rendite zwischen zehn und 15 % an, nachdem das frühere Ideal von 20 % aufgegeben wurde. Bis zum 7. Oktober will Leiters beim Kapitalmarkttag die „Strategie 2035“ vorstellen und greift damit genau in die Phase, in der der Aufsichtsrat intern die Weichen stellt. Zugleich bleibt die Lage angespannt, weil die Elektrostrategie bereits Teile zurückdrehen musste und hohe Abschreibungen das Ergebnis belasten; Zölle verteuern außerdem das US-Geschäft, und anders als bei manchen Wettbewerbern verfügt Porsche dort über kein eigenes Werk. Die Börse reagiert spürbar: Die Porsche-Aktie liegt rund 45 % unter dem Ausgabepreis, zahlreiche Investoren wetten laut Datenlage auf weiter fallende Kurse. So kurz die Wege in Zuffenhausen auch sind – ob Leiters „Bein- und Kopffreiheit“ wirklich hat, entscheidet sich am Mittwoch, an der Schnittstelle zwischen Garantie, Sparkurs und dem Dilemma der Eigentümerfamilien.


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