BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Vereinigten Arabischen Emirate drängen auf neue Projekte mit Deutschland zur Abwehr von Drohnen und Raketen. Vor einem Staatsbesuch soll Berater Anwar Gargasch konkrete Kooperationen anstoßen. Parallel treiben die Emirate laut den Gesprächen auch massive KI-Investitionen voran und wollen dabei deutsche Kompetenz nutzen.

Die Planungen für einen Staatsbesuch in Berlin drehen sich nicht nur um klassische Rüstungsthemen, sondern auch um die Frage, wie schnell sich Schutzsysteme an neue Bedrohungsmuster anpassen lassen. Berater Anwar Gargasch macht dabei besonders die Abwehr von Drohnen und Raketen zum Kernpunkt und knüpft die gewünschte Zusammenarbeit direkt an konkrete Fähigkeiten, die seiner Darstellung zufolge nicht mehr ausreichen. In der Argumentation spielt ein Blick auf den Iran-Krieg eine zentrale Rolle: Dort seien laut Gargasch 3.000 iranische Raketen und Drohnen auf zivile Ziele gerichtet gewesen, wobei zwar 97 Prozent abgefangen worden seien, die verbleibende Restbedrohung aber dennoch spürbar bleibt.
Technisch betrachtet verschiebt dieser Fokus den Schwerpunkt weg von reinem „Abfangen“ hin zu einem Gesamtansatz aus Sensorik, Zielerfassung und Wirkverbund. Drohnen- und Raketenbedrohungen unterscheiden sich häufig nicht nur in Flugprofil und Geschwindigkeit, sondern auch in ihrer Unberechenbarkeit durch mögliche Mehrfachsalven, Täuschkörper oder wechselnde Flugbahnen. Genau hier entsteht der Bedarf an wiederholbarer Datenverarbeitung und an KI-gestützten Entscheidungsprozessen: Systeme müssen Bedrohungen möglichst früh identifizieren, ihre Priorität dynamisch bewerten und Abfangentscheidungen unter Zeitdruck auslösen. Wenn die Emirate dafür „gemeinsame Projekte“ mit Deutschland anstoßen wollen, zielt das im Kern darauf ab, Abwehrkomponenten schneller zu kalibrieren und zu verbessern, statt Erfahrungen erst in späteren Programmzyklen in neue Versionen zu überführen.
Parallel zur Verteidigungskooperation rückt ein zweites strategisches Ziel in den Mittelpunkt: Künstliche Intelligenz. Gargasch stellt heraus, dass die Emirate bei dieser Technologie mit Saudi-Arabien mithalten wollen und dabei deutsche Kompetenz einbinden möchten. Der angestrebte Schulterschluss in Berlin umfasst damit sowohl die Frage, wie Verteidigungssysteme in der Praxis funktionieren, als auch, wie KI-Kompetenzen insgesamt in Trainings-, Auswertungs- und Entscheidungsprozesse eingebettet werden. Für Unternehmen, die in der Schnittstelle zwischen Verteidigungstechnik, Dateninfrastruktur und KI-Entwicklung arbeiten, bedeutet das vor allem eins: Der Bedarf verlagert sich von einzelnen Produktlieferungen hin zu integrierten Lösungen, bei denen Modelle, Datenpipeline und Betriebskonzepte zusammen gedacht werden.
Eine weitere Stellschraube kommt aus der Handelspolitik. Deutschland habe bereits im März die strengen Exportregeln für Rüstungsgüter an die Emirate gelockert, heißt es in der Quelle. Der Hintergrund wird mit der Erfahrung aus den aktuellen Konflikten beschrieben: Die alten Beschränkungen seien von der Realitität überholt. Damit wird deutlich, dass sich regulatorische Rahmenbedingungen oft mit zeitlicher Verzögerung an die Geschwindigkeit technologischer und taktischer Entwicklungen anpassen. Wenn Gargasch außerdem fordert, Deutschland müsse „offener und pragmatischer“ handeln, verweist das indirekt darauf, dass staatliche Stellen ihre Exportprüfung stärker in einen Kontext stellen wollen, in dem hybride Angriffe und Drohnenbedrohungen als dauerhafte Problemklasse verstanden werden.
Gleichzeitig mahnt Gargasch zu langfristiger Planung statt kurzfristiger Hoffnungen. Im Iran-Konflikt gebe es seiner Warnung zufolge keine schnellen Lösungen, Europa und die Golfländer müssten sich auf „langfristig instabil“ eingestellen. Diese Perspektive wirkt sich auch auf die Technologie-Roadmaps aus: Wer Abwehrfähigkeiten aufbaut, muss mit wiederkehrenden Anpassungen rechnen, etwa bei Zielprofilen, feindlichen Gegenmaßnahmen und bei der Wirksamkeit verschiedener Sensor- und Effektorklassen. Für die deutsch-arabische Zusammenarbeit wäre damit weniger entscheidend, ob einzelne Systeme „jetzt“ perfekt passen, sondern ob sich Trainings- und Validierungszyklen kontinuierlich anpassen lassen. In der Praxis heißt das: Robustere Prozesse für Auswertung, Modell-Update und Systemintegration werden langfristig wichtiger als punktuelle Technologie-Demonstrationen.
Für Deutschland liegt in der Kooperation damit eine doppelte Chance: Einerseits kann die eigene Leistungsfähigkeit bei der Drohnenabwehr konkret verbessert werden, weil der Austausch über Anforderungen und Einsatzrealität neue Prioritäten setzt. Andererseits können deutsche Anbieter und Entwicklungsteams potenziell von den KI-Investitionen der Emirate profitieren, die als Signal für einen breiteren Ausbau von KI-Infrastruktur und Know-how gelesen werden. Dass Gargasch die Gespräche in Berlin zudem im Kontext der Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz verortet, unterstreicht den politischen Charakter des Vorhabens. Entscheidend wird am Ende, wie schnell aus den Verabredungen belastbare Projekte mit definierten Test- und Integrationsschritten werden, denn bei Drohnenabwehr zählt oft die Zeitachse zwischen Bedrohungsänderung und technischer Nachrüstung.
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