TAUNTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Im US-Bundesstaat Massachusetts soll die Nutzung von Historical Horse Racing (HHR)-Automaten an Rennstrecken wie Raynham Park und Suffolk Downs erlaubt werden. Der Mashpee Wampanoag Stamm sieht darin eine existenzielle Bedrohung für das First Light Casino in Taunton und spricht von einem Hinterzimmer-Deal. Befürworter verweisen auf neue Einnahmen, während Kritiker die Geräte als faktische Spielautomaten einordnen. Nun müssen Repräsentantenhaus und Senat in zähen Verhandlungen eine finale Einigung finden.

Die Debatte in Massachusetts wirkt auf den ersten Blick wie ein Detail im Rennsportrecht. Historische Pferderennen, also Ergebnisse echter Läufe, sollen die Auszahlungslogik von Historical Horse Racing (HHR)-Maschinen ersetzen, die äußerlich an klassische Slots erinnern. In der Praxis geht es für mehrere Beteiligte jedoch um deutlich mehr als um Definitionen: Wer diese Geräte betreiben darf, beeinflusst Einnahmequellen, Wettbewerb und Investitionsentscheidungen in der Glücksspiel-Landschaft rund um Taunton.
Das Repräsentantenhaus hat am 22. Juli ein umfassendes Gesetzespaket mit einer überwältigenden Mehrheit von 156 zu 3 Stimmen verabschiedet. Neben einer Legalisierung von Sportwetten enthält der Entwurf auch eine Bestimmung, die HHR an bestimmten Standorten möglich macht. Für die Sportwetten nennt der Text eine Einnahmeprognose von 70 Millionen US-Dollar pro Jahr; zudem werden Steuersätze ausgewiesen, nämlich 12,5 Prozent für stationäre Wetten und 15 Prozent für mobile Einsätze. Ein weiterer Prozentanteil soll in die Sicherheit und Integrität des Sports fließen, wodurch die Vorlage zugleich als Versuch verkauft wird, neue Märkte mit Kontrolle zu verbinden.
Dass die HHR-Regel nicht als isolierter Änderungsantrag behandelt wurde, macht den Konflikt besonders zäh. Ursprünglich als Änderung 386 eingebracht, wurde sie später mit dem Konsolidierten Änderungsantrag D zusammengeführt. Für viele Abgeordnete bedeutete das: Wer das Gesamtpaket unterstützte, stimmte zwangsläufig auch für die Pferderennen-Automaten. Genau diese Verzahnung nutzen die Gegner als Argument gegen Transparenz und Entscheidungslogik – und sie verschiebt den Streit von der Technik zur politischen Prozessfrage.
Im Zentrum steht der Mashpee Wampanoag Stamm, der als staatlich anerkannte Gemeinschaft genannt wird und zugleich mit dem First Light Casino in Taunton eigene Interessen verfolgt. Der Konflikt wird als existenzielle Bedrohung beschrieben, weil HHR-Geräte dem Stamm zufolge den eigenen Marktzugang untergraben und damit auch das Geschäftsmodell rund um das Casino belasten. In dem Text heißt es wörtlich: „Der Stamm kritisiert die Bestimmung als einen Hinterzimmer-Deal.“ Gleichzeitig sieht der Stamm die Geräte als de facto Spielautomaten, obwohl sie technisch mit realen Rennresultaten statt mit einem Zufallsgenerator arbeiten sollen.
Paradox wird die Lage, wenn man auf die lokale Politik schaut: Die drei Vertreter aus Taunton – die Demokratin Lisa Field sowie die Republikaner Justin Thurber und Norman Orrall – unterstützen den HHR-Vorstoß, obwohl der Stamm im selben Bezirk ansässig ist. Diese Konstellation zeigt, wie stark unterschiedliche Interessen über Parteigrenzen hinweg kollidieren können. Auf der anderen Seite nennt der Text Genting als finanziellen Rückgrat des First Light Casinos. Genting warnt demnach, dass HHR-Maschinen an weiteren Standorten Investitionen verhindern könnten, die für die Umwandlung eines zunächst provisorischen Trailer-Setups in ein vollwertiges Casino-Resort nötig wären.
Auch die Zeitkomponente spielt hinein. Gouverneur Charlie Baker drängt laut Darstellung auf eine schnelle Lösung, weil bereits 35 Millionen US-Dollar an erwarteten Einnahmen in seinen Haushalt eingeplant sind. Damit steigt der Druck auf den Senat, dessen Haltung im Glücksspielbereich traditionell als konservativer beschrieben wird. Senatspräsidentin Karen Spilka und Mehrheitsführerin Cynthia Creem hätten sich dem Text zufolge in der Vergangenheit skeptisch gegenüber einer Ausweitung des Angebots geäußert; ob die HHR-Regel den Vermittlungsschuss übersteht, ist daher offen und hängt stark von den dortigen politischen Abwägungen ab.
Für deutsche Spieler wirkt der Streit zwar weit weg, aber die Mechanik ist überraschend gut übertragbar: Auch hierzulande entscheidet Regulierung darüber, welche Spielformen in welchem Rahmen erlaubt sind. Der Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) regelt strikt, wer welche Angebote machen darf; zentral ist dabei der Schutz lokaler Lizenzen und die klare Trennung der Spielarten. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) setzt den Rahmen über Prüf- und Zulassungsprozesse um. Besonders relevant ist: In Deutschland gibt es fest definierte Grenzwerte wie ein Einsatzlimit von 1 Euro pro Spin an virtuellen Spielautomaten sowie ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro, überwacht über das LUGAS-System.
Ein Massachusetts-Szenario, in dem Geräte „unter dem Deckmantel des Rennsports“ in Grauzonen rutschen, wäre in Deutschland nach der beschriebenen Systemlogik nahezu ausgeschlossen. Die GGL-Whitelist soll sicherstellen, dass zugelassene Angebote fair sind und der Spielerschutz nicht nur behauptet, sondern verlässlich umgesetzt wird. Für lizenzierte Betreiber bedeutet das vor allem Planbarkeit: Der Wettbewerb entsteht über nachvollziehbare Spielmechaniken und klare Zulassungskriterien, nicht über politische Umwege. Damit bleibt die Kernbotschaft aus dem Fall Massachusetts auch für den deutschen Markt: In einem transparent regulierten Umfeld haben Modelle mit vergleichbarer Intention weniger Chancen, sich gegen strenge Prüfung durchzusetzen.
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