LONDON (IT BOLTWISE) – Eine internationale Umfrage zeigt eine breite Verunsicherung in deutschen Unternehmen: 61 Prozent bewerten die aktuelle Lage als die unsicherste Phase ihrer bisherigen Laufbahn. Besonders stark wirken steigende Kosten, ein gedämpftes Marktumfeld und geopolitische Spannungen auf die Planungssicherheit. Gleichzeitig setzen viele Betriebe KI nicht nur als Experiment ein, sondern gezielt zur Kostensenkung und zur effizienteren Gestaltung von Prozessen. Die Studie macht aber auch deutlich, dass Kontrolle, Transparenz und klare Regeln für den KI-Einsatz im Finanzumfeld als ebenso dringend gelten.

Studie: 61% der Unternehmen erleben die unsicherste Phase – mit KI als Gegenmittel
Studie: 61% der Unternehmen erleben die unsicherste Phase – mit KI als Gegenmittel (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Lage in deutschen Unternehmen wirkt derzeit wie ein Konjunktur- und Belastungstest zugleich: In einer internationalen Umfrage wird die wirtschaftliche Unsicherheit nicht als kurzfristige Delle beschrieben, sondern als ungewöhnlich langfristiger Zustand. 87 Prozent der Unternehmen äußern Sorgen über ihre finanzielle Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten, und damit liegt Deutschland laut den Befragungswerten an der Spitze der untersuchten Länder. Irland und Polen folgen mit 86 Prozent, Italien kommt auf 75 Prozent, während das Vereinigte Königreich bei 71 Prozent liegt. Auch wenn die Ursachen unterschiedlich sein können, beschreibt der zweite Kennwert das Gesamtbild noch schärfer: 61 Prozent der deutschen Unternehmen stimmen der Aussage zu, dass dies die unsicherste Zeit ist, die sie als Unternehmer oder Manager bislang erlebt haben. Der internationale Durchschnitt liegt dabei bei 57 Prozent – Deutschland liegt also nicht nur absolut hoch, sondern auch im Vergleich zum restlichen Sample spürbar darüber.

Was hinter diesen Zahlen steckt, lässt sich entlang mehrerer Engpässe lesen, die sich gegenseitig verstärken. Als unmittelbarste finanzielle Sorge nennen 54 Prozent steigende Betriebskosten in den nächsten zwölf Monaten; das ist der sichtbarste Ausgabenhebel. Zusätzlich rechnet jedes vierte Unternehmen mit sinkenden Gewinnen, während 25 Prozent ausdrücklich Angst haben, bei der Entwicklung von KI-Anwendungen und neuen technologischen Möglichkeiten ins Hintertreffen zu geraten. Bemerkenswert ist auch, dass die Unsicherheit nicht nur aus der Gewinnseite kommt, sondern in den Zahlungsalltag hineinreicht: 21 Prozent sehen Risiken bei laufenden Verpflichtungen wie Löhnen, Krediten oder Lieferantenrechnungen, und weitere 20 Prozent erwarten Schwierigkeiten, einen gesunden Cashflow aufrechtzuerhalten. Dazu kommt das Finanzierungsrisiko selbst: 17 Prozent sorgen sich um den Zugang zu Krediten und Finanzierungen, während 18 Prozent bereits eine generelle Verschlechterung der eigenen finanziellen Situation erwarten.

Bei der Ursachenanalyse verlagert sich der Blick der Unternehmen deutlich nach außen. Auf die Frage, welche makroökonomischen und geopolitischen Entwicklungen das Geschäft am stärksten belasten könnten, werden Inflation, wirtschaftliche Abschwächung und internationale Konflikte als vordere Treiber genannt. 48 Prozent nennen anhaltend hohe Inflation zusammen mit steigenden Kosten als größtes externes Risiko; in anderen Ländern fällt der Wert spürbar niedriger aus, etwa bei 37 Prozent für das Vereinigte Königreich und Polen sowie bei 33 Prozent für Italien. Ebenso hoch ist die Wahrnehmung einer Konjunkturabkühlung: 39 Prozent machen sich Sorgen über eine Schwäche der deutschen Wirtschaft, 36 Prozent erwarten negative Effekte durch eine schwächere konjunkturelle Entwicklung in Europa. Geopolitik wird parallel als Faktor greifbar, denn 33 Prozent nennen Konflikte und Instabilität im Nahen Osten, während 31 Prozent die angespannten Beziehungen zwischen Europa und den USA als Risikotreiber sehen – etwa über mögliche Handelsbarrieren oder zusätzliche Zölle. Aus der Logik der Antworten folgt eine klare Lesart: Internationale politische Entwicklungen werden zunehmend als direkte wirtschaftliche Risiken verstanden, nicht als abstrakter Hintergrundrauschen.

