LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin bleibt nach dem Rücksetzer aus dem Herbst 2025 weiter unter dem früheren Rekordkurs und steckt damit in einer zähen Verlustphase. Eine Makro- und On-Chain-Analyse verknüpft das aktuelle Bild mit realen Renditen, einem festeren US-Dollar und restriktiven Liquiditätsbedingungen. Besonders aufmerksamkeitsstark: Laut den Daten gab es im laufenden Zyklus erstmals eine wichtige Schwelle, bei der mehr Wallets im unrealisierten Verlust als im Profit landen. Der Beitrag zeigt außerdem, wie die Zinserwartungen und schwächere ETF-Nachfrage den Druck auf den Markt zusätzlich erhöht haben.

Bitcoin hat innerhalb von rund sechs Monaten spürbar an Wert verloren und notiert damit weiterhin unter einem zentralen technischen und psychologischen Referenzniveau: Demnach fiel die Kryptowährung seit ihrem Oktober-2025-Rekord nahe 126.000 US-Dollar um mehr als 50% und verbrachte anschließend 275 Tage unter diesem Hoch. Damit beschreibt die Lage nicht nur einen kurzfristigen Ausverkauf, sondern eine längere Phase, in der sich das Marktgeschehen offenbar nicht schnell erholen konnte. Auch das erste Halbjahr 2026 endet mit einem Kursbereich um 60.000 US-Dollar, nachdem sich seit Januar ungefähr ein Rückgang von 32% ergeben hat. In der Marktlogik ist das relevant, weil solche Drawdowns häufig als „Zeitfenster“ wirken: Je länger der Preis unter einem früheren Spitzenwert verharrt, desto mehr verschieben sich Erwartungen von Momentum hin zu Fundamentaldiskussionen.
Auf der On-Chain-Seite liefert die Analyse einen Hinweis, der über reine Kursbewegungen hinausgeht. Genannt werden 10,83 Millionen BTC in unrealisiertem Verlust, während 9,22 Millionen BTC noch profitabel sind. Entscheidend ist dabei das von der Studie beschriebene „Loss-Over-Profit“-Crossover: Erstmals im aktuellen Marktzyklus kippt das Verhältnis so, dass mehr Coins in Wallets liegen, deren Inhaber bei Verkauf mit Verlusten rechnen müssten. Historische Muster, so der Tenor, tauchen bei großen Bitcoin-Bodenbildungen in der Nähe solcher Umschwünge auf und gehen später oft mit Erholungen einher. Gleichzeitig wird aber auch betont, dass historische Analogien nicht automatisch eine Garantie sind. Für Analysten heißt das praktisch: On-Chain-Kennzahlen liefern ein starkes Stimmungs- und Statusbild, aber sie ersetzen nicht die Notwendigkeit, das makroökonomische Umfeld mitzubeobachten.
Damit rückt der zweite Teil der Argumentation in den Vordergrund: Der schwache Verlauf wird überwiegend mit makroökonomischen Bedingungen statt mit kryptospezifischen Entwicklungen erklärt. Im ersten Halbjahr 2026 habe sich das Marktgeschehen von „Liquiditäts-Erwartungen“ stärker in Richtung „ökonomische Fundamentaldaten“ verschoben, heißt es in der Analyse. Auffällig ist vor allem die Veränderung der Zinsnarrative. Während viele Marktteilnehmer zunächst noch auf aggressive Zinssenkungen hofften, zeigen die Terminmärkte nun offenbar eine andere Gewichtung: Für den Zeitraum bis Dezember wird eine rund 80%ige Wahrscheinlichkeit für eine weitere Federal-Reserve-Erhöhung eingepreist. Für Bitcoin ist das ein ungünstiger Mechanismus, weil strengere Finanzierungsbedingungen typischerweise Risikoassets belasten und kurzfristig die Bereitschaft senken, in volatile Positionen umzuschichten.
