VENEDIG / ROM / LONDON (IT BOLTWISE) – Venedig hat in diesem Jahr dank einer zeitlich begrenzten Eintrittsgebühr erstmals mehr als fünf Millionen Euro eingenommen. Während der Saison zahlten rund 650.000 Tagesgäste in den definierten Terminen – bei üblichen zehn Euro, ermäßigt auf fünf Euro bei früher Buchung. Bürgermeister Simone Venturini deutet an, dass die Gebühr im nächsten Jahr deutlich steigen könnte. Gleichzeitig wächst der politische Abstimmungsbedarf mit der Regierung in Rom, während juristische Zweifel an einer möglichen Obergrenze von 50 Euro nicht verschwinden.

Venedig testet seit 2024 ein Modell, das in anderen europäischen Tourismus-Hotspots bislang eher als Gedankenspiel galt: Tagesbesucher zahlen für den Zugang zu den stark frequentierten Bereichen „wie im Museum“. Wie die Stadt nach dem Ende der diesjährigen Bezahlsaison berichtet, hat sie damit in diesem Jahr mehr als fünf Millionen Euro eingenommen – so viel wie noch nie. Entscheidend ist dabei nicht nur der Erlös, sondern auch die Akzeptanz in der Praxis: Bei mehr als 650.000 zahlenden Tagesgästen ging die Zahl der Besucher offenbar nicht spürbar zurück, obwohl Venedig weiterhin unter Massentourismus leidet.
Die konkrete Ausgestaltung erklärt, warum die Regelung für viele Gäste zwar spürbar ist, aber nicht als flächendeckendes Eintrittsverbot wirkt. Seit April mussten Tagesbesucher an insgesamt 60 Terminen Eintritt zahlen – unabhängig davon, wie lange sie sich in der Lagunenstadt bewegen. Laut der veröffentlichten Struktur lag die Gebühr in der Regel bei zehn Euro, während ein Rabatt von fünf Euro für diejenigen galt, die mindestens drei Tage zuvor buchten. Wer als Tourist länger blieb, war von der Tagesbesuchsgebühr ausgenommen, musste dann jedoch eine Übernachtungsabgabe entrichten. Für die Stadt ist das ein zentraler Hebel: Die Gebühr trifft vor allem den kurzfristigen „Durchlauf“-Tourismus, der in Spitzenzeiten besonders stark auf Infrastruktur und öffentliche Flächen drückt.
Dass sich die Regelung inzwischen von einer „Testphase“ entfernt, liegt nicht allein an der Einnahmeseite, sondern auch an der Planbarkeit fürs laufende Jahr. Für den Rest des Jahres können Tagesgäste in Venedig inzwischen ohne Bezahlung einreisen, die nächste Runde ist bereits angedeutet – vermutlich wieder rund um das Osterwochenende. Inhaltlich verschiebt sich damit die Debatte von „Funktioniert das überhaupt?“ zu „Wie hoch darf es werden, ohne politisch und rechtlich ins Risiko zu laufen?“ Genau hier kommt der neue Bürgermeister Simone Venturini ins Spiel, der bereits andeutete, dass die Preise künftig deutlich höher ausfallen könnten.
Venturini, ein Mitte-Rechts-Politiker, brachte für bestimmte Termine im Gespräch eine Spanne von 30 bis 50 Euro ins Feld. Damit würde die Stadt nicht nur die bisherige zehn-Eurowohltemperierte Schwelle deutlich überschreiten, sondern die Gebühr auch stärker als Steuerungsinstrument nutzen: Höhere Preise sollen den Zustrom in besonders überlasteten Zeitfenstern verringern, und sie sollen zugleich einen Teil der Kosten abdecken, die der Massentourismus auslöst – von Belastungen für den öffentlichen Raum bis zur Frage, wie viel Betrieb und Reinigung in Spitzenzeiten notwendig sind. Allerdings ist die Entscheidung nicht vollständig in Venedigs Hand. Auch die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni in Rom muss zustimmen, weil Venedig damit rechtlich und administrativ in einen Bereich hineinsteuert, der über kommunale Maßnahmen hinausreicht.
