LONDON (IT BOLTWISE) – Steve Krug, Autor von „Don’t Make Me Think“, warnt 2026 davor, dass das Internet nicht wegen „Friktionlosigkeit“ kaputtgegangen ist. Er unterscheidet zwischen nutzerzentrierter Usability und Produkten, die Menschen durch dauerhaftes Engagement in Schleifen halten. Besonders bei Kindern sieht er die langfristigen Schäden kritisch. Gleichzeitig zeigt er, warum KI die Situation aus seiner Sicht eher verschärfen könnte.

Steve Krug hat das Internet nicht nur beobachtet, sondern mitgeprägt. Mit „Don’t Make Me Think“ lieferte er um die Jahrtausendwende herum einen Maßstab dafür, wie Websites und Apps so funktionieren sollen, dass Menschen ohne Umwege ans Ziel kommen. Als usability-geleitete Designdenke hat das Buch bis heute einen festen Platz in der Ausbildung von Web-Teams. Umso bemerkenswerter ist, dass Krug im Jahr 2026 ausgerechnet die heutige Form des „frictionless“ Internets mit Skepsis betrachtet und dabei weniger die Idee der Einfachheit kritisiert, sondern die Art, wie digitale Produkte ihren Nutzern Friktion wegnehmen, um sie länger festzuhalten.
Technisch betrachtet lässt sich Krugs Kernargument auf die UX-Ebene herunterbrechen: „gute“ Vereinfachung reduziert kognitive Last, führt klare Interaktionsmuster ein und macht Zustände verständlich, statt Handlungen zu verschleiern. Krug beschreibt das als Prinzip, bei dem sich Nutzer nicht fragen müssen, was als Nächstes passiert, sondern einfach weiterkommen. Seine damalige Formulierung, Anleitungen müssten sterben, zielte auf genau diese Art von Design: Interface-Elemente sollen selbsterklärend wirken. Dass viele moderne Interaktionen heute jedoch nicht nur „leicht“, sondern auch strukturell auf Verweildauer optimiert sind, verändert die Wirkung derselben Oberflächen-Ästhetik. Dann ist „leicht“ nicht mehr nutzerfreundlich, sondern ein Transportmechanismus für Aufmerksamkeit, der sich mit zunehmender KI-Unterstützung immer präziser auf individuelle Muster anpassen kann.
Aus Market-Sicht ergibt sich daraus ein Spannungsfeld, das man vor allem bei sozialen Plattformen sieht: Sobald Algorithmen Nutzerfeeds personalisieren und Beiträge priorisieren, wird aus dem simplen Ziel „ich finde Inhalte“ schnell ein System, das Verhalten modelliert. Krug zeichnet deshalb eine klare Linie zwischen der Definition von Reibungsarmut als Usability und einer zweiten Definition, die in Richtung Profitmaximierung kippt. In seiner Darstellung „löst“ die Abwesenheit von Hindernissen nicht das Nutzerinteresse aus, sondern die Mechanik der Interaktionskette wird so fein justiert, dass sie weiterläuft – selbst wenn der konkrete Nutzen für den einzelnen Menschen sinkt. Sein Vergleich mit einem „Laserpointer“-Moment verdeutlicht, dass selbst eine scheinbar harmlose Vereinfachung monetarisiert werden kann: Ein Interface ist dann nicht mehr nur Bedienhilfe, sondern ein wiederholbares Engagement-Setup. Genau an diesem Punkt, so Krug, entsteht für ihn der moralische Bruch: Wenn der Nutzer als „User Advocate“ nicht die Leitplanke ist, sondern das System sich am Spielverhalten orientiert, ist das Design nicht nur „glatt“, sondern systemisch fehlgeleitet.
Auch seine eigene Biografie stützt diese Lesart. Krug wechselte nach dem Studium zunächst ins Satz- und Korrektoratsumfeld, als sich Publishing vom Bleisatz in die digitale Welt verlagert hat. Danach schrieb er über Jahre technische Handbücher und kam schließlich in die Praxis von Usability-Tests für Enterprise-Software. Der späteren Erfolg seines Buches ordnet er als Ergebnis einer ungewöhnlichen Konstellation ein: Ein renommierter Designer plante eine Reihe zu Internet-Themen, Krug sollte den Band zur Nutzbarkeit für Alltagssituationen übernehmen. Der Start war dabei offenbar nicht durch eine „große Vision“ getrieben, sondern durch die Überzeugung, dass Menschen ein Interface nicht erst erklären lernen müssen, bevor sie es verwenden. Genau diese Lernfreiheit erklärt auch, warum Krugs Stil mit großen, gut lesbaren Elementen und klaren Interaktionshinweisen bis heute überlebt. Für Unternehmen ist das zugleich eine nützliche Erinnerung: Usability ist keine Dekoration, sondern eine Form von Respekt, die sich an der Geschwindigkeit und Robustheit realer Nutzeraufgaben messen lässt.
