JODRELL BANK / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende entwickeln mit dem Long Baseline Multistatic Radar (LMBR) ein Monitoring-System, das Raumobjekte über Funkantennen besser charakterisieren soll. Im Test wurden 20 verschiedene Raketenbauteile mit verteilten Standorten vermessen. Die Auswertung nutzt Micro-Doppler, um Rotationssignaturen abzuleiten, und kombiniert das mit Bildrekonstruktion für Geometrie- und Umlaufparameter. Damit soll früher erkennbar werden, welche Gefahr von Satelliten-Reentry oder erdnahen Objekten ausgeht.

Der Himmel über der Erde wird dichter – und das Problem ist nicht nur die wachsende Zahl aktiver Satelliten, sondern auch das „Nebenmaterial“, das früher oder später wieder Richtung Oberfläche driftet. Dazu zählen Altlasten in naher Erdumlaufbahn, ausgebrannte Raketenstufen und auch kleinere Bruchstücke, aus denen im Atmosphäreneintritt sichtbare Meteore werden können. Parallel beeinträchtigen Raumfahrzeuge die bodengebundene Astronomie: Wenn Funk- und Radarsignale aus der Umlaufbahn in günstige Frequenzbereiche fallen, wird Beobachtungstechnik schnell zum Wettlauf um saubere Messbedingungen. Genau in diesem Spannungsfeld setzt das Konzept an, Raumobjekte nicht nur zu beobachten, sondern ihre Bahnen und physikalischen Eigenschaften so früh und so präzise wie möglich zu bestimmen.
Im Zentrum steht dabei eine Technik, die das Radarprinzip mit Radioastronomie zusammenführt: Das Long Baseline Multistatic Radar (LMBR) nutzt Funkantennen als geografisch verteilte Radar-Empfänger. Statt nur ein einzelnes Radar „in eine Richtung“ zu schicken, werden über mehrere Standorte Echos aufgefangen und gemeinsam ausgewertet. Das ist entscheidend, weil herkömmliche Radarsysteme für Luftfahrzeuge häufig nicht die erforderliche Empfindlichkeit und Sendeleistung mitbringen, um Objekte in geosynchronen Bahnen zuverlässig zu verfolgen. Radio-Teleskope sind dagegen auf das Empfangen sehr schwacher Signale von weit entfernten Quellen ausgelegt – von Sonne bis zu extragalaktischen Objekten – und können damit als robuste Sensoren für Space-Domain-Awareness fungieren. Im beschriebenen Ansatz wurden unter anderem der 76-m Lovell Telescope bei Jodrell Bank in England sowie Antennen aus der e-MERLIN-Infrastruktur verbunden, um Objekte im Orbit zu verfolgen.
Der praktische Nachweis erfolgte laut Quelle im September 2025 über einen Testverbund, der auf mehreren Standorten in Australien aufbaute. Die Messkampagne umfasste 20 unterschiedliche Raketenbauteile, darunter auch konkrete Debris-Targets wie SL-12, die vierte Stufe eines russischen Proton-K-Launchers. Als wichtige Bausteine dienten dabei unter anderem die NASA Deep Space Network Antenne in Canberra sowie ein weiteres Antennenarray in Australien; ergänzt wurde das Ganze durch Einrichtungen in Tasmanien. Technisch interessant ist, dass die verteilten Antennen bi-statische Radarbeobachtungen ermöglichen: Zwei unterschiedliche Komponenten – Sender und Empfänger bzw. deren funktionale Rollen – liefern dann Signaturen, die aus mehreren Sichtwinkeln entstehen. Dadurch wird es möglich, aus den Echo-Charakteristiken mehr als nur „da ist ein Objekt“ abzuleiten.
