BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Alexandra Stahl blickt in ihrem Buch „Tschikago“ zurück auf die Beziehung ihrer Großeltern und verknüpft diese Erinnerungen mit einem selbst beobachteten Leben im Berliner Altenheim. Die Erzählung bleibt dabei nicht beim nostalgischen Ton: Gerade die Dialoge und das Dialektkolorit führen direkt in Fragen nach Alter, Vergänglichkeit und Verlust. Im zweiten Teil verschiebt sich der Blick von der Familie auf die Bewohnerinnen und Bewohner eines Pflegealltags, der scheinbar im Rhythmus gefangen ist. Gleichzeitig rückt die Autorin die Frage nach Struktur und Ordnung einer zersplitterten, mosaikhafte erzählten Welt spürbar in den Vordergrund.

Wenn eine Geschichte mit dem Satz beginnt, dass niemand eine perfekte Ehe führt, dann wird sofort klar, in welche Richtung Alexandra Stahls Buch „Tschikago“ zielt: nicht auf idealisierte Familienbilder, sondern auf das konkrete Funktionieren von Nähe, Routinen und kleinen Reibungen. Stahl beschreibt die geliebten Großeltern als Menschen, die nicht „gut“ im moralischen Sinn waren, sondern eben einfach „hatten“. Diese Haltung färbt den gesamten Text, weil sie sich gegen jede Glättung stellt. Schon die Topografie der Kindheit ist dabei doppelt codiert: Frankfurt wirkt aus der „entschwundenen, behaglichen Welt“ der unterfränkischen Provinz wie eine monströse Bedrohung, während „Tschikago“ zur warnenden Chiffre des Großvaters wird. Der Effekt ist literarisch: Aus regionalen Sprachbildern und wiederkehrenden Sprüchen wird eine Art innerer Landkarte, die gleichzeitig Heimat und Beklemmung bedeutet.
Formal verortet sich „Tschikago“ im autofiktionalen Trend, der seit einiger Zeit Konjunktur hat und der Biografie nicht als abgeschlossenes Archiv, sondern als Rohmaterial für Gegenwartsliteratur behandelt. Stahl folgt einer bekannten Dramaturgie: Sie springt von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Allerdings arbeitet sie, anders als die französische Autorin Annie Ernaux, weniger an der Selbstseziererei als an der detaillierten Betrachtung anderer Menschen. Das ist im Buch spürbar, weil die Beobachtungstiefe bei den Mitmenschen ein Übergewicht bekommt: erst bei den Großeltern, dann bei der erweiterten Familie, in der Dorfgemeinschaft und schließlich, im zweiten Teil, bei den Bewohnerinnen und Bewohnern eines Berliner Altenheims. Als Grundlage dienen Gesprächnotizen, die Stahl offenbar über längere Zeit gesammelt hat. Dadurch wirken die Szenen nicht nur „erzählt“, sondern dokumentarisch gefiltert – dialoglastig, mit Dialektpassagen, die die Figuren nicht dekorieren, sondern tragen.
Besonders eindringlich ist der Umgang mit Wiederholung. In dem Haus voller Katzen beschreibt Stahl ein Leben, das von Handlungen, Frotzeleien und ritualisierten Sätzen zusammengehalten wird. Das Glöckengeläut der Kirche löst unmittelbar Wissen aus: Die Großmutter erkennt an einer bestimmten Art des Läutens, wen es diesmal getroffen hat – und die Enkelin muss im Glaskasten nachschauen. Solche Momente wiederholen sich nicht bloß als Gag, sondern als Mechanismus, der Alltag vor dem Zerfall bewahrt. Ebenso wird das Zwiegespräch nach dem Tod eines Nachbarn nicht als Ausnahmehandlung gezeigt, sondern als Teil einer Routine, bis der immer gleiche Schlussatz den Kreis der Ereignisse schließt. Dadurch entsteht eine Komik, die nicht oberflächlich bleibt: Der slapstickartige Einschlag dient dazu, das Unausweichliche nicht zu verschweigen. Wenn dann die Frage nach dem Leben – „gut, wenn man das Schlechte weglässt“ – in genau dieser Form fällt, zeigt sich, dass Humor in „Tschikago“ kein Ersatz für Trauer ist, sondern eine Art Überlebensstrategie im Alltag.
