LONDON (IT BOLTWISE) – Das US-Verteidigungsministerium fordert im Projekt „Ground-Based Affordable Mass“ (GBAM) deutlich günstigere Langstrecken-Waffen. Die Stückkosten sollen laut Ausschreibung unter 250.000 US-Dollar liegen, bei einem Kosten-pro-Wirkung-Ziel von weniger als 500.000 US-Dollar je Einsatzkonfiguration. Entscheidend ist Tempo: Die Demonstration soll innerhalb von drei Monaten stattfinden, Serienproduktion innerhalb von 18 Monaten. Dafür startet die Defense Innovation Unit (DIU) eine öffentlich finanzierte Challenge mit Phase-II-Tests ab Anfang November.

Das US-Verteidigungsministerium greift ein wiederkehrendes Problem in der Reichweiten- und Wirkungskette an: Wenn präzisionsgelenkte Langstreckenmunition zu teuer wird, sinkt nicht nur die Stückzahl, sondern auch die Planbarkeit im laufenden Konflikt. Im Hintergrund steht die Beobachtung, dass der Bedarf an teuren, langreichweitigen Systemen das Budget und die Nachschublogistik zusätzlich belastet – gerade dann, wenn einzelne Plattformen oder Munitionslinien nicht beliebig skalieren. Mit „Ground-Based Affordable Mass“ (GBAM) versucht das Pentagon deshalb, Langstreckenwirkung in eine Preisspanne zu bringen, die sich eher massenhaft einsetzen lässt.
Die Eckdaten zeigen, wie stark die Ausschreibung auf Serienfähigkeit und Bedienbarkeit ausgerichtet ist. GBAM soll laut Vorgaben „affordable, scalable long-range effects“ liefern und dabei Kommandeuren ermöglichen, ein breiteres Zielspektrum zu bearbeiten, ohne hochpreisige „exquisite“ Munition für den eigentlichen Zweck „aufzusparen“. Die Industrie bekommt dabei ziemlich klare Leistungsleitplanken: Das System soll bodenbasiert gestartet werden, eine Reichweite von mindestens 600 nautischen Meilen abdecken und eine Nutzlast von mindestens 35 Pfund erreichen; ideal sind 100 Pfund. Gleichzeitig fordert das Programm ein günstiges Kosten-pro-Einsatz-Szenario: Unter 250.000 US-Dollar als „all-up flyaway cost“ bei Skalierung und weniger als 500.000 US-Dollar Kosten-pro-Wirkung, abhängig von Zuverlässigkeit und Mission Success Rate.
Damit die Stückpreise nicht nur auf dem Papier sinken, setzt das Konzept stark auf Autonomie und sensorische Eigenständigkeit. GBAM soll eine automatische Zielerkennung besitzen und eine autonome Ziel-Endführung („autonomous terminal guidance“) nutzen. Für elektronische Gegenmaßnahmen sowie GPS-/GNSS-unterdrückte Umgebungen wird darüber hinaus „mission-proven“ angestrebt. Konkret benennt die Ausschreibung alternative Position-, Navigations- und Timing-Ansätze (PNT) beziehungsweise redundante Navigation für „GPS/GNSS-denied operations“ in maritimen oder „feature-poor“ Umfeldern. Dazu passt die Forderung nach redundantem oder alternativen Navigationswegen, sodass das System nicht vollständig von geofähigen Funknavigationssignalen abhängig ist.
Auch beim Startprozess will das Pentagon den Wartungs- und Ausbildungsaufwand drücken. Die Ausschreibung bevorzugt ausdrücklich „remote and low-signature launch methods“ und verlangt, dass keine proprietäre Startausrüstung notwendig ist. Diese Detailvorgabe wirkt wie eine direkte Antwort auf komplizierte Startinfrastrukturen, die im Alltag zusätzliche Zeitfenster, Spezialkräfte und Ersatzteile binden. Zusätzlich geht es um Kapazitäten in der Lieferkette: Unternehmen sollen laut Ausschreibung entweder bereits Produktionskapazität haben oder einen „credible path“ zur Herstellung von 100 und mehr Systemen pro Monat nachweisen. Damit verschiebt sich der Wettbewerb weg von reinen Prototypen hin zu Fertigungs- und Teststrategien, die in wenigen Monaten in eine „operationally relevant“ Demonstration münden können.
Der Zeitplan ist dabei der eigentliche Druckmotor. Die Challenge zielt auf eine Vorführung innerhalb von 60 bis 90 Tagen, gefolgt von Zertifizierung und Skalierung in die Produktion binnen 12 bis 18 Monaten. Das ist deutlich enger getaktet als viele klassische Verteidigungsprogramme, in denen sich Technologie- und Integrationsrisiken über mehrere Jahre ziehen. Genau dafür hat die Defense Innovation Unit die GBAM Challenge (Projektkennung PROJ00672) eingerichtet: Teams reichen Pitch Decks oder Whitepaper bis zum 5. August ein. Die Gewinnerteams sollen im Anschluss in einer Phase-II-Demonstration Anfang November auf einem staatlichen Testgelände fliegen, verbunden mit einer 30-minütigen Präsentation und einem 250.000-US-Dollar-Preis.
Finanziell kombiniert das Programm mehrere Hebel, um aus guten Konzepten schnell testbare Mengen zu machen. In der Phase II können die Top-Teams laut Vorgaben bis zu 5 Mio. US-Dollar erhalten, um unmittelbar operative Testmengen an Einheiten zu liefern. Daneben nennt die DIU weitere mögliche Förderpfade, etwa Prototype Other Transaction agreements, Folgeaufträge für die Produktion und Small Business Innovation Research Awards. Insgesamt stellt die Regierung dabei Mittel in Höhe von bis zu 250 Mio. US-Dollar für die Preisabwicklung und Folgeaktivitäten bereit, die den Übergang in den operativen Betrieb unterstützen sollen. Interessant ist: Die Ausschreibung zwingt die Teilnehmenden, den Reifegrad ihrer Navigations-, Autonomie- und Fertigungsplanung gleichzeitig zu beweisen – nicht nur die Machbarkeit im Labor.
GBAM steht zudem nicht isoliert, sondern in einer breiteren Bewegung hin zu „erschwinglicher Massenwirkung“ bei gleichzeitiger Skalierung. Genannt werden im gleichen Kontext Programme, die klassische teure Langstreckenmunition ergänzen oder ersetzen sollen, etwa über Startplattformen mit neuen Launcher-Ansätzen und containerisierten Lösungen, die sich schneller in bestehende Logistikketten einfügen lassen. Für die Branche bedeutet das: Nicht das eine „beste“ Trägersystem wird Wettbewerbsvorteil, sondern die Kombination aus Stückkosten, Produktionsrate, Autonomie bei Störumgebungen und einem Launch-Setup, das in der Praxis ohne Spezial-Infrastruktur funktioniert. Wenn das Pentagon sein GBAM-Ziel wirklich innerhalb der angesetzten Zeitfenster operational testen kann, wäre das ein Signal, dass sich der Schwerpunkt in der Beschaffung weiter von reinen Leistungskennzahlen hin zu Kosten-pro-Wirkung und Skalierbarkeit verschiebt.
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