Wie wirkt sich nun KI auf diesen Konflikt aus? Krug erwartet, dass die Situation „noch schlimmer“ werden kann, gerade weil KI Prozesse nicht nur beschleunigt, sondern auch die Zielkonflikte zwischen Nutzen und Engagement subtiler macht. KI-gestützte Systeme können etwa Interaktionspfade dynamischer gestalten: Sie entscheiden, welche Inhalte als Nächstes erscheinen, wie schnell ein Nutzer ans nächste Video, den nächsten Vorschlag oder die nächste Micro-Interaktion geführt wird und wie stark ein System auf Abbrüche reagiert. Selbst wenn eine Oberfläche dadurch „noch einfacher“ wird, kann das in seinem Sinne eine Art „frictionless“ Steigerung für falsche Ziele sein. Für Produktteams bedeutet das: Die Frage ist nicht, ob ein Feed oder eine App reibungsarm ist, sondern, wofür die Reibung abgebaut wird. Hilft die Vereinfachung beim Erledigen konkreter Aufgaben, oder eliminiert sie Hürden, die Menschen sonst vor ungewollten Schleifen schützen würden? Krug argumentiert, dass viele Angebote heute gerade die zweite Variante wählen, und dass AI die Personalisierung so weit treibt, dass Nutzer noch weniger „zurück in den Alltag“ finden.
Interessant ist zudem, dass Krug seine Kritik nicht als Ablehnung von Technik formuliert. Er hält es für möglich, dass Social Networking eine gute Variante des Lebens, also gesellschaftlich nützlicher, hätte werden können. Gleichzeitig beschreibt er, warum das in der Praxis nicht passiert ist: Plattformen seien auf Abhängigkeit ausgelegt, weil genau das ein Geschäftsmodell befeuert. Seine Sorge richtet sich dabei besonders auf Kinder, bei denen er aus seiner eigenen Zeit ableitet, dass es früher weniger Kanäle gab und die elterliche Grenze nach der Schule noch wirkte. Wenn heute digitale Produkte darauf optimieren, dass Nutzer auch ohne klaren Bedarf weiterkonsumieren, verlagert sich die Diskussion von „Bildschirmzeit“ zu einer Designfrage: Welche Routinen werden durch Interfaces angestoßen, welche werden unterstützt, und welche werden aktiv verhindert? In seinem Blick spielt UX eine zentrale Rolle, aber er merkt an, dass sich diese Priorität historisch nicht überall durchgesetzt hat. Für ihn ist die „ROI case study“ rund um Apple ein Hinweis darauf, dass sich Usability wirtschaftlich und technisch überzeugend denken lässt – wenn man die Messung an der echten Nutzeraufgabe ausrichtet, statt nur an Engagement-Kennzahlen.
Am Ende bleibt Krugs Perspektive auch für Entscheider in Unternehmen handlungsleitend. Wer KI in Produkte integriert, kann sich nicht darauf zurückziehen, dass „es sich doch alles leichter bedienen lässt“. Stattdessen braucht es Kriterien, die Usability messbar an Nutzwert koppeln: etwa ob Nutzer schneller zu einem Ergebnis gelangen, ob kritische Entscheidungen verstehbar bleiben und ob das System bei fehlendem Interesse nicht aggressiv nachschiebt. Krug selbst arbeitet weiter an einer aktualisierten Ausgabe von „Don’t Make Me Think“ und formuliert dabei einen sehr menschlichen Maßstab für das Schreiben: Ihm geht es darum, sein Denken für neue technische Umgebungen tragfähig zu halten. Für Teams heißt das: KI sollte nicht die Illusion erzeugen, dass „frictionless“ automatisch besser ist, sondern die Gelegenheit sein, Usability gegen die falschen Anreize zu verteidigen. Wenn das gelingt, kann aus KI eine Verstärkertechnologie für Verständlichkeit werden – nicht nur für Endlos-Interaktion.
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