LUBMIN/RHEINSBERG – Die spezielle Zerlegehalle für Großkomponenten der ehemaligen DDR-Atomkraftwerke in Lubmin und Rheinsberg soll später als geplant fertig werden. Bauarbeiten laufen zwar weiter, jedoch verschiebt sich die Zielmarke auf 2027. Danach ist eine Inbetriebnahme für 2028 vorgesehen. Als Hauptbremsen nennt die zuständige Betreiberorganisation branchenweite Engpässe im Bauwesen, Lieferkettenprobleme und fehlendes Fachpersonal.

Im vorpommerschen Lubmin und im brandenburgischen Rheinsberg nimmt ein Projekt Gestalt an, das auf den ersten Blick nach einem reinen Anlagenbauvorhaben aussieht, technisch aber ein anderes Kaliber hat: Es geht um eine Zerlegehalle (ZLH) für Großkomponenten aus den ehemaligen DDR-Atomkraftwerken. Laut Angaben der Betreiberorganisation EWN befinden sich die baulichen Maßnahmen weiterhin im Gange, gleichzeitig wird der zeitliche Rahmen nach hinten geschoben. Die Zielvorstellung liegt jetzt bei einer Fertigstellung im Jahr 2027; die daran anschließende Inbetriebnahme ist für 2028 geplant. Damit fällt die Planungs- und Ausführungsphase in eine Phase, in der der gesamte Bau- und Anlagenmarkt unter Druck steht – ein Faktor, der im Projekt nicht nur den Ablauf, sondern auch die Qualitätssicherung in der Montage beeinflussen kann.
Warum ein solcher Zeitversatz in der Praxis so relevant ist, zeigt der Blick auf die Projektarchitektur. Das Kernstück des ZLH-Komplexes wird als etwa 30 Meter hohe Halle beschrieben, rund 60 Meter lang und 40 Meter breit. Große Stahltore und eine Krananlage sollen später hunderte Tonnen heben können, um Komponenten nach definierten Arbeitsschritten zerlegen und handhaben zu können. In der Mitte der Halle ist ein Zerlegebecken vorgesehen, in dem Teile unter Wasser fernferngesteuert zerlegt werden sollen – ein Ansatz, der vor allem die Strahlenexposition senkt. Dazu kommen mehrere Ebenen passiver Abschirmung: Betonwände in der beschriebenen Stärke, Edelstahl-Auskleidungen im Becken sowie speziell ausgelegte Bereiche für Böden und Wände, damit mögliche Kontaminationen nicht einziehen. Ergänzend werden Abluftströme gefiltert und kontrolliert.
Die Verzögerungen werden dabei nicht als isoliertes Problem eines einzelnen Gewerks dargestellt, sondern als Folge branchenweiter Engpässe. Die Betreiberorganisation nennt als wesentliche Faktoren die derzeit spürbar langsamen Herausforderungen im Bauwesen, wobei der Auftraggeber nur begrenzt Einfluss auf Personalverfügbarkeit, Materialzugang und Lieferzeiten hat. Genannt werden der Fachkräftemangel, Verzögerungen in den Lieferketten sowie die Verfügbarkeit von Materialien und Komponenten. Solche Verzögerungen wirken in Projekten wie diesem besonders stark, weil viele Arbeitsschritte aufeinander abgestimmt sind: Hochspezialisiertes Know-how wird für einzelne Gewerke benötigt, etwa bei der Krananlage. Wenn etwa die Lieferung eines maßgeblichen Systems oder eine Feinabstimmung der Ausrüstung länger dauert, kann das die nachgelagerte Montage, die Funktionsprüfungen und die Freigaben für sicherheitsrelevante Testreihen verschieben.
