ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Die ökumenische Fachstelle DFA berät seit 50 Jahren kostenlos Menschen bei Fragen rund um Arbeitslosigkeit. In den aktuellen Anfragen dominiert die Digitalisierung: Stellensuche verlagert sich zunehmend in Online-Dossiers, während Termine beim RAV oft an technische Abläufe und Fristen gebunden sind. Die Einrichtung dokumentiert, wie sich daraus längere Beratungszeiten, mehr rechtliche Rückfragen und zusätzlicher psychischer Druck ergeben. Damit rückt nicht nur die formale Job-Suche, sondern auch die psychosoziale Stabilisierung als Teil der Beratung noch stärker in den Mittelpunkt.

DFA Zürich: Kostenlose Beratung bei Arbeitslosigkeit – wie Digitalisierung Bewerbungshürden verschärft
DFA Zürich: Kostenlose Beratung bei Arbeitslosigkeit – wie Digitalisierung Bewerbungshürden verschärft (Foto: IT BOLTWISE)
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Am Stauffacher in Zürich wirkt der Beratungsraum der ökumenischen Fachstelle DFA auf den ersten Blick ruhig: hell, überschaubar, und doch ist er in Bewegung. Eine Frau mit farbiger Bluse sitzt am kleinen Tisch beim Fenster und studiert das Stellenbulletin, das die DFA für ihre Termine erstellt. Gleich folgt die Bewerbungsberatung. Die Leiterin Katharina Engeler erinnert sich daran, wie voll der Ort früher oft war: Man musste sich nicht anmelden, deshalb standen Menschen teils bis in den Treppenbereich Schlange. Die Veränderung seit der Corona-Zeit ist damit nicht nur ein organisatorisches Detail, sondern berührt den Kern des Angebots: Wie kommen Menschen überhaupt zu Hilfe, wenn sich der Alltag stärker digitalisiert und die Wege zur Unterstützung komplizierter werden?

Die DFA bietet unabhängige Beratung kostenlos an – ohne Einschränkung nach Alter, Herkunft oder Religion. Im Zentrum steht die Unterstützung bei Fragen rund um Arbeitslosigkeit, und zwar in einer Form, die sowohl schnell als auch tiefgehen kann. Engeler beschreibt, dass eine telefonische Kurzberatung grundsätzlich allen offensteht, während die Fachstelle vor allem für jene Menschen da ist, die „zwischen Stuhl und Bank“ fallen, also unmittelbar nach einem Stellenverlust mit rechtlichen, administrativen oder psychosozialen Folgeproblemen konfrontiert sind. Ebenso wichtig ist die Frage der Zahlungsfähigkeit: Wer sich keine kostenpflichtige Rechtsberatung leisten kann, soll dennoch Orientierung bekommen. Dass die Nachfrage real ist, zeigen auch Zahlen aus dem Betrieb: Im letzten Jahr wurden 6759 Beratungen genutzt, davon 4252 Kurzberatungen. Gerade die Kombination aus hoher Fallzahl und vielen kurzen Erstkontakten macht deutlich, dass sich die Probleme häufig an konkreten Fristen und Formularen festmachen – aber nicht nur dort enden.

Seit der Corona-Pandemie, so Engeler, hat sich vieles geändert: Vor-Ort-Termine erfolgen heute nur noch nach telefonischer Vereinbarung. Die merkliche Verschiebung betrifft zudem die Art der Hilfeleistung. Besonders einschneidend ist aus ihrer Sicht die Digitalisierung der Stellensuche. Für die meisten Jobs müssen Bewerbungen online erfolgen, häufig über ein digitales Bewerbungsdossier. Das Problem: Ein relevanter Teil der DFA-Klientel verfügt laut Leiterin über wenig oder gar keine Schulbildung sowie geringe Deutschkenntnisse. Damit ist das digitale Dossier nicht einfach „ein weiteres Tool“, sondern eine Hürde, die bei manchen Menschen faktisch den Einstieg in Bewerbungsprozesse blockiert. In der Folge werden Beratungen zeitintensiver als früher, weil die Hilfe nicht nur aus Tipps zur Formulierung besteht, sondern auch aus dem Begleiten durch technische und organisatorische Schritte, die sonst häufig als selbstverständlich vorausgesetzt werden.

