WASHINGTON, DC / LONDON (IT BOLTWISE) – Die libanesische Armee wirft Israel vor, den Aufbau von „pilot zone“-Sicherheitsstrukturen im Süden weiter zu blockieren, obwohl zuvor ein US-begleitetes Abkommen einen schrittweisen Rückzug vorsah. Konkret nennt sie anhaltende Beschuss- und Räumoperationen, die den geplanten Übergang von Kontrolle vor Ort verzögern. Während drei Dörfer als erste Phase der israelischen Rückzugsroute gelten, berichten die Streitkräfte zugleich von zerstörter Infrastruktur und vorläufigen Einschränkungen für die Rückkehr der Zivilbevölkerung. Im Konflikt bleibt offen, wie schnell und unter welchen Bedingungen Israel weiter abzieht – und welche Rolle dabei die Forderung nach einem vollständigen Abzug ohne Bedingungen spielt.

Israel soll Abkommen in Libanon-Pilotzonen ausbremsen – Vorwürfe der Armee
Israel soll Abkommen in Libanon-Pilotzonen ausbremsen – Vorwürfe der Armee (Foto: IT BOLTWISE)
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Im südlichen Libanon eskaliert der Streit um die Umsetzung eines US-begleiteten Abkommens zunehmend in Richtung eines operativen Patt: Die libanesische Armee behauptet, Israel verstoße gegen Vereinbarungen, indem es die vorgesehenen „pilot zones“ noch nicht in der geplanten Weise für den Übergang lokaler Sicherheitsverantwortung freigibt. Laut Angaben des Militärs führt die israelische Seite demnach weiterhin Beschuss- und „Clearance“-Vorgänge durch, die verhindern sollen, dass libanesische Truppen die vereinbarte Kontrolle über einzelne Dörfer vollständig übernehmen. Der Konflikt dreht sich damit nicht primär um politische Rhetorik, sondern um den konkreten Zeitplan und die praktische Logistik des Übergangs von Sicherungszonen.

Hintergrund ist der jüngst einsetzende Versuch, den Rückzug israelischer Einheiten in mehreren Phasen zu organisieren. Die libanesische Seite ordnet die Umsetzung dabei strikt entlang der so genannten Pilotzonen: Für die erste Phase seien drei Orte ausgewählt worden, darunter Zawtar al-Gharbiya, Froun und Srifa. Die Aussage der Armee zielt auf die Lücke zwischen formaler Vereinbarung und realer Feldlage. So wird betont, dass die fortgesetzten Angriffe den Abschluss der Truppenverlegung behinderten und die Rückkehr von Bewohnern in Dörfer und Ortschaften erschwerten. Gerade dieser Punkt ist für die Glaubwürdigkeit eines Abkommens entscheidend: Selbst wenn auf dem Papier ein schrittweiser Rückzug vereinbart ist, müssen in der Praxis sichere Zugangswege, das Räumen von Gefahrenzonen und überprüfbare Kontrollübergaben aufeinander abgestimmt werden.

Besonders heikel sind dabei nach Darstellung der libanesischen Armee die Details der Sicherheits- und Räumoperationen, weil sie unmittelbar die Bewegungsfreiheit der Zivilbevölkerung und die Einsatzfähigkeit lokaler Kräfte beeinflussen. So sei es in Teilen von Zawtar, Tibnit und Nabatieh al-Fawqa weiterhin zu israelischem Beschuss gekommen, obwohl die Zivilbevölkerung bereits zurückgekehrt sein soll. Die Armee nennt zudem mehrschrittige Aktivitäten wie Bulldozing, Shelling sowie „combing operations“ mit Maschinengewehren in einer Reihe weiterer Orte, darunter Nabatieh, Hdda, Kunin, Bint Jbeil, Nabi Ibel al-Saqi, Khiam, al-Mansouri, Bayt al-Siyad sowie Majdal Zoun in der Region Tyre. Solche Formulierungen stehen typischerweise für eine Kombination aus Gelände- und Sicherungsmaßnahmen, die in unmittelbarer Umgebung von Wohngebieten die Wiederaufnahme normaler Infrastrukturprozesse erheblich verzögern können.

