LONDON (IT BOLTWISE) – Ab dem 12. August 2026 setzt die EU-PPWR neue Regeln für Verpackungen und erweitert damit die Pflichten entlang der Lieferkette. Besonders in der Intralogistik rückt damit auch die Ergonomie von Abläufen stärker in den Fokus, weil Material- und Recyclinganforderungen mit Arbeitsschutz und Dokumentation zusammenhängen. Gleichzeitig entzündet sich an der Zustellpraxis eine Debatte über Gewichtsgrenzen und Zwei-Personen-Zustellung. Unternehmen müssen jetzt Prozesse, Schulungen und Technik rechtzeitig auf die verschärften Vorgaben ausrichten.

Die EU-Verpackungsverordnung PPWR tritt am 12. August 2026 in Kraft und zwingt Unternehmen in der Intralogistik zu einer doppelten Modernisierung: Erstens müssen Verpackungen in ihrer Zusammensetzung, Rezyklierbarkeit und Einstufung den neuen Kriterien entsprechen. Zweitens verschiebt sich der Schwerpunkt in den Betrieben auf die Frage, wie Materialflüsse und Zustellprozesse so gestaltet werden, dass Beschäftigte sicher arbeiten können. In der Praxis bedeutet das, dass Logistiker nicht mehr nur „grüner verpacken“, sondern auch die körperliche Belastung bei Handhabung, Kommissionierung und Transport so weit wie möglich reduzieren müssen. Das ist auch deshalb relevant, weil PPWR nicht an der Kante des Lagers endet, sondern die gesamte Lieferkette in die Pflicht nimmt.
Technisch beginnt die Anpassung an klar definierten Stoffgrenzen und neuen Regeln zur Verpackungsdefinition. Für Schwermetalle gilt in der Summe aus Blei, Cadmium, Quecksilber und Chrom(VI) ein Grenzwert von 100 Milligramm pro Kilogramm; zusätzlich treten Beschränkungen für PFAS in Verpackungen mit Lebensmittelkontakt in Kraft. Interessant ist vor allem die erweiterte Definition, was als Verpackung zählt: Künftig werden auch Hangtags sowie Kaffee- und Teekapseln und sogar Teebeutel als Verpackungen eingestuft. Damit landen mehr Artikel in bestehenden Sammel- und Recyclingsystemen – und Unternehmen müssen ihre Produkt- und Verpackungsdaten entsprechend konsistent pflegen. Bei Versandkartons, die mit dem Logo eines großen Online-Händlers gekennzeichnet sind, übernimmt dieser zudem die Rolle des Herstellers im Sinne der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR); dadurch verschiebt sich die Compliance-Verantwortung, während bestimmte Händler im Detail entlastet werden.
Parallel zur PPWR-Umsetzung steht die Ergonomie- und Gesundheitsdebatte in der Zustelllogistik. Ende Juli hatte Nikola Hagleitner, Vorständin bei DHL, eine gesetzliche Verpflichtung zur Zwei-Personen-Zustellung für Pakete mit mehr als 23 Kilogramm gefordert. Laut den Angaben des Unternehmens betrifft das derzeit etwa 1,1 Prozent der Sendungen im Gewichtsbereich zwischen 23 und 31,5 Kilogramm. Das ist mehr als eine Randnotiz, weil sich aus kleineren Prozentanteilen in Summe große Belastungsbilder ergeben können – vor allem, wenn Zustelltouren, Dienstpläne und Ausfallzeiten nicht mehr flexibel genug sind. Die Reaktionen in der Branche fallen unterschiedlich aus: Die Gewerkschaft fordert eine generelle Gewichtsgrenze von 20 Kilogramm, während Wettbewerber im Bundesverband Paket und Expresslogistik (BPEX) eine verpflichtende Zwei-Personen-Zustellung ablehnen. Der Kernkonflikt bleibt damit derselbe wie in vielen Arbeitsschutzthemen: operativer Aufwand versus notwendiger Schutz, plus die Frage, welche Verantwortung prozessual und rechtlich am Ende bei wem landet.