Für die Charakterisierung kommt eine Auswertung ins Spiel, die über klassische Positionsmessung hinausgeht. Die Quelle nennt Micro-Doppler-Analyse als Methode, um axiale Rotationssignaturen zu messen – also Muster, die entstehen, wenn reflektierte Funkwellen durch rotierende Oberflächenanteile moduliert werden. Aus solchen Doppler-Informationen lassen sich Rotationsperioden, Dimensionen und weitere Eigenschaften wie Hinweise auf die Massenverteilung ableiten. Im nächsten Schritt folgte eine „advanced imaging reconstruction“, also rechnerische Bildrekonstruktion, die aus den Radar-Echos eine Formschätzung der Ziele unterstützen soll. In der Ergebnisbeschreibung wird betont, dass Rotationsperioden mit Sekunden-Niveau-Genauigkeit bestimmt wurden, dass Dimensionsschätzungen innerhalb von 10% bezogen auf bekannte Spezifikationen lagen und dass die Verbesserung der Bahnparameter die Positionsunsicherheiten um bis zu 30% reduzieren konnte. Solche Genauigkeitsgewinne sind für die Einsatzlogik wichtig: Wenn Reentry-Termine oder Annäherungen an die Erde genauer vorhergesagt werden, lässt sich die Warnung früher und zuverlässiger anstoßen.
Einordnung in den breiteren Radar-Kontext: Radar ist seit Jahrzehnten in vielen Bereichen erprobt – etwa zur Flugzeugverfolgung, bei der Signalimpulse ausgesendet, von Luftfahrzeugen reflektiert und die Rückkehrdaten ausgewertet werden. Je nach Modus können dabei nicht nur Positionen, sondern auch Eigenschaften wie Größe oder Formmuster abgeleitet werden. Ebenso nutzten Missionen Radarscans in der Planetenerkundung: Die Quelle erinnert an das Mapping der Venusoberfläche mit dem Magellan-Programm sowie an die Kartierung der Jovian-Mondoberfläche von Europa in den 1980er- und 1990er-Jahren. Der Unterschied in der aktuellen Initiative liegt darin, dass hier mehrere Radioantennen nicht für eine einzelne Mission koordiniert werden, sondern für ein terrestrisches, verteiltes „Sensor-Netz“ zur Überwachung von Orbitalobjekten. Genau deshalb wird Radio-Teleskop-Technik als „Radar-Receiver“ für geografisch verteilte Empfänge beschrieben, bei denen die Echo-Daten in Echtzeit gesammelt und analysiert werden sollen.
Dazu passt auch die politische und operative Dimension, die in der Quelle ausdrücklich genannt wird: Die UK Space Agency habe eine Live-Tracking-Fähigkeit für Stakeholder wie Regierung, Sicherheitsbehörden und industrielle Partner demonstriert; es sei das erste Mal, dass Tracking-Techniken durch Radio-Teleskope in dieser Form eingesetzt wurden. Simon Garrington vom Jodrell Bank Observatory wird in der Quelle mit einer Einschätzung zitiert: „The 76-m Lovell Telescope at Jodrell Bank makes a superb radar receiver for this type of work, “ sagte er. „We are very keen to realise its full potential in contributing to monitoring objects in orbit, protecting UK assets in space, and making space safer. Our e-MERLIN array is also being used in this work and is a unique UK capability for high-precision measurements of objects in orbit.“ Für Unternehmen und Forschungsteams bedeutet das: Die Technologie ist nicht nur „Machbarkeit im Labor“, sondern zielt auf ein operatives System, das Datenqualität, Warnzeiten und Robustheit bei wechselnden Objektklassen adressiert.
Neben der technischen Seite bleibt aber eine harte Abhängigkeit bestehen: Laut Quelle könnten Budgetkürzungen die Rolle von Jodrell Bank und e-MERLIN im LMBR-Umfeld beeinträchtigen. Berichtet wird, dass Teile des Observatoriums ab 2028 geschlossen werden sollen und dass die e-MERLIN-Teleskope inklusive der Lovell-Antenne abgeschaltet werden müssten; gleichzeitig soll das Gelände offenbar offen bleiben, um die Hauptgeschäftsstelle des Square Kilometer Array Observatory aufzunehmen. Für das LMBR-Projekt wäre das relevant, weil das Konzept auf verteilten Baselines und mehreren Empfangspunkten basiert. Wenn ein so zentraler Knoten wegfällt, verändert sich die Geometrie der Messung – und damit potenziell auch die Qualität von Micro-Doppler- und Rekonstruktionsauswertungen. Die Quelle ordnet die Situation zudem in eine breitere Reduktion von Wissenschaftsbudgets ein, inklusive möglicher Einschränkungen der Beteiligung am Vera-C.-Rubin-Teleskop.
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