LONDON (IT BOLTWISE) – Geoff Kendrick von Standard Chartered sieht in der Tokenisierung den entscheidenden Wendepunkt nach dem Krypto-Cycle-Bottom. Er knüpft seine These an Scott Bessents Ankündigung zu Long-End-Bond-Buybacks und an die Analogie zu Amazons Crash 2001. Für 2030 nennt Kendrick ambitionierte Kursziele für Uniswap, Aave, Arbitrum und Chainlink. Im Mittelpunkt steht dabei ein Modell, in dem Umsatz und nachhaltige Erlösquellen stärker zählen als bisherige Bewertungen.

Geoff Kendrick, Investment-Research bei Standard Chartered, setzt bei Krypto nicht auf den nächsten Hype um einen einzelnen Coin, sondern auf ein übergeordnetes Narrativ: Tokenisierung. In einem Gespräch verwies er darauf, dass der Markt diesen Schritt seiner Einschätzung nach längst „gewonnen“ habe und XRP nicht der Bereich sei, auf den er seine Wette ausrichten würde. Der Kern der Aussage ist dabei weniger eine Rangliste von Projekten als ein Trigger für die nächste Bewertungslogik. Kendrick verbindet Tokenisierung mit einer Marktphase, in der Kennzahlen wie Erlöse plötzlich nicht mehr „nice to have“, sondern der wichtigste Maßstab werden.
Seine Zyklus-Einordnung greift zudem makroökonomisch an einer Stelle an, an der Krypto traditionell besonders empfindlich reagiert: Liquidität und Zinsstruktur. Kendrick sagte, Treasury Secretary Scott Bessent habe mit der Ankündigung zu Long-End-Bond-Bybacks ein Signal geliefert, das seiner Ansicht nach den „Cycle Bottom“ bestätigt habe. Als Analogon zog er den starken Einbruch bei Amazon im Jahr 2001 heran: Damals fiel der Kurs von 113 US-Dollar auf 6 US-Dollar, während interne Kennzahlen weiter verbessert wurden. Übertragen auf Krypto bedeutet das: Wenn sich fundamentale Verbesserungen gerade schon zeigen, der Kurs aber noch hinterherläuft, kann sich der „Disconnect“ später in einer Neubewertung entladen.
Technisch begründet Kendrick die neue Relevanz von Umsatz mit der wachsenden Rolle von Stablecoins. Über die vergangenen sechs Monate habe er für einzelne Projekte discounted-cashflow-basierte Modelle gebaut, also Bewertungen, die auf erwarteten Zahlungsströmen statt auf reinen Nutzerwachstums-Thesen beruhen. In seiner Argumentation hängt diese Verschiebung direkt daran, dass Stablecoins demonstrieren, wie Blockchain reale Finanzinfrastruktur ersetzen oder zumindest ergänzen kann. Damit rückt ein Punkt ins Zentrum, den viele Investor-Modelle lange unterschätzt haben: Einnahmen entstehen nicht nur aus Trading-Volumen, sondern aus wiederkehrenden Gebühren, Datenbereitstellung oder programmierbaren Finanzprodukten, die sich in Cashflows übersetzen lassen.
Aus dieser Logik leitet Kendrick vier „Tokenization-linked“ Altcoins ab, die er als potenzielle Gewinner bis 2030 betrachtet. Für Uniswap (UNI) nennt er ein Kursziel von 100 US-Dollar und verknüpft es mit einer Fee-Switch-Umstellung, die im Dezember „aktiviert“ worden sei, sowie mit Buybacks und Burns. Zudem sei der Burn- bzw. Kostenhebel seiner Darstellung zufolge nach dem starken Kursanstieg stabiler geworden; Kendrick spricht dabei von einer Burn-Rate, die sich grob im Bereich von 3% bis 4% jährlich eingependelt habe. Für Aave (AAVE) nennt er 3.500 US-Dollar bis 2030 und verweist darauf, dass das Protokoll die Folgen eines 300-Millionen-Exploits rund um Kelp überstanden habe; parallel habe die Branche seiner Darstellung nach mit etwa 300 Millionen US-Dollar unterstützt, um den Betrieb abzusichern.
Auch bei Arbitrum (ARB) und Chainlink (LINK) steht bei Kendrick weniger die kurzfristige Volatilität im Vordergrund, sondern die erwartete Positionierung im Ökosystem. Für Arbitrum nennt er ein Ziel von 10 US-Dollar, das er mit einem etwa 70-fachen Upside-Potenzial gegenüber dem damaligen Niveau begründet. Dabei erwähnt er, dass ein Robinhood-Chain-Ansatz die monatlichen Umsätze deutlich von rund 1 Million auf 4 bis 5 Millionen US-Dollar gehoben habe, und dass mehrere Plattformen den Setup-Typ später voraussichtlich nachbauen könnten. Für Chainlink wiederum nennt Kendrick bis 2030 ein Kursziel von 200 US-Dollar und argumentiert mit einer „Near-monopoly“-ähnlichen Stellung bei zuverlässigen Datenfeeds on-chain. Zusätzlich hebt er hervor, dass Chainlink über „eigene“ Token-Bestände verfüge, was in seiner Bewertung als zusätzlicher Puffer für die Token-Ökonomie betrachtet wird.
Im Wettbewerb der großen Krypto-Wetten ordnet Kendrick Ethereum und Bitcoin in ein weiteres Modell ein. Für Ethereum (ETH) nennt er Ziele von 4.000 US-Dollar bis zum Jahresende und 40.000 US-Dollar bis 2030. Besonders bemerkenswert ist dabei die erwartete Entwicklung des ETH/BTC-Verhältnisses: Es soll von etwa 3% auf ungefähr 8% bis 2030 steigen. Bei Bitcoin (BTC) hält Kendrick an seinem Jahresend-Ziel von 100.000 US-Dollar fest und sieht den 6. Oktober als potenzielles „Buying Window“ für Trader, die mit der Cycle-Theorie arbeiten, weil das Datum an ein Allzeithoch aus dem Vorjahr anknüpft. Das Muster dahinter bleibt konsistent: Wer früh die Fundamentalseite neu bewertet, setzt später auf eine Kurserholung, sobald der Markt die Messgrößen akzeptiert.
Für Unternehmen und Entwickler lässt sich aus Kendricks Ansatz eine praktische Konsequenz ableiten: Tokenisierte Geschäftsmodelle müssen sich stärker an Erlösmechaniken orientieren, nicht nur an Governance oder Token-Marketing. Wenn Bewertungen zunehmend über Cashflows und Umsatzhebel gedacht werden, werden DApps, die Gebühren dauerhaft rechtfertigen können, bei Budgets eher Priorität erhalten als reine Experimentierflächen. Gleichzeitig steigt der Druck, Stablecoin-basierte Zahlungs- und Abwicklungslogiken robust, nachvollziehbar und wirtschaftlich zu betreiben. In der nächsten Marktphase könnte genau diese Kombination aus kalkulierbaren Einnahmen und tokenisierungsnahen Use Cases entscheiden, welche Altcoins die erwarteten Bewertungswechsel zuerst „in Preis übersetzen“.
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