Damit stellt sich auch die Frage, welche technischen Objekte in der Halle tatsächlich bearbeitet werden sollen und wie das die Auslegung prägt. In den späteren Arbeitsabläufen ist vorgesehen, unter anderem Dampferzeuger zu zerlegen – jene Komponenten, die in den Kraftwerken mithilfe von Wärme Dampf für die Turbinen bereitstellten – sowie Druckgefäße. Das Ziel ist nicht nur das mechanische Zerkleinern, sondern auch die anschließende Aufbereitung, sodass die Teile entweder über definierte Wege für die Entsorgung transportiert werden können oder vor dem Abtransport von Kontamination befreit werden. Genannt wird dabei unter anderem der Bezug zum Schacht Konrad im niedersächsischen Salzgitter, dem künftigen Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Bis zur Inbetriebnahme lagern die Großkomponenten aus den beiden Regionen aktuell noch in einem Zwischenlagerkomplex; das Projekt muss also Schnittstellen zwischen Lagerlogistik, Transport und Hallenhandling sauber beherrschen.
Historisch betrachtet liegt der Baubeginn bereits mehrere Jahre zurück. Ende 2018 sollen die Gründungsarbeiten gestartet sein, im Sommer 2020 folgte der Rohbau. Auch die Corona-Pandemie wird als Ursache wiederholter Verzögerungen genannt. Entscheidend ist dabei: Verzögerungen in solchen Zeitlinien sind selten “nur” Terminverschiebungen, sondern führen oft zu Neuabstimmungen in Beschaffung und Koordination, weil sich Lieferketten und Personalressourcen ändern. Die Betreiberorganisation ordnet den bisherigen Auflauf zwar in einen Rahmen ein, der angesichts Dimension und Komplexität des Projekts zwar weiterhin beherrschbar sei, aber auch deutlich größer hätte ausfallen können. Genau dieser Punkt ist für Unternehmen, die in der nuklearen Entsorgungs- und Rückbaukette tätig sind, relevant: Planbarkeit entsteht nicht allein durch gute Projektführung, sondern auch durch die Robustheit der Lieferantenlandschaft und der verfügbaren Fachkräfte.
Auf der Kostenebene ist der Effekt nach Angaben der Betreiberorganisation grundsätzlich erwartbar, aber nicht belastbar bezifferbar. Verzögerungen bei einem Projekt dieser Größenordnung hätten Auswirkungen, weil jeder zusätzliche Bautag Mehraufwendungen auslöse. Daraus folgt die Einschätzung, dass sich die Gesamtkosten erhöhen werden, auch wenn eine konkrete Zahl bislang nicht angegeben wurde. Dass Ende 2025 keine belastbare Schätzung nachgereicht wurde, passt ins Muster vieler Großprojekte: Solange wesentliche Schnittstellen zwischen Gewerken, Lieferumfang und Terminplan noch nicht “eingefroren” sind, bleibt eine präzise Kostenprojektion unscharf. Gleichzeitig ist die Art der technischen Auslegung – Abschirmung, Spezialbeschichtungen, Fernhandhabung im Zerlegebecken und kontrollierte Abluft – ein Hinweis darauf, dass wesentliche Kostenblöcke nicht beliebig skalierbar sind. Insofern entscheidet die Frage, wie schnell kritische Ausrüstungskomponenten verfügbar sind und wie reibungslos die Integration gelingt.
Für den Markt und die Branche ist die zeitliche Verschiebung vor allem ein Signal: Die Nachfrage nach hochspezialisiertem Rückbau- und Zerlege-Know-how bleibt bestehen, aber sie verschiebt sich in ihrer realen Ausführungswelle. Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette – von Engineering über Anlagenbau bis zu Spezialkomponenten für Hebe- und Abschirmsysteme – müssen ihre Kapazitäten langfristig ausrichten und Puffer einplanen. Zugleich rückt die Frage nach Standards und Prozesssicherheit stärker in den Fokus: Wer in der Zerlegung unter Wasser arbeitet, benötigt nicht nur robuste Technik, sondern auch präzise Betriebsabläufe, klare Freigabekriterien und umfassende Prüf- und Dokumentationsketten. Mit der anvisierten Fertigstellung 2027 und der Inbetriebnahme 2028 wird die ZLH nun zum nächsten großen Taktgeber in der Entsorgungslogik für Großkomponenten aus den beiden Standorten. Für Projektleiter und Entscheider heißt das vor allem: Die Planungen sollten sich am realen Baufortschritt und an der Lieferkettenlage orientieren – nicht nur am ursprünglichen Kalender, der im Anlagenbau aktuell wenig Puffer bietet.
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