SACHSEN-ANHALT / LONDON (IT BOLTWISE) – Rund sechs Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt macht Dieter „Didi“ Hallervorden Druck gegen die AfD. Er warnt, bei einem Wahlsieg könnte die Kulturlandschaft deutlich an Vielfalt verlieren, weil Fördermittel an politisches Wohlverhalten geknüpft würden. Als Reaktion auf die Umfragenlage startet er mit weiteren Kulturschaffenden eine landesweite Kampagne. Dazu gehört auch eine Tour zusammen mit dem Ministerpräsidenten Sven Schulze über das Bundesland, bei der es um die Rolle von Kunst in der Demokratie geht.

Dieter „Didi“ Hallervorden (90) geht kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt offen auf Konfrontationskurs zur AfD. Der Schauspieler, Kabarettist und Sänger meldet sich damit ungewöhnlich klar in einem Wahlkampf, der in vielen Medien vor allem über Personaldebatten und Koalitionsarithmetik geführt wird. Laut Hallervorden könne die AfD bereits dann zur entscheidenden Größe werden, wenn die derzeit aussichtsreich diskutierten Ampel-ähnlichen Optionen an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten: In diesem Fall sieht er die Möglichkeit, mit 40 Prozent eine absolute Mehrheit zu erreichen. Sein Kernargument lautet dabei nicht nur, dass die AfD politisch anders abstimmt, sondern dass sie Kunst und Kultur strukturell unter eine politische Logik stellen würde.
Die Aussage zielt auf den Bereich der Förderung und damit auf einen Hebel, der in der Praxis häufig über Programmfinanzierung, Projektanträge und langfristige Institutionenbindung wirkt. Hallervorden führt aus, die AfD fordere von Kunst und Kultur „ideologische Eindeutigkeit“ sowie „patriotische Pflichtbekenntnisse“. Entscheidend ist in seiner Darstellung die Konsequenz: Fördermittel könnten dann nicht mehr primär an künstlerische Qualität, regionale Relevanz oder gesellschaftliche Debattenfähigkeit gekoppelt sein, sondern an Kriterien, die am politischen Wohlverhalten ausgerichtet werden. Für ihn wäre das ein Prozess, der Wirkung über Jahre entfaltet: Die Kulturlandschaft werde eintönig, öde und langweilig, weil Abweichungen weniger Risiko und mehr Planungssicherheit für etablierte Akteure bedeuten würden.
Technisch betrachtet lässt sich diese Logik als Verschiebung von Governance verstehen: Wenn Budgets an formalisierte Zustimmungsindikatoren gebunden werden, verändert sich das Verhalten von Institutionen – nicht zwingend durch offene Vorgaben, sondern durch Erwartungsmanagement. Kulturelle Einrichtungen und freie Träger passen ihre Themenplanung oft pragmatisch an, weil Förderentscheidungen intransparenten Interpretationsspielraum eröffnen können. Genau hier setzt Hallervordens Kritik an: Es geht nicht nur um einzelne Programme oder Antragsrunden, sondern um die Frage, ob Kunst in Sachsen-Anhalt als öffentlicher Diskursraum gedacht bleibt oder in eine Richtung gelenkt wird, die politische Linie und künstlerische Position so stark überlagert, dass Vielfalt schwerer durchsetzbar wird. Die Debatte berührt damit auch klassische Spannungsfelder zwischen Meinungsfreiheit und staatlicher Kulturpolitik – mit einer direkten Auswirkung auf Künstlerinnen und Künstler sowie auf Publikumserwartungen.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Umfrageeinschätzung ergibt sich für seine Kampagne zusätzlich eine zeitliche Dringlichkeit. In der Meldung heißt es, die AfD werde in Sachsen-Anhalt laut Umfragen deutlich vor der derzeit regierenden CDU sowie allen anderen Parteien geführt. Damit verschiebt sich der Wahlkampf von der langfristigen Programmdiskussion hin zu der Frage, wie Koalitionen überhaupt zustande kommen und welche politischen Sicherungen gegen eine mehrheitlich dominierende Partei greifen können. Hallervorden ruft dazu nicht primär zu einem „Gegenkandidaten“-Ansatz auf, sondern zu einer Stimmentscheidung, die eine Regierungskonstellation verhindert, die aus seiner Sicht die Kulturlandschaft einseitig beeinflussen würde.
