BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Berliner Kinos wird ein Klassiker-Event bereits mit einer Film-App organisiert: Die Zuschauer erfahren erst im Saal, welcher Film läuft. Die Plattform Letterboxd wächst bei Filmfans stark und macht Bewertungen sowie kurze Kritiken sichtbar. Gleichzeitig berichten Betreiber von einem deutlichen Rückgang des Publikumsalters: Das Kino wird für jüngere Zielgruppen wieder relevanter. Der Trend wirft aber auch Fragen nach Abhängigkeit von einzelnen Plattformen und nach Vertrauen in Social-Inhalte auf.

Ein ausverkaufter Kinoabend in Berlin funktioniert derzeit wie eine Mischung aus Theaterabend und Social-Discovery: Unter dem Namen „Classic Sneak“ sitzen Menschen im Saal, ohne den konkreten Film zu kennen, und bekommen die Auswahl erst beim Start. Diese Form der gemeinsamen Entdeckung ist nicht auf eine einzelne Spielstätte begrenzt, sondern auch andernorts präsent. Auffällig ist jedoch, wie eng das analoge Erlebnis inzwischen mit einer digitalen Schicht verzahnt wird: Bei der Veranstaltung wird das Ganze über eine Film-App koordiniert, die das vorherige Stöbern in Bewertungen und Kurzrezensionen im Vorfeld anstößt.
Im Zentrum steht Letterboxd, eine in Neuseeland gegründete Community-Plattform, die Nutzer über Profile, Bewertungen und teils „amüsante kleine Kritiken“ miteinander in Kontakt bringt. Was dort sichtbar wird, folgt weniger einem klassischen Content-Feed als vielmehr dem Echo der Community: Kurzkritiken mit vielen Likes rücken nach oben und beeinflussen damit, was Filmfans als nächstes entdecken. Genau hier entsteht für viele die Wirkung als Gegenentwurf zum Doomscrolling, weil nicht die Verweildauer im Feed im Vordergrund steht, sondern das kuratierte Interesse am Film. Dass diese Mechanik funktioniert, lässt sich auch an den Nutzerzahlen ablesen: Anfang 2021 lag Letterboxd bei 3 Millionen Nutzern, im April desselben Jahres war bereits von 28 Millionen die Rede. Zudem ist laut Berichten über die Nutzerstruktur mehr als die Hälfte der Community unter 35 Jahre alt.
Für Kinobetreiber ist das nicht nur ein Kulturphänomen, sondern ein messbarer Hebel. Eine Untersuchung der US-Marktforschung NRG bringt im nordamerikanischen Markt einen Zuwachs der Gen Z ans Kino: Im vergangenen Jahr seien es 25 Prozent häufiger Kino-Besuche gewesen als im Jahr zuvor, der stärkste Anstieg unter allen Altersgruppen. In Deutschland lässt sich dieser Effekt nicht flächendeckend eins zu eins abbilden, einzelne Betreibergruppen sehen ihn aber klar: Ein Sprecher des Branchenverbands HDF Kino ordnet die Gen Z hierzulande als eine der wichtigsten Kinogruppen ein und spricht von überdurchschnittlich hoher Kinonutzung. Besonders deutlich wird die Verschiebung über die jüngere Zielgruppe bei der Yorck-Gruppe: Die Betreiberin Katja Schubert nennt als Kennzahl, dass sich das Medianalter des Publikums von 49 Jahren (2019) auf 37 Jahre (2023) reduziert hat, getragen vor allem von den 18- bis 29-Jährigen. Damit liegt der Schwerpunkt wieder stärker auf einem Kinoangebot, das nicht nur „Abendprogramm“ ist, sondern Bestandteil einer jüngeren Medienroutine.
Technisch betrachtet ist Letterboxd weniger „App“ als Entscheidungsraum: Die Plattform bündelt Stimmen, die der Nutzer sonst auf vielen Webseiten verteilt suchen müsste, und macht daraus eine Art Bewertungswährung, die direkt in die Auswahlentscheidung übersetzt wird. Ergänzend zu Letterboxd spielen auch weitere Netzwerke eine Rolle bei der Filmfindung, etwa YouTube und TikTok mit Formaten wie „FilmTok“. Allerdings wächst parallel die Skepsis gegenüber inszenierter Begeisterung: In Recherchen aus den USA wird beschrieben, wie Agenturen Kampagnen in sozialen Netzwerken starten, um Reaktionen zu simulieren. Mit dem Aufkommen KI-generierter Inhalte steigt die Möglichkeit, solche Effekte künstlich zu verstärken, so dass das Vertrauen in die dortigen Inhalte weiter sinken könnte. Letterboxd gilt in diesem Vergleich noch als relativ authentisch; genau dadurch können Scores und Kurzkritiken schneller Gewicht bekommen als klassische Presselandschaft, zumindest im Umfeld des Arthouse-Kinos.
Gleichzeitig wird das Modell fragiler, sobald Plattformlogik und Geschäftslogik auseinanderdriften. Schubert beschreibt, dass „schlechte Kritiken“ heute deutlich schneller zum echten K.o.-Kriterium werden können als früher: Die alte Branche-Erzählung, ein durchschnittlich bewerteter Film ließe sich noch über das erste Wochenende „retten“, habe nach ihrer Darstellung an Wirkung verloren. Laut ihr kann schlechtes Word of Mouth einem Film innerhalb von Stunden am Eröffnungstag Tickets kosten, während es gleichzeitig Gegencases gibt, etwa der „Super Mario“-Film, der trotz gemischter Kritiken als Kassenerfolg lief. Für den Mainstream liefert Letterboxd dabei möglicherweise weniger Einfluss, in den Yorck-Kinos als Arthouse-Umfeld umso mehr. Gerade diese Asymmetrie macht auch das größte Risiko sichtbar: Wenn ein Teil des Marketing- und Discovery-Ökosystems an eine einzelne Plattform geknüpft ist, entsteht Abhängigkeit. Schubert verweist darauf, dass Yorck ihren Angaben zufolge als erstes deutsches Unternehmen einen Letterboxd-Account hatte, und nennt die daraus erwachsende Verwundbarkeit: Eine Plattform kann jederzeit ihre Ausrichtung ändern, was Unternehmen „im Regen stehen“ lassen kann. Deshalb versuchen die Betreiber, mehrere Kanäle zu bespielen.
Der vielleicht bemerkenswerteste Punkt liegt jedoch in der Rückkopplung zwischen digitalem Signal und realer Nutzung: Manche Nutzer geben an, dass schon die Option, einen Film in der App als „Gesehen“ zu markieren, ihnen den finalen Impuls gibt, ihn auch tatsächlich anzuschauen. Ironischerweise endet damit das „echte“ Kinoerlebnis oft mit dem nächsten Smartphone-Screen, direkt nach der „Classic Sneak“. Noch verschärft wird die Situation dadurch, dass über Gespräche zu einem Verkauf der App berichtet wird, unter anderem an große Medien- und Unterhaltungskonzerne. Ob und wann sich daraus konkrete Änderungen ergeben, bleibt dabei offen; für Fans, die Letterboxd als unabhängige Entdeckungsquelle erleben, ist das Thema aber spürbar. Für die Medienbranche und für Kulturinstitutionen ist das zugleich eine klare Botschaft: KI- und Plattformökonomie spielen nicht nur im Produzenten-Workflow eine Rolle, sondern auch ganz am Anfang der Nachfrageentstehung – dort, wo ein „Was schaue ich als Nächstes?“ in einem Feed, einem Score oder einem Like entschieden wird.
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