MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Gin-Hype in deutschen Bars ist spürbar leiser geworden, obwohl Gin an der Theke weiterhin konstant gefragt bleibt. In vielen Karten sinkt die Nachfrage nach bestimmten Marken, stattdessen rückt wieder die Auswahl nach Stilrichtungen wie London Dry oder Navy Strength in den Fokus. Gleichzeitig gewinnen alkoholfreie Gin-Varianten und ein unkomplizierter Gin Tonic an Zustimmung. Für Gäste zählt immer stärker das passende Geschmackserlebnis statt der neuesten, exzentrischen Sorte.

Gin-Trend in Deutschland: Hype flacht ab, Klassiker dominieren wieder
Gin-Trend in Deutschland: Hype flacht ab, Klassiker dominieren wieder (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer heute nach Gin fragt, bekommt in vielen Bars weniger ein „Muss das jetzt besonders sein?“ serviert, sondern eher eine Diskussion über Stilrichtungen: Wacholderprofil, Citrus-Noten, florale Botanicals oder die Frage, wie stark gemischt werden soll. In MÜNCHEN ordnet der Barmanager des Hotels Vier Jahreszeiten Kempinski, Aleksandar Vujin, die Entwicklung über mehrere Jahre ein: In den vergangenen 15 Jahren sei Gin deutlich beliebter geworden, während die Zahl der kurzfristigen Trends zuletzt abnahm. Trotz dieser Abschwächung bleibt Gin in seiner Bar eine der meistverkauften Spirituosen – was zeigt, dass es sich weniger um einen Stimmungsumschwung handelt als um eine Reifung der Nachfrage.

Die Dynamik wirkt aber nicht überall gleich. In BERLIN beschreibt Jens Hartmann, Inhaber der Bar „The Gin Room“, dass der Hype nachgelassen habe, die Lust auf Gin-Tastings jedoch hoch bleibt. Der praktische Hebel ist dabei weniger Marketing als Orientierung: Wenn man Gästen erklärt, welche Bandbreite Gin abbildet, und ihnen anschließend das Regal mit rund 600 verschiedenen Gins zeigt, sinkt die Unsicherheit. Hartmann macht zudem deutlich, wie Beratung konkret wird – zunächst fragen sie, was die Gäste sonst trinken, dann präsentieren sie passende Optionen im Glas. Das passt zu einem typischen Muster in reifen Getränkemärkten: Sobald das „Ausprobieren“ nicht mehr vom Trend getrieben ist, entscheiden Erwartungsmanagement und Erfahrung über die nächste Bestellung.

In HAMBURG und KÖLN zeigt sich diese Reife noch deutlicher, weil sie auch die Marke selbst betrifft. Michael Ehrenwirth, Barmanager und Partner in der „Puzzle Bar“, stellt einen Unterschied zwischen Bartender-Trends und dem Endverbraucherverhalten heraus: Gin wird weiterhin als Cocktail-Bestandteil bestellt, während die Trendkurve in der Szene zwar schwankt, beim Publikum aber stabil bleibt. Im „Woods“ in KÖLN beschreibt Simon Bach dann einen konkreten Rückgang des „Brandcall“: Die Nachfrage nach einer bestimmten Marke passiere fast gar nicht mehr, nach Corona sei das deutlich zurückgegangen und sinke weiter. Gleichzeitig sei die Zeit der extrem ausgefallenen Gin-Sorten – etwa gelagerte oder stark gefärbte Varianten – in den letzten zwei bis drei Jahren nicht mehr abgerufen worden. Stattdessen funktionieren klassischere Profile wieder besser, insbesondere bei internationalen Gästen.

Technisch betrachtet ist das für Bars auch eine Frage der Menü-Logik und der Platzierung: Eine riesige Gin-Karte wirkt nicht zwingend als „Growth Engine“, wenn Gäste im Alltag schnelle Entscheidungen treffen wollen. In der Puzzle Bar steht nur eine Handvoll Gin-Sorten auf dem Menü, bei den gelisteten Cocktails ist Gin jedoch häufig als Zutat vorgesehen. Ehrenwirths Erfahrung legt nahe, dass das Verständnis für die Spirituose bereits gefestigt ist – zumindest bei Gästen, die gezielt nachfragen. Auch beim Gin Tonic verschiebt sich die Erwartung: Alexander Vujin sagt, der Fokus auf das Tonic sei früher stärker gewesen, als man ein feines Gespür für die passende Kombi samt Dekoration brauchte; heute sei eher ein simpler Gin Tonic begehrt. Damit rückt der Flascheninhalt stärker in den Mittelpunkt, während die Tonic-Auswahl als Komplexitätsstufe zurückfällt.