Der Hintergrund ist bekannt, aber in Zahlen immer wieder ernüchternd: Venedig hat weniger als 50.000 Einwohner in der Altstadt, während gleichzeitig jährlich Millionen Touristen kommen. Die Stadt bekommt das nicht nur am äußeren Erscheinungsbild mit heruntergekommenen Gebäudeteilen zu spüren, sondern auch am Müll und an der Belastung durch die vielen gleichzeitigen Wege über Plätze und Brücken. In der Praxis stehen dabei auch Kapazitätsfragen im Raum: Inzwischen gibt es deutlich mehr Hotelbetten als Einwohner – ein Ungleichgewicht, das sich in der Logik des „Tagesstroms“ noch verstärkt. Genau deshalb ist es für die Stadt so attraktiv, über zeitlich begrenzte Eintrittstermine zu regulieren, statt dauerhaft den Zugang zu blockieren.
Gleichzeitig melden Kritiker juristische und grundrechtliche Bedenken an. Aus Sicht von Experten könnte eine Gebühr von 50 Euro als Einschränkung der Bewegungsfreiheit interpretiert werden. Diese Argumentation ist politisch relevant, weil sie das eigentliche Ziel der Preislogik berührt: Selbst wenn Massentourismus spürbar Schäden verursacht, muss die Kommune ihre Steuerungsmaßnahmen so begründen, dass sie im Rahmen bestehender Rechte bleiben. Zudem bleibt offen, ob ein deutlich höherer Betrag tatsächlich das gewünschte Verhalten erzeugt oder ob er lediglich einen Teil der Nachfrage umverteilt – etwa in Richtung früherer Buchungen, stärkerer Bündelung auf bestimmte Tage oder mehr Aufwand bei Ausweichrouten in benachbarte Viertel. Dass die Besucherzahlen bislang nicht zurückgegangen sind, nimmt zwar Druck aus der Debatte um die Akzeptanz, verhindert aber nicht die Diskussion über die verfassungsrechtliche Zulässigkeit.
Damit wird die nächste Entscheidungsphase für Venedig zum Belastungstest für ein ohnehin schwieriges Gleichgewicht. Das Modell richtet sich auf eine Stadt, die durch ihre Architektur, die vielen Kanäle und die Konzentration touristischer Hotspots ohnehin nur begrenzt „ausweichfähig“ ist. Wenn die Gebühr ab dem nächsten Jahr tatsächlich in Richtung 30 bis 50 Euro gehen sollte, entscheidet sich nicht nur die Einnahmenkurve, sondern auch, wie gut das Instrument im Zusammenspiel mit Rom funktioniert und wie robust es gegenüber rechtlichen Prüfungen bleibt. Für Unternehmen, Veranstalter und Plattformen, die Reisen nach Venedig organisieren, bedeutet das: Preissignale werden künftig noch stärker Teil der Angebotsplanung und des Ticketings – und die Frage, wann ein „Tagesbesuch“ beginnt oder endet, wird noch relevanter als bisher.
Politisch bleibt zudem die Symbolwirkung nicht außen vor. Venedig war 2024 als erste Stadt weltweit damit an die Öffentlichkeit gegangen, für einen Besuch „wie im Museum“ Eintritt zu erheben. Diese Vorreiterrolle führt dazu, dass jedes weitere Preisszenario genau beobachtet wird – nicht nur in der italienischen Tourismuspolitik, sondern europaweit. Am Ende geht es um die praktische Frage, wie sich ein Balanceakt aus Einnahmen, Besucherlenkung und rechtlicher Sicherheit gestalten lässt. Venedig hat mit mehr als fünf Millionen Euro im Testlauf geliefert, jetzt folgt die zweite Phase: die Skalierung – und das Risiko, dass aus „Steuerung“ ein Konflikt wird.
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