Ein zusätzlicher Belastungsfaktor liegt in der Infrastruktur und in der Frage, ob die Rückkehr von Familien nicht nur räumlich, sondern auch funktional ermöglicht wird. Die libanesische Darstellung verweist auf die Zerstörung eines Wasserprojekts in Markaba und beschreibt zugleich das Niederwalzen von Olivenbäumen sowie großflächige Zerstörungen von Ackerland in der Umgebung von Aitaroun. Für die Menschen vor Ort bedeutet das in der Regel einen doppelten Bruch: Einerseits müssen sie Gefahrenzonen und mögliche Kampfmittelreste in und um Wohnbereiche berücksichtigen, andererseits geraten Landwirtschaft und Versorgung in eine Phase, in der selbst nach einem Waffenstillstand oder einem Rückzug der unmittelbare Wiederaufbau kaum sofort möglich ist. Wenn Quellen zudem berichten, dass Rückkehrer Wohnungen finden, die faktisch zu Trümmerstrukturen geworden sind, wird die Abkommensfrage schnell zur humanitären und praktischen Überlebensfrage.

Auf der israelischen Seite wird demgegenüber argumentiert, die Präsenz im Süden sei notwendig, um auf die Bedrohung durch die im Iran unterstützte Miliz zu reagieren. Diese Position kollidiert allerdings mit dem, was die libanesische Seite als Kern des US-vermittelten Deals beschreibt: einen schrittweisen Rückzug Israels und einen damit verbundenen Übergang der Sicherheitsverantwortung. Die libanesische Armee betont, dass die Rückführung der Kontrolle nur dann abgeschlossen werden könne, wenn Israel die geplanten Schritte nicht durch neue Einsätze unterläuft. Zugleich wird berichtet, dass Israel weitere Bewegungen oder Übergaben offenbar an Bedingungen knüpfen wolle – die libanesische Darstellung verortet diese Logik in der Forderung, die Milizgründung müsse „dismantelt“ werden, bevor der nächste Schritt erfolgt. In dem Konflikt bleibt damit die zentrale Streitfrage bestehen, ob der Abzug ohne Bedingungen stattfinden kann oder ob Sicherheitsanforderungen als Vorwand für eine fortlaufende Verzögerung dienen.

Die politischen Impulse rund um Washington machen deutlich, wie sehr die Lage auch auf diplomatischer Ebene unter Zeitdruck steht. Berichten zufolge besuchte der libanesische Präsident Joseph Aoun zuletzt Donald Trump in Washington, DC, mit dem Ziel, Israel zur Einhaltung des Abkommens zu bewegen. Gleichzeitig ist die jüngste Eskalationsdynamik jüngeren Ereignissen geschuldet: Im März kam es erneut zu Kämpfen, nachdem die Miliz Raketen auf Israel abgefeuert hatte, als Reaktion auf den Konflikt zwischen den USA und Israel im Umfeld des Iran sowie auf die Tötung des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei. Diese Vorgeschichte erklärt, warum beide Seiten dem jeweiligen Gegner eine strategische Absicht unterstellen: Für Israel steht die Verhinderung eines Wiederaufbaus militärischer Strukturen im Vordergrund, für die libanesische Seite dagegen die Wiederherstellung von staatlicher Kontrolle und die Möglichkeit für die Bevölkerung, in ihre Orte zurückzukehren.

Für Beobachter liegt die entscheidende Frage daher weniger in der Existenz des Abkommens als in der operativen Umsetzbarkeit: Pilotzonen funktionieren nur dann, wenn der Übergang von Kontrolle mit klaren Exit-Kriterien verbunden ist. In den Aussagen der libanesischen Armee taucht genau dieses Problem auf: Es bestehe anhaltende Besorgnis über das Fehlen eines klaren Zeitplans, wann Israel sich tatsächlich vollständig zurückziehen werde. Gleichzeitig zeigt der Verweis auf mehrere betroffene Orte, dass die Sicherheitslage nicht auf einzelne Grenzen reduziert werden kann, sondern breit in den Alltag hineinwirkt – bis hin zu Wasserinfrastruktur, Landwirtschaft und der Frage, ob aus „Rückzug“ wirklich „Wiederaufbau“ wird. Bis sich die Feldrealität an den Zeitplan der Vereinbarung angleicht, bleibt das Risiko bestehen, dass beide Seiten das Narrativ des Rechtsbruchs gegeneinander ausspielen und damit eine Deeskalation nur auf dem Papier stattfindet.


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