Unter Arbeitsschutzgesichtspunkten wird deshalb die lückenlose Gefährdungsbeurteilung zum zentralen „Connector“ zwischen Regelwerk und Alltag. Wenn Unternehmen manuelle Handhabung beibehalten, müssen sie die Belastungen systematisch erfassen und unterweisen; wenn sie automatisieren, müssen sie die neuen Risiken im Anlagenbetrieb ebenfalls bewerten. Intralogistik wird in der Urlaubszeit häufig anfälliger, weil Personalengpässe und wechselnde Einsatzmuster das Unfallrisiko erhöhen können. Genau hier setzen Sicherheitslösungen an: Personenschutzsysteme, Fahrerassistenz und Kreuzungssicherungen sollen helfen, das Lagergeschehen robuster zu machen, wenn die Routine im Team nicht durchgängig stabil ist. Unabhängig vom Grad der Automatisierung gilt: Eine rechtssichere Gefährdungsbeurteilung bildet das Fundament für sichere Abläufe – und damit auch für die Diskussion, ob Technik, Organisation oder zusätzliche Personalressourcen als Maßnahmenmix ausreichen.
Dass Automatisierung ein naheliegender Hebel ist, zeigen auch konkrete Beispiele aus der Industrie. BAUHAUS hat im Import- und Zentrallager in Krefeld die Containerentladung und Sortierung automatisiert und setzt dabei auf Rocky-Roboter von XYZ Robotics: Während RockyOne autonom entlädt, übernimmt RockyOne SE die Sortierung auf Paletten. Solche Systeme verlagern schwere oder repetitive Tätigkeiten aus der direkten Handarbeit in koordinierte Prozessschritte. Das entlastet Beschäftigte spürbar bei körperlich belastenden Aufgaben und erhöht zugleich die Prozessstabilität, weil Sortier- und Handhabungsabläufe weniger von Schwankungen im Tagesbetrieb abhängen. Für die PPWR-Praxis ist das zusätzlich interessant, weil optimierte Materialflüsse die Umsetzung von Recycling- und Mehrwegkonzepten technisch leichter machen: Wenn Verpackungen stärker standardisiert und sortiert werden, sinkt der Aufwand für Nacharbeit und Fehlwürfe.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Nachhaltigkeit und Effizienz, die PPWR über Mehrweg- und Kreislaufsysteme adressiert. Anbieter von Mehrwegverpackungen wie IFCO unterstützen ihre Partner laut Angaben bereits bei der Compliance. Die Mehrwegbehälter sollen durchschnittlich zu 39 Prozent aus Recyclingmaterial bestehen; für die Zukunft wird bis 2040 eine Quote von 25 Prozent angestrebt. Im Vergleich zu Einwegkartons werden dabei – ebenfalls den Unternehmensangaben zufolge – Einsparungen von bis zu 62 Prozent bei CO?-Emissionen und bis zu 80 Prozent beim Wasserverbrauch genannt. Eine Studie des Fraunhofer IML aus 2025 führt darüber hinaus einen funktionalen Vorteil an: Der Wechsel zu Mehrweglösungen reduziert die Beschädigung von Frischwaren um bis zu 98 Prozent. Dass es trotzdem Widerstände gibt, zeigt die Kampagne „Stop the Clock“, die von über 500 Unternehmen unterstützt wird und eine Verschiebung der PPWR um mindestens 24 Monate fordert. Der VDMA hingegen argumentiert, dass der Entwicklungsaufwand zwar hoch sei, die notwendige Digitalisierung jedoch neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen kann.
Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Priorisierung: Erstens müssen Verpackungsdaten, Materialparameter und EPR-Zuordnungen so aufbereitet werden, dass Compliance nicht zur Last-Minute-Aufgabe wird. Zweitens sollten Arbeitsschutzmaßnahmen nicht erst dann starten, wenn die ersten Pakete „unter der neuen Grenze“ ankommen, sondern parallel zur technischen Umstellung auf Automatisierung, Assistenz und sichere Prozessgestaltung. Wer Gefährdungsbeurteilungen, Unterweisungsunterlagen und Transportabläufe jetzt an PPWR koppelt, reduziert spätere Reibungsverluste zwischen Einkauf, Logistik, Engineering und HR. Schließlich wird in der Debatte um Gewichtsgrenzen sichtbar, dass Ergonomie in Zukunft stärker regulativ und weniger nur „freiwillig“ gedacht werden dürfte – ein Trend, der sich in der Intralogistik direkt in Investitionen, Layout-Entscheidungen und Schulungspläne übersetzt.
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