Ein weiterer Treiber liegt in der Produktdiversifikation, die die Barlandschaft derzeit mitprägt: alkoholfreie Alternativen. Jens Hartmann berichtet von einer gestiegenen Nachfrage nach alkoholfreien Drinks und Gin-Varianten, Ehrenwirth bestätigt alkoholfreie Optionen als „sehr populär“, und im „Woods“ sieht Simon Bach zwar noch einen Trend, aber auch dessen langsames Ende – verbunden mit der Feststellung, dass sich die substituierenden Produkte „einen festen Platz“ erarbeitet haben. Entscheidend ist dabei die Wirkung auf die Wahrnehmung: Aus Nischenexperimenten werden selbstverständliche Bestellungen. Auf derselben Ebene verändert sich auch, wie Mixologie interpretiert wird; nicht jedes Detail rund um Garnishes und Brandcall verschwindet, aber es gibt klare Anzeichen für eine Rückkehr zu unkomplizierten Routinen, zumindest bei bestimmten klassischen Formaten.

Viele Häuser reagieren schließlich mit Eigenprodukten oder gezielter Curations-Strategie. In KÖLN lässt das „Woods“ einen eigenen Gin von einer Brennerei nach Hausrezept herstellen. Simon Bach begründet das mit einer Unzufriedenheit über den Geschmackseffekt: Bei vielen großen Marken werde die Alkoholstärke und damit das Profil des Gins spürbar reduziert, was für Cocktails mit präsenter Wacholdernote weniger gut passe. Der Woods-Gin wird mit 47 Volumenprozenten eingesetzt und eignet sich laut Bach sowohl zum Mixen als auch für entspannte Gin Tonics. Im Vier Jahreszeiten nutzt man den hauseigenen Gin für Cocktails mit Gin sowie für einen eigenen Gin Tonic; zusätzlich wird der „Jahreszeiten Martini“ direkt am Tisch kreiert. Damit entsteht ein geschlossenes Konzept aus Produkt, Service und Social-Präsenz: Der Gin wird nicht nur verkauft, sondern als wiedererkennbares Erlebnis im Alltag fortgeführt – etwa über Flaschenkäufe zur Weihnachtszeit.

Auch wenn damit die „große Gin-Zukunft“ nicht neu erfunden wird, zeigt der Blick auf BERLIN, MÜNCHEN, HAMBURG und KÖLN, worum es in den nächsten Monaten bei Bars wahrscheinlich geht: weniger Hype, mehr Passung. Die Trendspitzen der letzten Jahre – besonders bei stark abweichenden Sorten – wirken abgelaufen; dafür gewinnen Klassiker und klar definierte Geschmacksprofile zurück an Relevanz. Für Barteams bedeutet das, dass Beratung wieder mehr Gewicht bekommt als bloße Range: Wer Gästen die Auswahl anhand ihrer Vorlieben und Aromen-Sprache erklärt, kann auch mit einer kleineren Sortimentsfläche erfolgreich sein. Und selbst ein Thema wie „eigener Gin“ funktioniert als strategisches Rezept, wenn es technologisch und sensorisch so ausgelegt ist, dass es im Alltag – im Drink und am Tisch – konstant abliefert.

So plausibel der Weg zurück zu klassischen Stilen wirkt, vollständig „aus der Mode“ wird Gin dennoch nicht geraten sein – dafür ist die Grundlage zu breit. Vujin sieht keine Anzeichen dafür, dass Gin in der einen oder anderen Form kurzfristig verschwindet; Hartmann denkt ebenfalls offen über eigene Produkte nach, etwa mit Blick auf regionale Botanicals und Rezepturen, die sich über Zeit entwickeln lassen. Für Betreiber heißt das: Statt auf den nächsten Exoten zu setzen, lohnt es sich, die vorhandenen Stärken zu schärfen – Auswahl nach Stil, bessere Erklärung am Gast und ein solides Portfolio, das auch alkoholfreie Varianten selbstverständlich mit abdeckt. Genau in dieser Mischung aus Kontinuität und feiner Weiterentwicklung liegt die Chance, dass Gin an der Bar dauerhaft bleibt, auch wenn das „Schlagwort“-Zeitalter weiter abklingt.


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