LONDON (IT BOLTWISE) – Während die SpaceX-Aktie im vorbörslichen NASDAQ-Handel zeitweise zulegt, bleibt das ambitionierte Konzept für KI-Rechenzentren im Erdorbit umstritten. Geopolitik-Analyst Peter Zeihan rechnet die Physik der Kühhlung, Abschirmung und Startlogistik für ein Gigawatt-System deutlich nach und kommt auf extrem hohe Hürden. Skeptisch äußern sich daneben auch Modelle aus der Energieberatung und ein Markt-Set-up auf Kalshi zur Wahrscheinlichkeit früher Betriebsstarts. Im Hintergrund läuft jedoch bereits ein Vertrag, in dem Anthropic SpaceX für Kapazitäten in terrestrischen Colossus-Rechenzentren bezahlt.

Die SpaceX-Aktie wird an diesem Punkt von zwei widersprüchlichen Signalen geprägt: Auf der Kursseite wirkt die Story „KI plus Infrastruktur“ stabilisierend, auf der technischen Seite bleiben gewichtige Fragen offen. Im vorbörslichen NASDAQ-Handel stieg das Papier zeitweise um 0,25 % auf 115,35 US-Dollar. Damit wirkt der Markt zunächst weniger auf die Details der orbitalen Rechenzentrums-Planung als auf den breiteren Umbau, den SpaceX nach der Übernahme von xAI im Februar 2026 gegenüber Investoren betonte: nicht mehr nur Raketenbetreiber, sondern vertikal integriertes KI-Unternehmen mit eigenen Rechenkapazitäten.
Genau hier setzt die Kritik an. Der Geopolitik-Analyst Peter Zeihan argumentiert öffentlich in einem Video, dass SpaceX’ Pläne für Rechenzentren im Orbit auf zu vielen Ebenen nicht realistisch seien. Sein Kernpunkt ist physikalisch: Ein Rechenzentrum mit Gigawatt-Leistung im Weltraum erfordert nach seiner Rechnung rund 500 Starship-Starts allein, um die Anlage aufzubauen. Gleichzeitig bezweifelt er, dass Hochleistungschips die Strahlungsumgebung im All ungeschützt überstehen; folglich brauche es eine umfassende Abschirmung. Für das entstehende Zusatzgewicht nennt er eine Größenordnung von rund 20 Millionen Pfund, was die Logistik und damit die Wirtschaftlichkeit unmittelbar verschiebt.
Noch stärker wirkt bei Zeihan das Kühlszenario. Auf der Erde transportieren Luft und Wasser Abwärme von Grafikprozessoren; im Vakuum existiert diese Möglichkeit nicht. Seine Schlussfolgerung: Es müssten allein über Kühllösungen mit sehr großer Oberfläche (mehrere Zehn Quadratkilometer) die thermischen Lasten beherrscht werden. Daraus leitet er wiederum eine Kostenordnung ab, die er für die Kühlrippen mit rund 250 Milliarden US-Dollar beziffert. Entscheidend ist dabei weniger die exakte Zahl als die Richtung: Wenn ein Design im All im Wesentlichen auf passiver Abstrahlung und massiver Abschirmung basiert, dann entstehen schnell Skalierungs- und Gewichtseffekte, die in frühen Business-Cases meist unterschätzt werden.
Die Wall Street rechnet offenbar ebenfalls skeptisch, aber in anderen Größenordnungen. Laut Berichten über ein Modell der Energieberatung Wood Mackenzie lägen die Gesamtkosten für ein orbitales Rechenzentrum mit einem Gigawatt Leistungsziel bei rund 170 Milliarden US-Dollar. Das ist deutlich weniger als Zeihans Ansatz, bleibt aber im Verhältnis zur terrestrischen Referenzanlage „mindestens“ etwa dreimal so hoch. Daneben zeigt auch ein Markt-Set-up zur Einschätzung künftiger Ereignisse, wie schwer es fällt, den Zeitplan zu glauben: Auf Kalshi wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein orbitales Rechenzentrum mit einem Megawatt noch vor Januar 2029 in den Betrieb geht, mit 14 % angegeben. Bis 2035 soll diese Quote nach der gleichen Logik auf 39 % steigen. Diese Spanne deutet weniger auf „keine Chance“ hin, sondern eher auf ein Timing- und Engineering-Risiko, das der Markt einpreist.