Die zentrale Ernsthaftigkeit des Romans liegt im Thema Alter und Vergänglichkeit. Stahl führt diese Themen nicht abstrakt ein, sondern über biografische Brüche. Sobald der Großvater dement wird, zerbricht für die Großmutter das eingespielte Leben mit all seinen Routinen, Kabbeleien und Gewohnheiten. Das ist mehr als „Krankheit passiert“; es ist eine Veränderung der gemeinschaftlichen Funktionsfähigkeit, also der alltäglichen Verständigung über Tage, Handgriffe und Erwartungen. Schon lange vor dem Tod geht der Partner dahin – und gerade dieses langsame Entfernen macht den Schmerz nachvollziehbar. Dabei bleibt der Text trotz der Schwere oft beweglich, weil Stahl die Gegenwart des Erzählens in die Vergangenheit hineinzieht. Der zweite Teil verschärft dann die Perspektive: Nach dem Tod des Großvaters leistet die Autorin einen Freiwilligendienst in einem Berliner Altenheim ab. Damit bekommt Vergänglichkeit eine neue Bühne, nicht als Familie im Rückblick, sondern als gelebter Alltag in Institutionen.
Im Altenheim beschreibt Stahl, wie alte Frauen und nur wenige alte Männer einen Tag durchstehen, dessen Abläufe wie eingefroren wirken – und wie dennoch das frühere Leben immer wieder aufblitzt. Frau Bellmann denkt an unvergessliche Sommertage am Werbellinsee, Frau Vella an ihre beiden italienischen Männer, Herr Winkler, die „rote Socke“, an den verflossenen SED-Staat. Der Text macht sichtbar, dass Erinnerung nicht gleichmäßig funktioniert: Sie kommt in Fragmenten, in Sätzen, in Bewertungen. Besonders deutlich wird das am Mauerfall, den Herr Winkler trotz allem für ein „notwendiges Übel“ hält. Solche Positionen sind kein historisches Referat, sondern Ausdruck eines Lebens, das seine Deutungen braucht, um die Gegenwart aushalten zu können. Dazu passen die eingestanzten Sprüche der Bewohnerinnen und Bewohner, mit denen sie sich festhalten und an ein versunkenes Leben binden. Genau darin liegt die emotionale Mechanik des Buches: Dialoge und Routinen werden zu Halteseilen, wenn das eigene Zeitgefühl beginnt zu kippen.
„Tschikago“ ist damit berührend und gleichzeitig nachdenklich – ein Roman, der Altern und Vergänglichkeit in vielen Facetten zeigt, ohne die Unterschiede zwischen den Figuren einzuebnen. Gleichzeitig markiert die Kritik eine konkrete Schwachstelle: Gerade im zweiten Teil hätte man sich mehr Ordnung gewünscht. Die zersplitterte, mosaikhafte und assoziative Erzählweise stößt hier an Grenzen. Das lässt sich nicht als bloßes Stilurteil abtun, sondern als Konsequenz einer Methode verstehen: Wenn die Erzählung stark auf Gesprächnotizen, Erinnerungsblitze und Dialoge setzt, dann kann sie zwar Nähe erzeugen, aber sie muss zugleich dafür sorgen, dass der Leser die Orientierung nicht verliert. Stahl gelingt das über weite Strecken durch Tonfall, Figurenstimmen und die wiederkehrenden Muster. Dennoch bleibt die Frage offen, wie viel Fragmentierung ein Buch tragen kann, bevor es die letzte Brücke zur Kohärenz verliert.
Für Leserinnen und Leser, die sich mit Gegenwartsliteratur beschäftigen, ist „Tschikago“ vor allem aus einem Grund relevant: Es zeigt, wie sich autofiktionales Schreiben von einer bloßen Selbstvergewisserung lösen kann. Stahl nutzt ihre Nähe zu den Figuren, um ein soziales Netz aus Blickwinkeln zu schaffen – von der unterfränkischen Provinz bis in ein Berliner Altenheim. Und obwohl die Sprache oft leichtfüßig wirkt, entsteht eine klare thematische Linie: Die eigene Vergangenheit ist nicht nur Erzählstoff, sondern bestimmt, wie Menschen Gegenwart wahrnehmen. Wer heute nach Geschichten sucht, die Vergänglichkeit nicht als Stimmungsmalerei liefern, sondern als alltägliche Praxis, findet in Stahls Dialogen, Dialektpassagen und feststehenden Sprüchen einen auffällig starken Zugriff. Gleichzeitig macht die Kritik an der Ordnung im zweiten Teil deutlich, dass auch bei guter Beobachtung die Formarbeit entscheidend bleibt – gerade dann, wenn Erinnerung, Körperlichkeit und institutioneller Alltag aufeinandertreffen.
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