LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der Universität Milano-Bicocca verknüpft frühe Social-Media-Nutzung mit messbaren Lernrückständen. Untersucht wurden 5.227 Schülerinnen und Schüler aus 28 Schulen. Besonders in Mathematik und der Muttersprache zeigt sich demnach ein Effekt, der etwa einem halben Schuljahr entspricht. Für Englisch finden die Forschenden hingegen keine vergleichbaren Unterschiede zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern.

Die Debatte um Altersgrenzen für soziale Medien bekommt durch eine neue Veröffentlichung zusätzlichen Druck: Wer schon vor der neunten Klasse regelmäßig auf Plattformen wie Instagram oder TikTok unterwegs ist, schneidet in Tests offenbar schlechter ab. Die Studie der Universität Milano-Bicocca ordnet den Zusammenhang nicht als bloße Korrelation im Schulalltag ein, sondern quantifiziert einen Leistungsabfall, der in der Größenordnung eines halben Schuljahres liegt. Für Eltern und Schulen ist das vor allem deshalb relevant, weil sich die Diskussion bisher häufig zwischen generellen Warnungen und Einzelfall-Erfahrungen bewegt hat.
Im Kern basiert die Auswertung auf Daten von 5.227 italienischen Schülern aus 28 Schulen. Die Forschenden um Marco Gui vergleichen dabei frühe Nutzerprofile mit solchen Jugendlichen, die erst später soziale Netzwerke verwenden. Das Ergebnis wird als Effekt in Standardabweichungen angegeben: Der Leistungsunterschied entspricht etwa 0,2 Standardabweichungen. Um das praktisch greifbar zu machen, übersetzt die Studie den Befund in einen Lernrückstand von rund einem halben Schuljahr. Zusätzlich steigt bei frühen Nutzern die Wahrscheinlichkeit, eine Klassenstufe zu wiederholen, also nicht nur die Prüfungsergebnisse verschlechtern sich, sondern der Schulverlauf nimmt auch eher einen Umweg.
Entscheidend ist dabei, dass die Analyse mehrere mögliche Einflussfaktoren kontrolliert. Die Studie berücksichtigt unter anderem den sozioökonomischen Hintergrund sowie das Bildungsniveau der Eltern. Damit bleibt der gefundene Zusammenhang im Datensatz bestehen und wird nicht vollständig durch soziale Unterschiede erklärt. Gerade diese Kontrollierung macht den Befund für Bildungspolitik und Schulpraxis anschlussfähig: Wenn die Studie trotz Berücksichtigung dieser Variablen einen Effekt misst, rückt die Frage in den Vordergrund, wie Mediennutzung zeitlich, aufmerksamkeitsbezogen und lernbiografisch in die Mittelstufe hineinwirkt.
Die Differenz zeigt sich laut Veröffentlichung nicht in allen Fächern gleich stark. Am deutlichsten betroffen sind Mathematik und die Muttersprache, während Englisch keine signifikanten Unterschiede zwischen frühen Nutzern und Nicht-Nutzern aufweist. Ein möglicher Erklärungsansatz aus den Daten heraus lautet, dass der Konsum englischsprachiger Inhalte im sozialen Kontext die negativen Effekte teilweise kompensieren kann. Das passt zum Bild, dass nicht jede Form von digitalem Input gleich wirkt: Inhaltssprache, Aufgabenformate und die Art, wie Lernzeit strukturiert wird, können die Bilanz beeinflussen, selbst wenn die Ausgangslage „viel Screen Time“ ähnlich ist.
Die politische Dimension ergibt sich aus der zeitlichen Reibung zwischen Jugendschutzdebatte und Unterrichtsalltag. Mehrere Staaten arbeiten bereits an strengeren Regeln; in der Veröffentlichung werden unter anderem Frankreich, Australien und Großbritannien als Beispiele genannt. In Australien wurde der Zugang für unter 16-Jährige untersagt, während Großbritannien über ein Verbot für unter 16-Jährige diskutiert, mit einem möglichen Inkrafttreten im Frühjahr 2027. Frankreich plant dagegen ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige. Solche Maßnahmen zielen weniger auf den Inhalt als auf den Nutzungszeitpunkt – und genau der wird in der Studie als besonders bedeutsam herausgestellt.
Für Schulen und Eltern ist damit weniger die Frage „Verbieten oder nicht?“ zentral, sondern wie man Lernprozesse zuverlässig schützt, ohne Medien komplett aus dem Alltag zu drängen. Praktisch heißt das: Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource, und frühe Routinen können sich dauerhaft festsetzen, etwa über abendliche Scroll-Sessions, Benachrichtigungsdruck oder eine dauerhafte Unterbrechung des Lernrhythmus. Wer Mediennutzung in der Mittelstufe steuert, kann zugleich an Lerngewohnheiten anknüpfen, statt nur am Verbot zu arbeiten. Interessant bleibt zudem, dass die Studie den Vorteil „späterer Einstieg“ nicht als Allheilmittel darstellt, sondern als Bestätigung der Idee, dass ein späterer Start die akademische Entwicklung eher schont.
Aus Sicht der KI- und EdTech-Landschaft verschiebt sich damit der Fokus. Wenn digitale Nutzung die Leistung in bestimmten Fächern messbar beeinflusst, steigt der Bedarf an Assistenzsystemen, die nicht einfach „Lernzeit ersetzen“, sondern Lernzeit stabilisieren. Denkbar sind etwa datenschutzfreundliche Ansätze zur Lernplanung, die Nutzungszeiten sichtbar machen und im Hintergrund helfen, Unterbrechungen zu reduzieren – ohne den Nutzern das Lernen zu entwerten. Gleichzeitig zeigt der Befund, dass das Thema nicht nur pädagogisch, sondern auch datenbasiert diskutiert werden sollte: Studien wie diese liefern die messbaren Anker, an denen sich wirksame Leitfäden, Schulkonzepte und technische Hilfen künftig ausrichten können.
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