Die Studie ordnet den Druck außerdem über zwei klassische Makrokanäle ein: höhere reale Renditen und ein stärkerer US-Dollar. In der Praxis bedeutet das, dass Kapital realrenditegetrieben und damit häufig „ankernd“ in sicheren oder zumindest liquideren US-Dollar-nahen Instrumenten verbleibt. Selbst wenn es in einzelnen Sektoren zu Aufholbewegungen kommt – etwa durch Optimismus rund um KI-bezogene Wachstumsstorys bei Technologieaktien – kann Bitcoin zeitweise zurückfallen, weil der Bewertungsmodus nicht synchron laufen muss. Entscheidend ist dabei nicht, ob es gute Nachrichten im Tech-Ökosystem gibt, sondern ob die Geldpolitik und die Liquiditätslage das Risikoempfinden im breiteren Markt stützen. Zusätzlich wirkt eine resilienter wahrgenommene US-Konjunktur: Wenn weniger Hoffnung auf baldige Zinssenkungen besteht, wird die Erwartungsdynamik zäh, und damit bleibt der Kapitalzufluss in spekulativere Segmente häufig verhalten.
Ein weiterer Hebel ist die Inflationserzählung. Im Kontext der Analyse wird ein Anstieg der Kernrate des PCE auf 3,4% genannt – der höchste Stand seit Ende 2023. Solche Zahlen sind nicht nur „ein statistischer Wert“, sondern steuern die Wahrscheinlichkeit, dass die Zentralbank den Straffungskurs schneller beendet. Für Investoren heißt das: Der Zeithorizont für sinkende Finanzierungskosten verschiebt sich. Parallel wird argumentiert, dass dieser Hintergrund auch die Nachfrage nach Krypto insgesamt schwächt. Besonders sichtbar wird das bei den US-Spot-Bitcoin-ETFs: Für das erste Halbjahr 2026 werden 5,4 Milliarden US-Dollar an Nettoabflüssen genannt. In einem Markt, der stark auf erwartete Zuflüsse reagiert, kann das wie ein Bremsklotz wirken – selbst dann, wenn langfristige Halter aus Überzeugung am Asset festhalten.
Technisch betrachtet lohnt sich zudem der Blick auf den Zusammenhang zwischen dem Kursniveau und der On-Chain-Verteilung. Die Kombination aus 275 Tagen unter dem Hoch von etwa 126.000 US-Dollar und einem Gleichgewichtskippen hin zu unrealisierten Verlusten deutet darauf hin, dass viele Marktteilnehmer nicht in kurzer Zeit wieder „grünes Licht“ für Verkäufe bekommen. Wenn mehr Coins als zuvor in der Verlustzone sind, steigen häufig auch die Anreize für geduldiges Halten („Dip“-Hoffnung), aber ebenso kann das Marktverhalten beim nächsten Impuls stärker schwanken: Bei Erholungsbewegungen wollen manche Positionen dann trotzdem aussteigen, um Verluste zu begrenzen. Der Effekt ist weniger ein einzelnes Ereignis als ein langsamer Wandel in der Bereitschaft, Risiko weiter zu tragen. Genau deshalb ist das Timing der makroökonomischen Daten – Renditen, Dollar, Liquidität – in diesem Setup häufig der dominante Treiber.
Für Unternehmen und besonders für Teams, die sich mit Krypto als Risiko- oder Investitionsbaustein beschäftigen, ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Die nächste Marktphase dürfte weniger von „Crypto-nur“-News abhängen als von der Frage, ob sich die Finanzierungsbedingungen messbar lockern. Solange restriktive Erwartungen anhalten und Kerninflation hoch bleibt, bleibt der geldpolitische Druck im Hintergrund aktiv. Gleichzeitig schafft ein On-Chain-Kennzahlbild wie das Loss-Over-Profit-Crossover eine messbare Grundlage, um Zyklen frühzeitig zu beobachten – nicht als Auslöser, sondern als Frühwarnindikator für veränderte Marktmechanik. Beobachter werden deshalb in den kommenden Wochen vor allem verfolgen, ob sich die ETF-Flows stabilisieren, ob reale Renditen und der US-Dollar in eine entlastende Richtung drehen und ob Bitcoin den Sprung aus dem „unter dem Hoch“-Regime schafft. Erst wenn diese Faktoren zusammenpassen, dürfte der Markt das Potenzial haben, den Drawdown strukturell zu beenden.
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