Trotzdem bleibt das eigentliche Geschäft für den Moment geerdet. Laut der Börsenzulassung positionierte sich SpaceX bei seinen Investoren nach der xAI-Übernahme als KI-Unternehmen, das die KI-Workloads zunehmend selbst orchestriert. Dort werden erste orbital startende KI-Rechensatelliten frühestens für 2028 genannt, mit einer Rechenleistung von mehr als 100 Kilowatt pro Tonne. Als langfristiges Ziel nennt SpaceX zudem 100 Gigawatt pro Jahr an gestarteter Kapazität. In der Praxis fließt die Umsatz-Story jedoch kurzfristig über terrestrische Hardware: Anthropic zahlt SpaceX seit Mai 2026 monatlich 1,25 Milliarden US-Dollar bis Mai 2029 für Kapazitäten in den terrestrischen Colossus-Rechenzentren. Der Vertrag kann von beiden Seiten mit einer Frist von 90 Tagen gekündigt werden, was wiederum zeigt, dass der Payoff des Orbit-Ansatzes wirtschaftlich noch nicht den Status eines gesicherten Kerngeschäfts erreicht hat.
In den Risikofaktoren des Börsenprospekts räumt SpaceX selbst ein, dass die orbitale Rechenleistung auf unbewiesenen Technologien beruht und wirtschaftlich möglicherweise niemals tragfähig wird. Das ist aus Marktsicht ein wichtiger Unterpunkt: Der Kapitalmarkt trennt häufig zwischen „technologischer Option“ und „monetarisierter Planbarkeit“. Genau deshalb kann die Aktie trotz harter physikalischer Argumente fester bleiben, solange die Finanzierung über bestehende Verträge läuft und der nächste messbare Meilenstein – die von SpaceX selbst gesetzten ersten orbitalen Testsatelliten im Jahr 2028 – als realistische Scharnierzeit erscheint. Ob Zeihans Einwände oder die deutlich vorsichtigeren Modellannahmen eher den Ton angeben werden, entscheidet sich vermutlich weniger an Marketing-Folien als an Tests: Wie stabil lassen sich thermische Lasten, Abschirmung und die Leistungskennwerte unter realen Betriebsbedingungen nachweisen?
Für Unternehmen und Entwickler folgt daraus eine nüchterne Marktanweisung. Wer KI-Workloads plant, sollte auch bei „Space-KI“ nicht nur auf die Vision schauen, sondern auf die technische Kette: Energieaufnahme, Wärmemanagement, Bauteil-Langlebigkeit, Wartungs- und Startlogistik sowie die Fähigkeit, Rechenleistung in einer konsistenten Servicequalität bereitzustellen. Gleichzeitig ist die bereits laufende terrestrische Monetarisierung ein Signal dafür, dass SpaceX die Auslieferung seiner Infrastrukturfähigkeit beweist, bevor die orbitale Stufe wirtschaftlich wirklich skaliert. Historisch betrachtet haben sich ambitionierte Compute-Konzepte im Luft- und Raumfahrtumfeld oft über erweiterte Testprogramme durchgesetzt, weil die Physik schwerer zu „software-definieren“ ist als die Rechenleistung selbst. Bis zur ersten belastbaren Datengrundlage im Zielzeitraum 2028 bleibt deshalb die zentrale Frage nicht, ob KI im All grundsätzlich möglich ist, sondern ob die Kosten- und Zuverlässigkeitskurven hinreichend schnell fallen, um aus einer Option einen belastbaren Betrieb zu machen.
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