LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Alex Thorn verdichten sich Hinweise auf eine vierte, koordinierte Angriffswelle gegen Coldcard-Nutzer. Dabei sollen 218 Transaktionen zwischen den Blöcken 960.778 und 960.792 über 380 BTC von 462 verdächtigen Adressen auf 210 neue Ziele verschoben haben. Die Angreifer nutzen dabei wiederholt ein Muster verwundbarer UTXOs und offenbar noch laufende Fee-Races im Mempool mit Replace-by-Fee. Parallel hat Coldcard bereits den Versand gestoppt und defekte Geräte mit der fehlerhaften Firmware vernichtet.

Der Angriff auf Coldcard-Wallets scheint in eine neue Phase zu wechseln: Alex Thorn, Leiter von Galaxy Research, rechnet laut seinen On-Chain-Auswertungen mit einer vierten koordinierten Welle, die diesmal zusätzlich 462 neue Verdachtsopfer umfasst. Ausgangspunkt seiner Analyse ist ein kompromittierter Umgang mit Zufallszahlen in der Hardware-Umgebung: Ein RNG-Fehler (Random Number Generator) kann dazu führen, dass Seeds beziehungsweise Schlüsselmaterial nicht ausreichend zufällig sind. In der Folge lassen sich daraus Muster ableiten, die auf der Blockchain bei Zahlungen und damit verbundenen UTXOs (Unspent Transaction Outputs) wiederkehren.
Konkret ordnet Thorn die Aktivität in drei bereits bestätigte Wellen ein und verbindet die aktuelle Phase mit insgesamt 1.367,05 Bitcoin (BTC), die aus 4.585 Adressen über die bisherigen Wellen hinweg abgezogen worden sein sollen. Für die vierte Welle identifizierte er 218 Transaktionen zwischen den Blöcken 960.778 und 960.792. In diesem Zeitraum seien mehr als 380 BTC von 462 verdächtigen Opferadressen zu 210 frischen Zieladressen weitergeleitet worden; bei den Sweeps lag die Frequenz bei 13,8 pro Block. Bemerkenswert ist dabei die Diskrepanz zur Zeit vor dem Vorfall: Thorn nennt einen vorherigen Sweep-Rate von nur 0,3 pro Block, also grob rund das 45-Fache.
Technisch interessant ist vor allem, wie die Angreifer die Transaktionen orchestrieren. Die Bewegungen entsprachen Thorn zufolge dem Profil verwundbarer Coldcard-Adressen, inklusive der Praxis, bereits in einem zweiten Schritt Wallets zu bedienen („second-hop“ Ziele). Parallel dazu verweist er auf Transaktionen, die noch im Mempool hängen und mit Replace-by-Fee (RBF) abgesichert sind. RBF erlaubt es dem Sender, eine nicht bestätigte Bitcoin-Transaktion durch eine neue Version mit höherer Gebühr zu ersetzen. Praktisch bedeutet das: Falls eine konkurrierende Transaktion eines Angreifers oder eine Gegenbewegung im Netzwerk schneller bestätigt wird, können die Angreifer ihre eigene Fee-Race nutzen, um die Bestätigung ihres Stroms an UTXOs zu erzwingen.
Für die Einordnung der Größenordnung nennt die Auswertung bestätigte Verluste in Höhe von 88,6 Millionen US-Dollar; zugleich verweist der Bericht auf frühe Fälle, in denen einzelne Inhaber innerhalb von Minuten ausgeräumt worden sein sollen. Ein Beispiel, das im Kontext der früheren Wellen genannt wird, ist ein kanadisches Opfer mit einem Verlust von 1,6 Millionen US-Dollar. Ob die vierte Welle am Ende genauso groß ausfällt wie die bisherigen Phasen, hängt daher nicht nur von den bereits bestätigten Sweeps ab, sondern auch davon, ob die im Mempool noch offenen Transaktionen durch das RBF-Mechanismus-Setup in der erwarteten Reihenfolge bestätigt werden.
Coldcard hat unterdessen reagiert, indem das Unternehmen den Versand gestoppt und Geräte mit der fehlerhaften Firmware „zerstört“ haben soll. Laut den Angaben bleiben bestimmte Produkte unberührt: Satscard, Opendime und Tapsigner gelten demnach als nicht betroffen. Wichtig für Nutzer ist zudem die eigentliche Sicherheitswirkung des Patches: Die korrigierte Firmware schützt nur neu generierte Seeds. Wer bereits einen betroffenen Seed erstellt hat, muss deshalb eine frische Seed-Generierung durchführen und die Bestände in eine neue Wallet-Struktur migrieren. In diesem Kontext ist auch die Empfehlung zu verstehen, die betroffenen Geräte als Beweismittel aufzubewahren, während das Unternehmen seine rechtliche Koordination mit Strafverfolgungsbehörden fortführt.
Der Vorfall zeigt damit zwei Ebenen, die in der Praxis oft getrennt betrachtet werden: Zum einen die reine Krypto-Logik, bei der ein RNG-Fehler nicht „nur“ zu zufälligen Schwankungen führt, sondern reproduzierbare Schwachstellen in Schlüsselableitungen erzeugen kann. Zum anderen die betriebliche Konsequenz für die Selbstverwahrung („self-custody“): Wenn ein Hardware-Wallet die Seeds nicht korrekt erzeugt, reicht ein Firmware-Update allein häufig nicht aus, weil ältere Seeds bereits die kryptografische Grundlage kompromittiert haben. Genau deshalb betont Coldcard den Schritt Richtung Seed-Neuanlage und Migration.
Auch für die Branche ist die Ereigniskette ein Warnsignal, weil Hardware-Wallets gerade wegen ihrer isolierten Entropie- und Signaturpfade als besonders robust gelten. Dass gleichzeitig ein breiter Austausch mit anderen Herstellern, Forschern und Mitgliedern der Community angekündigt wird, passt zu dem Muster, das sich bei anderen Sicherheitsfällen zeigt: Für die forensische Validierung braucht es gemeinsame Datenpunkte über betroffene UTXO-Muster, Zeitfenster und Wallet-Verhalten. Ob es bei dieser „vierten Welle“ bleibt oder ob weitere Sweep-Cluster folgen, dürfte sich an der Bestätigungslage im Mempool und an der Aktivität nach den erwähnten Blöcken entscheiden lassen.
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