SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Der spanische Startup Kreios will 2027 erstmals eine sehr niedrig erdnahe Umlaufbahn-Demo mit Air-Breathing-Electric-Propulsion (ABEP) durchführen. Dafür nutzt das Unternehmen einen Kongsberg NanoAvionics-Mikrosatellitenbus vom Typ MP42 und integriert anschließend ein optisches Nutzlastmodul. Ziel ist, die Bahnhöhe ohne mitzuführenden Treibstoff über längere Zeit stabil zu halten und zugleich Umweltmessungen sowie Bilddaten im sichtbaren und nahinfraroten Bereich zu erfassen. Die zeitliche Planung steht für einen Projektstart zwar noch offen, die Technologie soll aber genau für die extreme Atmosphäre in rund 200 Kilometer Höhe ausgelegt sein.

Eine der größten Hürden für Satelliten in sehr niedrigen Umlaufbahnen ist nicht das Erreichen der Bahn, sondern das Bleiben in ihr. In Höhen von grob 200 Kilometern macht der atmosphärische Widerstand schnell aus jedem „einmaligen“ Bahntransfer eine Daueraufgabe: Klassische elektrische Antriebe benötigen dann spürbar mehr Treibstoffreserven, oder die Mission muss früher enden. Genau hier setzt der spanische Startup Kreios Space an, das für 2027 die erste VLEO-Demonstration (very low Earth orbit) seines air-breathing electric propulsion-Ansatzes (ABEP) ankündigt. Das Konzept ist auf einen Dauerbetrieb in der Nähe dieser Grenze optimiert, in der die Thermik, die Aerodynamik und die Wechselwirkung mit der Restatmosphäre die Systemanforderungen drastisch verschieben.
Technisch betrachtet nutzt ABEP nicht nur Strom und ein elektrisches Triebwerk, sondern „ergänzt“ den Treibstoffbezug durch die Umgebung: Die Anlage ist darauf ausgelegt, atmosphärische Gase wie Sauerstoff und Stickstoff aufzunehmen. Die elektrischen Thruster sollen diese aus der Umgebung gewonnenen Komponenten als Propellant verwenden, sodass die Höhenhaltung ohne den sonst üblichen Treibstoffvorrat an Bord auskommen kann. Kreios formuliert damit ein zentrales Kosten- und Masseargument: Wenn man die durch Drag erzwungenen Korrekturen über lange Zeit leisten will, wird bei konventionellen Elektroantrieben entweder die Einsatzdauer zu kurz oder das Startgewicht zu hoch. Im Mittelpunkt der geplanten Demo steht deshalb weniger „neue Optik“, sondern die verifizierbare Stabilität der Bahnhöhe sowie die Fähigkeit, die Triebwerksleistung in einem stark dynamischen Umfeld nachzuweisen.
Für die Umsetzung setzt Kreios auf eine Zusammenarbeit mit Kongsberg NanoAvionics. Anstelle eines selbstentwickelten Satellitenbusses erhält der Flug einen standardnahen, aber missionangepassten Rahmen: Kreios nutzt den NanoAvionics MP42-Mikrosatellitenbus, der für den Demonstrator individuell konfiguriert wird. Laut Plan übernimmt NanoAvionics die Anpassung des Bus-Designs, die Integration der optischen Nutzlast, Systemtests sowie die Inbetriebnahme („commissioning“) der Plattform, bevor Kreios die operative Verantwortung übernimmt. Der Demonstrator soll zusätzlich zum ABEP-System eine optische Nutzlast mitführen, deren genaue Spezifikation noch nicht öffentlich benannt wurde. Die Mission will aus der sehr niedrigen Umlaufbahn die Leistung des ABEP-Thrusters validieren, Umgebungsdaten vermessen und außerdem Bilder mit Sub-Meter-Auflösung im sichtbaren und nahinfraroten Spektralbereich aufnehmen.
