LÜNEBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – In Lüneburg startet ein Pilotprojekt, das Wärme direkt aus Trinkwasser gewinnt und zunächst für Eigenanlagen im Wasserwerk nutzt. Das Verfahren kühlt das Wasser über einen Wärmetauscher um bis zu vier Grad ab, bevor es wieder ins Netz zurückgeführt wird. Damit rückt eine Technik in den Fokus, die in Dänemark und der Schweiz bereits größer ausgerollt wird, in Deutschland aber wegen strenger Vorgaben bislang nicht im Regelbetrieb erlaubt war. Offen bleibt, wann eine neue gesetzliche Grundlage den Einsatz im großen Stil ermöglicht.

In Lüneburg fällt der Startschuss für ein bundesweit beobachtetes Pilotprojekt zur Wärmeversorgung: Wärme soll künftig nicht nur aus klassischen Quellen wie Erdgas, Abwärme oder Wärmespeichern kommen, sondern aus Trinkwasser selbst. Der Energieversorger Avacon stellt dabei die zentrale Idee in den Mittelpunkt, die Trinkwasserverteilung zugleich als Energiepfad zu nutzen. Konkret geht es um ein Wasserwerk, in dem eine Pilotanlage zunächst für die Eigenversorgung dient und Gebäude auf dem Werksgelände beheizt.
Technisch betrachtet setzt die Anlage auf einen Wärmetauscher, der dem Trinkwasser kontrolliert Wärmeenergie entzieht. In der Darstellung des Betreibers wird ein Temperaturabfall von bis zu vier Grad genannt. Dieser Teilprozess erfolgt im Wasserwerk „Rote Bleiche“: Dort wird ein kleiner Anteil der thermischen Energie aus dem Trinkwasser entnommen und anschließend an eine Wärmepumpe übertragen. Die Logik dahinter ist vergleichsweise klar: Die Wärmepumpe hebt das Temperaturniveau der gewonnenen Wärme so an, dass sie sich für das Heizen im Gebäudebetrieb eignet, statt lediglich als „verlorene“ Kälte oder Wärme im Prozess zu verschwinden.
Besonders relevant für die Praxis ist die Frage, wie sich dieser Energieentzug im Betrieb integrieren lässt, ohne die Rückführung des Trinkwassers zu gefährden. Avacon beschreibt, dass das um vier Grad abgekühlte Trinkwasser wieder ins Versorgungsnetz zurückgeführt wird. Das bedeutet: Die Anlage muss im Zusammenspiel mit Hydraulik, Wasserführung und Temperaturführung so ausgelegt sein, dass die thermische Behandlung kontrolliert bleibt und keine unerwünschten Effekte in der Lieferkette entstehen. Für Unternehmen und Kommunen ist das auch deshalb wichtig, weil kommunale Wärmeplanung typischerweise nicht bei „einer“ Anlage endet, sondern sich an Netzen, Lastprofilen und Zeitplänen orientiert, die mit Wasser- und Infrastrukturprozessen zusammenpassen müssen.
Der Pilot soll laut Betreiber perspektivisch eine Größenordnung erreichen, die den Sprung von der Demonstration in Richtung Skalierung erahnen lässt: Etwa ein Viertel der Haushalte in Lüneburg könnte auf diese Weise mit Wärme versorgt werden. Gleichzeitig liefert der Vergleich mit anderen Ländern den politischen und technischen Kontext. In Dänemark und der Schweiz sind größere Anlagen dieser Art bereits im Einsatz; damit existieren Erfahrungswerte, wie das Prinzip in der Breite funktionieren kann. Für Deutschland ist die Hürde bislang allerdings eine regulatorische: Der Regelbetrieb wird aufgrund der strengen Trinkwasserverordnung nicht zugelassen. Das ist weniger ein technisches als ein Governance-Thema, das entscheidet, ob Skalierung nur „später“ oder tatsächlich „grundsätzlich“ möglich ist.
Auch das Zeitproblem wird im Projekt selbst angesprochen. Niedersachsens Umweltminister Christian Meier eröffnete die Pilotanlage und ordnet sie als Baustein für die kommunale Wärmeplanung ein. In seiner Argumentation geht es nicht nur um die Wärmeversorgung, sondern auch um Klimaanpassung: Wärme könnte dem Minister zufolge ebenso als Werkzeug dienen, um Energie aus überhitzten Gewässern zu gewinnen. Damit verknüpft das Projekt zwei sonst getrennte Diskurse—Energiewende und Klimawandel – und übersetzt sie in eine konkrete Infrastrukturidee: Wo Wärme im System vorhanden ist, soll sie stofflich und thermodynamisch genutzt werden, statt nur auf steigende Temperaturen zu reagieren.
Für Betreiber von Wasserwerken, Stadtwerke und die für Netze zuständigen Planungsstellen stellt sich jetzt die Frage nach dem „Wie“ von der Pilotanlage zur Fläche. Selbst wenn ein Temperaturentzug von bis zu vier Grad technisch beherrschbar ist, entscheidet bei der Skalierung die Dimensionierung: Wie viele Wärmetauscher pro Standort, wie sich die Lastkurven saisonal verändern und wie sich der Betrieb in Spitzenzeiten auf die Rücklauftemperaturen und die Systemeffizienz auswirkt. Hinzu kommt die Schnittstelle zur Wärmepumpe und zur Wärmeverteilung: Je nachdem, welche Temperaturlevel am Wärmenetz bereitgestellt werden müssen, steigt oder sinkt der Bedarf an elektrischer Antriebsleistung und damit die Wirtschaftlichkeit. Der Pilot in Lüneburg liefert in diesem Sinne vor allem Mess- und Betriebsdaten, die später in eine belastbare Annahme- und Genehmigungslogik übersetzt werden müssen.
Für die nächsten Monate dürfte daher weniger die grundsätzliche Machbarkeit im Vordergrund stehen, sondern die Kombination aus Betriebserlaubnis, Stabilität und politischer Anschlussfähigkeit. Da bislang keine Prognose genannt wird, wie lange es dauert, bis ein neues Gesetz den Einsatz auch im großen Stil erlaubt, hängt der Zeithorizont stark an regulatorischen Entscheidungen. Umso wichtiger ist, dass die Pilotanlage ihre Ergebnisse so dokumentiert, dass sie bei späteren Bewertungen – etwa zur Frage der Auswirkungen auf Trinkwasserqualität und Prozesssicherheit – direkt verwertbar sind. Für den Markt bedeutet das: Wer kommunale Wärmevorhaben plant, kann die Technik als Option mitdenken, muss aber zugleich die rechtliche Freigabe als Engpass behandeln.
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