Seine Initiative ist dabei mehr als ein Wahlplakat: Er entwickelt gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden eine Kampagne, die Wählerinnen und Wähler ausdrücklich zu einer Alternative bewegen soll. In der Berichterstattung werden als Mitwirkende unter anderem Tatort-Schauspieler Axel Prahl und der Komiker Oliver Kalkofe genannt. Das zentrale Element der Empfehlung ist pragmatisch formuliert: Hallervorden rät, das Kreuz bei CDU, SPD, FDP, Grünen oder Linken zu setzen – also bei Parteien, die aus seiner Perspektive eine AfD-Regierungsbeteiligung oder -führung abfedern könnten. Daneben stellt er auch die Kommunikation über lokale Relevanz in den Vordergrund, statt ausschließlich bundespolitische Schlagworte zu bedienen.
Bemerkenswert ist auch die zusätzliche politische Einbindung über eine gemeinsame Tour mit dem Ministerpräsidenten Sven Schulze (CDU). Hallervorden spricht dabei – laut Darstellung – darüber, was eine lebendige Demokratie braucht und welche Rolle Kunst, Meinungsfreiheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt für die Stabilität einer Gesellschaft spielen. Diese Kombination aus Kulturappell und politischem Dialog ist strategisch: Sie adressiert zum einen Zielgruppen, die sich stärker über kulturelle Formate als über Parteitagsreden ansprechen lassen. Zum anderen ermöglicht sie, das Thema „Kulturpolitik als Demokratiethema“ in den Mittelpunkt zu rücken. Gerade weil Kulturförderung in der Regel nicht kurzfristig funktioniert, sondern in Planungszyklen und Trägerstrukturen verankert ist, hat die Diskussion für viele Akteure eine doppelte Bedeutung: Sie betrifft die Gegenwart der Wahl, aber auch die mittelbare Zukunft der Programme.
Für die Bewertung der Vorwürfe und die politische Einordnung ist es hilfreich, die Mechanik zu betrachten, wie Kulturpolitik tatsächlich gesteuert wird. In Deutschland entscheidet je nach Bundesland eine Kombination aus Landeshaushalt, Förderlogik und parlamentarischer Kontrolle über Rahmenbedingungen. Entscheidend ist, ob es eher allgemeine Kriterien gibt – etwa Qualitätsmaßstäbe, Bildungsziele oder regionale Kulturvernetzung – oder ob politische Loyalitätsaspekte zu einer zusätzlichen Bewertungsebene werden. Genau daran knüpft Hallervordens Warnung an: Wenn „ideologische Eindeutigkeit“ oder „patriotische Pflichtbekenntnisse“ als Maßstab in Förderprozessen hineinwirken, steigt für Projekte und Institutionen das Risiko, dass kontroverse Themen oder künstlerische Brüche als problematisch wahrgenommen werden. Das kann nicht sofort sichtbar sein, doch es zeigt sich häufig in Themenverschiebungen, in der Zurückhaltung bei experimentellen Formaten und in einer langsam sinkenden Bereitschaft, unkonventionelle Perspektiven zu fördern.
Am Ende bleibt die Wahlkampffrage in Sachsen-Anhalt auch eine Frage nach den Grenzen zwischen Kultur als öffentlichem Diskursraum und Kultur als politisch definiertem Erzählraum. Hallervorden wird dabei nicht nur als prominente Stimme wahrgenommen, sondern auch als Person, die frühere künstlerische Karriere mit einem bürgerlichen Demokratieverständnis verknüpft – geboren wurde er in Dessau, kurz vor dem Wahltag wird sein 91. Geburtstag gefeiert. Seine Botschaft ist damit bewusst persönlich und zugleich politisch zugespitzt. Ob und wie diese Argumente Wirkung entfalten, wird sich in der Wahlentscheidung zeigen – aber die Debatte selbst markiert bereits jetzt, dass Kulturpolitik im Landtagswahlkampf nicht nur Nebenkriegsschauplatz ist, sondern ein zentraler Konfliktpunkt um Freiheit, Pluralität und den Umgang mit gesellschaftlichem Zusammenhalt.
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