Die Folgen bleiben für viele Unternehmen auch nicht auf einzelne Budgetposten beschränkt. Stattdessen wird Planbarkeit zum zentralen Problem: Sieben von zehn deutschen Unternehmen sagen, dass die aktuelle globale Lage langfristige Planungen erschwert. Deutschland liegt damit erneut vorn, während etwa Italien (55 Prozent), Irland (52 Prozent) und Großbritannien (60 Prozent) ebenfalls betroffen sind, aber nicht im gleichen Ausmaß. Die Unsicherheit wirkt außerdem bis in das Marktumfeld: 65 Prozent geben an, dass die wirtschaftliche und geopolitische Lage die Konsumnachfrage reduziert. Gleichzeitig berichten 73 Prozent, dass hohe Kosten und Inflation die Führung eines Unternehmens zunehmend erschweren, und 57 Prozent sehen geopolitische Spannungen als zusätzlichen Unsicherheitsfaktor für ihr Geschäft. In der Summe entsteht so ein Umfeld, das viele Entscheider als besonders belastend erleben – genau darin liegt der Kern, warum 61 Prozent von der unsichersten Phase ihrer bisherigen unternehmerischen Laufbahn sprechen.

Dass Unternehmen nicht nur klagen, sondern reagieren, zeigt sich an den beschriebenen Anpassungen. 46 Prozent der deutschen Unternehmen setzen KI gezielt zur Kostensenkung ein – und damit erreicht Deutschland hier eine Spitzenposition im internationalen Vergleich. In Irland liegt der Anteil nur bei 29 Prozent, in Polen bei 25 Prozent, in Italien bei 22 Prozent und im Vereinigten Königreich bei 21 Prozent. Diese Differenz ist insofern strategisch, als Kostendruck gerade in einem Umfeld mit steigenden Betriebsausgaben oft schneller in konkrete Maßnahmen übersetzt wird als etwa reine Wachstumsinitiativen. Ergänzend überarbeiten 32 Prozent ihre Wachstumspläne, ebenso viele pausieren oder verschieben Neueinstellungen. 30 Prozent konzentrieren sich stärker auf Kosteneffizienz, und 24 Prozent passen Expansions- oder Investitionspläne an beziehungsweise schieben sie auf. Parallel bleibt das Bild zweigeteilt: Trotz der Risiken äußern 52 Prozent der Unternehmen, dass das Finanzsystem Europas stark genug ist, Unternehmen auch in globalen Krisen zu unterstützen. Dennoch sorgen sich 55 Prozent um die finanzielle Widerstandsfähigkeit einzelner Banken und Finanzdienstleister – eine Differenz, die man als Zeichen für Vertrauen in die Struktur, aber Skepsis im Detail interpretieren kann.

Interessant ist zudem, wie sich KI vom reinen Innovationsthema zur wirtschaftlichen Erfolgskomponente verschiebt. 57 Prozent der deutschen Unternehmen setzen KI ein, um administrative Prozesse effizienter zu gestalten – in anderen Ländern liegen die Werte niedriger, etwa 46 Prozent im Vereinigten Königreich und 44 Prozent in Italien. Bei der Automatisierung operativer Abläufe nennt Deutschland ebenfalls führende Werte: 55 Prozent. Dabei sehen 53 Prozent KI als wichtigen Faktor, um die Wettbewerbsfähigkeit abzusichern. 45 Prozent erwarten Verbesserungen beim Kundenerlebnis, zum Beispiel durch intelligentere digitale Interaktionen oder automatisierte Prozesse. Gerade hier wird deutlich, dass KI nicht nur als Kosten-Tool wahrgenommen wird, sondern zunehmend als Hebel für Produktivität, Service und Differenzierung. Gleichzeitig wächst jedoch der Bedarf an Leitplanken: 77 Prozent der Unternehmen sind der Ansicht, KI-basierte Entscheidungen sollten weiterhin menschlich überprüft werden. 47 Prozent erwarten, dass KI Finanzentscheidungen beschleunigen und individuellere Angebote ermöglichen kann. Parallel äußern 48 Prozent Bedenken über mögliche Fehlentscheidungen, 44 Prozent sehen potenzielle Betrugsrisiken, und nur 43 Prozent halten die zuständigen Regulierungsbehörden im Finanzsektor für ausreichend vorbereitet. Damit entsteht ein Spannungsfeld: Unternehmen wollen Geschwindigkeit und Effizienz, verlangen aber zugleich nach Kontrolle, Transparenz und einem belastbaren Sicherheits- und Aufsichtsrahmen.

Für die Praxis ergibt sich daraus ein klares Management-Problem: KI-Projekte müssen in unsicheren Zeiten nicht nur „funktionieren“, sondern auch wirtschaftlich und governance-fähig sein. Wenn Kostensteigerungen als größtes Risiko genannt werden, werden sich KI-Use-Cases in vielen Firmen an messbaren Entlastungen orientieren müssen – etwa bei Prozesskosten, Durchlaufzeiten oder Fehlerquoten. Ebenso wird die Frage nach der Überprüfbarkeit zentral, denn die Mehrheit fordert weiterhin menschliche Kontrolle bei KI-Entscheidungen. Auch das Thema Betrugsrisiko spricht dafür, dass KI-Systeme nicht nur Modelle ausliefern, sondern mit geeigneten Kontrollen, Auditierbarkeit und klaren Verantwortungswegen in die Betriebsprozesse integriert werden müssen. Die Studie beschreibt damit nicht nur die Stimmung in Unternehmen, sondern auch eine Prioritätenverschiebung: Resilienz wird zunehmend technisch umgesetzt – und Governance entscheidet darüber, wie schnell diese Resilienz in produktive Abläufe überführt werden kann.


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