LONDON (IT BOLTWISE) – Continental profitiert im zweiten Quartal weiter vom Geschäft mit großen, teuren Reifen, während sich die Materialkosten noch günstiger entwickelt haben. Der Dax-Konzern meldet eine konzernweite operative Marge-Stabilität, doch der Conti-Finanzchef warnt für die zweite Jahreshälfte vor steigenden Rohmaterialkosten. Besonders im Reifenbereich erwartet er deshalb eine schwächere Profitabilität, auch weil sich die Pkw- und leichte-Nutzfahrzeuge-Märkte weiter eintrüben. Gleichzeitig hält der Konzern trotz der gemischten Rahmenbedingungen an seinen Umsatz- und Margenzielen für 2026 fest.

Continental hat im zweiten Quartal mehr als erwartet verdient und liefert damit eine Momentaufnahme, wie stark der Wechsel zu großen, teuren Reifen auch in volatilen Rohstoffphasen wirken kann. Im Tagesgeschäft legte der Dax-Konzern sein Ergebnis im Kern vor allem deshalb besser als kalkuliert hin, weil der Anteil dieser Reifen weiter gestiegen ist und die Materialkosten zunächst noch günstiger ausfielen. Damit trifft der Reifenhersteller genau den Bereich, in dem höhere Preise typischerweise auch höhere Ergebnishebel schaffen – allerdings nicht ohne Bedingungen: Sobald sich die Input-Kosten drehen, wird die Rechnung schnell enger.
Für diese Drehung liefert Conti selbst den Ton. Finanzchef Roland Welzbacher machte gegenüber dpa-AFX deutlich, dass der Rückenwind bei Rohmaterialkosten im ersten Halbjahr zwar im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich gewirkt habe, sich diese Unterstützung aber nun umkehre. Öl ist dabei ein zentraler Produktionsfaktor, weil Reifen- und Kunststoffhersteller stark über Energie- und Rohstoffketten mit Preisentwicklungen verbunden sind. Gleichzeitig verbinden sich steigende Rohstoffkosten mit einem zweiten Bremsfaktor: Die Automärkte kämen dieses Jahr nicht wie erhofft zur Rückkehr, was laut Konzern die Aussichten für weltweite Produktion von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen weiter verschlechtert.
Operativ zeigt sich der Unterschied zwischen dem laufenden Quartal und den Erwartungen für die kommenden Monate in klaren Zahlen. Die operative Marge im Reifengeschäft lag im zweiten Quartal bei 15,3 Prozent und war damit laut Welzbacher die höchste im Jahresverlauf. Für das dritte Quartal erwartet der Finanzchef jedoch ausdrücklich, diese Stärke nicht mehr zu erreichen. Dass das Papier nach anfänglichen Kursgewinnen zuletzt dennoch um 1,7 Prozent auf 71,10 Euro nachgab, unterstreicht, wie sehr der Kapitalmarkt die Bestätigung einer verbesserten Ergebnisqualität im zweiten Quartal mit einer nachlassenden Dynamik im weiteren Jahresverlauf verknüpft.
Die Ergebnisentwicklung im gesamten Konzern bleibt dabei positiv, aber nicht grenzenlos. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag mit 570 Millionen Euro deutlich über dem Vorjahreswert, nämlich um ein gutes Drittel. Dazu trugen neben dem Reifenmix und günstigeren Rohmaterialien auch weniger belastende Zoll- und Wechselkurseffekte bei. Gleichzeitig sank der Nettogewinn um fast die Hälfte auf 274 Millionen Euro, was unter anderem daran liegt, dass das im vergangenen Herbst abgespaltene Autozuliefergeschäft Aumovio im Vorjahreszeitraum noch zum Konzern gezählt hat. Unterm Strich zeigt das: Die operative Welt im Reifenbereich liefert weiterhin Substanz, die Konzernzahlen werden aber durch die fortschreitende Neustrukturierung und Vergleichseffekte geprägt.
Beim Umsatz sorgt zusätzlich der Konzernumbau für einen sichtbaren Effekt. Der Umsatz fiel vor allem wegen des Verkaufs eines Unternehmensteils der Kunststofftechniksparte von 4,9 auf 4,4 Milliarden Euro. Auf vergleichbarer Basis wäre der Rückgang laut Conti lediglich 0,3 Prozent gewesen – ein Hinweis darauf, dass die Reifen-Story nicht vollständig vom Umsatztrend abgekoppelt ist, der Umbau aber den Blick auf die operative Entwicklung erschwert. Nach der verabredeten Veräußerung der restlichen Kunststofftechniksparte Contitech soll der Reifenbereich damit noch stärker als der einzige verbleibende Konzernkern in den Vordergrund rücken, was die Steuerbarkeit der Ergebnisqualität perspektivisch erhöht, aber die Abhängigkeit von der Rohstoffseite auch klarer macht.
Genau hier setzt der Ausblick an, den Continental nach der vereinbarten milliardenschweren Veräußerung der verbleibenden Kunststofftechnik angepasst hat. Insgesamt soll der Umsatz 2026 zwischen 13,2 und 14,2 Milliarden Euro liegen, während die bereinigte operative Marge bei 12,0 bis 13,5 Prozent erwartet wird. Für den Reifenbereich allein bleiben die Aussichten unverändert – ein Signal, dass Conti dort seine Hebel weiterhin planbar sieht, selbst wenn der kurzfristige Kostenpfad Gegenwind bringen kann. Welzbacher betont vor allem die großen Reifen ab 18 Zoll Durchmesser: Sie sind schwerer und teurer und werden insbesondere bei batteriebedingt schwereren Elektroautos eingesetzt. Für dieses Segment nennt der Finanzchef ein Marktwachstum von 7 bis 8 Prozent, während andere Segmente eher stagnieren dürften.
Auch in China sieht Conti die strategische Logik intakt. Die Geschäfte entwickelten sich erfreulich, trotz der zuletzt einbrechenden Verkäufe von Neuwagen, und zwar weil der starke Anstieg der vergangenen Jahre nun zu einer großen Fahrzeugflotte führt. Auf den Straßen befinden sich laut Welzbacher inzwischen sehr viele Fahrzeuge, vielfach eben Elektroautos mit großen Reifen – und genau daraus entsteht Nachfrage über das Reifenersatzgeschäft. Conti investiert weiter in diesen Markt und verweist auf den Ausbau im Werk in Hefei, wo die Produktion von 15 auf 18 Millionen Reifen pro Jahr erhöht wird. Für Unternehmen, die in diesem Umfeld liefern oder einkaufen, bedeutet das: Die größte Wachstumswirkung entsteht nicht nur in der Neuproduktion, sondern vor allem in der Lebenszyklusnachfrage, und damit wird die Planungssicherheit im Reifenmarkt zunehmend über Ersatzraten statt Neuwagenabsatz argumentiert.
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