Historisch betrachtet ist die DFA eng mit wirtschaftlichen Krisen verknüpft. Die Fachstelle entstand ausgelöst durch die Erdölkrise: In den frühen 1970er-Jahren rutschte die Wirtschaft in eine der ersten großen Rezessionen der Nachkriegszeit, viele Menschen verloren ihre Arbeitsstelle. Um Unterstützung zu organisieren, gründeten die katholische und die reformierte Landeskirche Zürich gemeinsam einen Solidariätsfonds. Daraus entwickelte sich zunächst die Dienststelle für Arbeitslose (DfA), später wurde daraus die DFA. 1976 startete sie mit drei Mitarbeitenden in Winterthur und Zürich. Über die Jahrzehnte reagierte die Einrichtung auf sich wandelnde Anforderungen, und 2016 schlossen sich die Standorte Uster, Winterthur und Zürich zusammen. Diese Entwicklung lässt sich heute auch an den aktuellen Themen erkennen: Viele Kontaktaufnahmen betreffen derzeit rechtliche Fragen rund um Arbeits- und Arbeitslosenversicherungsgesetz. Das ist nicht nur juristisch, sondern praktisch, weil falsche Schritte oder verpasste Fristen sofort finanzielle Folgen haben können.

Ein wiederkehrender Auslöser sind Missverständnisse rund um die Kommunikation mit Behördenprozessen. Badreddine beschreibt, dass Ratsuchende manchmal nicht begreifen, dass in der Anmeldebestätigung des RAV ein Link zu einem Formular enthalten ist, das ausgefüllt und zurückgeschickt werden muss. Oder sie verpassen einen Termin, was zu Einstelltagen führen kann. Die Konsequenzen sind für Betroffene spürbar: Sie erhalten dann weniger Geld von der Arbeitslosenkasse und wissen häufig nicht, warum. Bei einem ohnehin kleinen Einkommen verstärkt das den Stress zusätzlich – und genau hier wird klar, warum Beratung in solchen Situationen mehr ist als Informationsweitergabe. Die DFA muss helfen, die formalen Abläufe so zu verstehen, dass sie tatsächlich eingehalten werden können; zugleich braucht es aber auch eine Stabilisierung, um die psychische Belastung des Kontrollverlusts abzufedern.

Technisch klingt das Thema Digitalisierung nach „Verschlankung“, sozial betrachtet verschiebt es jedoch Risiken. Liliane Schmidt, Rechtsberaterin bei der DFA, beschreibt, dass aus den Anfragen auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt ablesbar wird: Häufiger kämen Menschen, die von heute auf morgen keinen Lohn mehr erhalten, weil der Arbeitgeber in Konkurs gegangen ist. Daneben beobachten die Beraterinnen und Berater an allen drei Standorten, dass Arbeit im Stundenlohn und auf Abruf zunimmt. Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur in klassischen Bereichen, sondern laut DFA auch in der Pflege, Reinigung und Gastronomie, häufig sogar bei großen Institutionen und Marktfut?hrern, die Einsätze an Subunternehmen auslagern. Schmidt ordnet das juristisch ein: Damit werde das Betriebsrisiko auf die Arbeitnehmenden verlagert. In solchen Vertragskonstellationen sei ein Ausstieg oft schwierig, ohne finanzielle Einbußen – ein Punkt, der in der Beratung zwangsläufig zur konkreten Schadensbegrenzung führt.

Die DFA versucht das Risiko nicht nur zu erklären, sondern zu minimieren. Ein Team aus 17 Beratern und Juristinnen arbeitet daran, finanziellen Schaden zu mindern, beim Bewerben zu unterstützen und vor allem Zeit zum Zuhören zu nehmen. Engeler bringt diese Ausrichtung in einem Satz auf den Punkt: „Wir leben Diakonie.“ Das ist im Kern ein Qualitätsversprechen, das gerade in einer Zeit zählt, in der digitale Verfahren und standardisierte Informationswege Menschen schneller ausspülen können, wenn sie mit Formstrenge, technischen Anforderungen und Fristen allein gelassen werden. Neben dem rechtlichen Handwerkszeug und dem praktischen Bewerbungscoaching ist daher die psychosoziale Komponente ein zentraler Faktor: Sie schafft die Voraussetzung, dass Betroffene den nächsten Schritt überhaupt machen können – vom korrekten Ausfüllen eines Formulars bis zur konsistenten Online-Bewerbung.

Für Unternehmen, die mit Arbeitsmarktprozessen und Recruiting zu tun haben, lässt sich daraus eine vielschichtige Botschaft ableiten. Erstens zeigt die DFA, dass Lücken in der administrativen Handlungsfähigkeit unmittelbare Auswirkungen auf Einkommen und Stabilität haben. Zweitens wird sichtbar, wie stark die digitale Bewerbungswelt nicht nur den Aufwand, sondern auch die Fehleranfälligkeit in Übergangsphasen erhöht. Drittens deutet die Beobachtung zu Stundenlohn und Abrufarbeit darauf hin, dass sich Beschäftigungsrisiken in der Praxis verlagern und damit auch die Beratungsnachfrage strukturell stützen können. Wenn sich diese Muster fortsetzen, bleibt die DFA als niedrigschwellige Instanz ein wichtiger Bestandteil der regionalen Unterstützungslandschaft – gerade dort, wo Zeit knapp ist und jeder Schritt im Prozess sitzen muss.


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