Marktseitig ist das Timing bemerkenswert, weil VLEO-Dienste in Europa und den USA derzeit von mehreren Richtungen „gleichzeitig“ angefahren werden. In der Ankündigung wird auf wachsendes kommerzielles Interesse verwiesen, das sich vor allem aus zwei Effekten speist: höher aufgelöste Erdbeobachtung und geringere Latenz bei Kommunikationsanwendungen. Bereits existierende experimentelle Satelliten im chinesischen Raum operieren in Bahnhöhen unter 300 Kilometern und zeigen damit, dass die Technologieklasse grundsätzlich funktioniert. Gleichzeitig planen US- und europäische kommerzielle Betreiber laut Angaben zu den nächsten möglichen Flugfenstern in den kommenden Jahren, wodurch sich der Wettbewerb um den ersten belastbaren Demonstrations- und Nutzwertnachweis weiter zuspitzt. In Europa arbeiten außerdem weitere Initiativen an ABEP-artigen Systemen, darunter eine Forschungs- und Entwicklungsumgebung im Umfeld der europäischen Raumfahrt und mehrere private Akteure.
Für Unternehmen, die VLEO in Produkte überführen wollen, wird an Kreios’ Ansatz vor allem interessant, wie realistisch die versprochene Treibstoffersparnis tatsächlich im Betrieb wird. Der Unterschied zwischen „Labor-Performance“ und „Flug mit veränderter Umgebungsdichte“ zeigt sich typischerweise in Messketten: Welche Gasdichte liegt an, wie stabil ist die Ansaugleistung über die Bahnumläufe, und wie stark schwankt die notwendige elektrische Leistungsbereitstellung? Genau diese Fragen adressiert die Missionsarchitektur mit gleichzeitigen Umweltmessungen und einer Bild-/Nutzlastkampagne. Dazu kommt, dass VLEO nicht nur der Antrieb ist, sondern ein Gesamtsystemthema: Stromversorgung, thermisches Management, Bahnmechanik und Nutzlastbetrieb müssen so aufeinander abgestimmt werden, dass die Triebwerkszustände nicht die Messstabilität zerstören.
Auch die Finanzierung und das Ökosystem geben Hinweise darauf, wie schnell solche Konzepte in den nächsten Reifegrad gelangen können. Kreios berichtet von einer Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 8 Millionen Euro im Jahr 2025 und nennt zusätzlich die Auswahl durch ein NATO-Programm zur Förderung von Verteidigungsinnovationen. Für den Markt bedeutet das vor allem zweierlei: Erstens steigt der Druck, Demonstratoren in klaren Zeitfenstern bis in den Orbit zu bringen, weil Förder- und Stakeholder-Erwartungen messbar sind. Zweitens werden ABEP-Systeme dadurch eher als „plattformfähig“ interpretiert, also als Technologiebaustein, den man mittelfristig in unterschiedliche Missionen integrieren kann. Ob der Sprung von der Demo zum Regelbetrieb gelingt, hängt dann daran, wie robust das ABEP-Verhalten über wiederholte Umläufe bleibt und wie sauber die Messdaten im Betrieb die Leistungsannahmen bestätigen.
Mit der geplanten VLEO-Erstmission 2027 und einer zweiten Fluggelegenheit 2028 setzt Kreios auf einen zweistufigen Lernpfad: Erst das grundlegende Funktions- und Leistungsprofil, dann die Weiterentwicklung für Langzeiteffekte und Betriebsvarianten. Wenn die Validierung der Thruster-Performance und die Nutzlastresultate wie vorgesehen zusammenlaufen, könnte ABEP damit ein wichtiges Argument gegen den „Treibstoff-Tunnelblick“ liefern, der bisher viele VLEO-Konzepte ausbremst. Für die nächsten Betreiber-Generationen zählt aber nicht nur die Technik im Triebwerk, sondern die Fähigkeit, daraus verlässliche Servicefähigkeiten zu machen: wiederholbare Bildqualität, vorhersehbares Bahnverhalten und eine Betriebsplanung, die auch unter ungewöhnlichen Umweltbedingungen nicht sofort kippt.
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