LONDON (IT BOLTWISE) – Teures Kerosin und Streiks eigener Crews haben die Lufthansa im zweiten Quartal deutlich belastet. Der Vorstandschef Carsten Spohr hält für 2026 auch einen Rückgang des operativen Gewinns für möglich. Zwar versucht der Konzern die höheren Treibstoffkosten über Ticketpreise teilweise auszugleichen, doch die Kunden buchen kurzfristiger und die Kerosinpreise schwanken stark. An der Börse trifft die gestutzte Gewinnerwartung die Aktie spürbar, während die Free-Cashflow-Prognose zunächst bestätigt bleibt.

Lufthansa unter Druck: Gewinnrückgang möglich, Kerosin und Streiks treffen 2026
Lufthansa unter Druck: Gewinnrückgang möglich, Kerosin und Streiks treffen 2026 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Lufthansa steht operativ unter einem doppelten Druck: Auf der Kostenseite steigen die Aufwendungen für Flugtreibstoff trotz Absicherungen, auf der Nachfrage- und Erlösseite wirkt ein verändertes Buchungsverhalten. Für 2026 räumt Vorstandschef Carsten Spohr inzwischen ein, dass ein Rückgang des operativen Gewinns möglich sein kann. Hintergrund ist eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Monaten häufiger zeigte: Ticketpreise lassen sich in der Praxis nicht immer so schnell und vollständig nach oben weiterreichen, wie es die Treibstoffkosten zeitgleich erfordern. Gleichzeitig bleiben die Rahmenbedingungen volatil, weil die Kerosinpreise stark schwanken und Kunden offenbar kurzfristiger als früher entscheiden.

Im Zahlenbild wird sichtbar, wie stark der operative Hebel inzwischen durch Treiber außerhalb des eigenen Preis- und Kapazitätsmanagements beeinflusst wird. Das um Sondereffekte bereinigte operative Ergebnis (bereinigtes EBIT) soll 2026 bei 1,7 bis 2,2 Milliarden Euro liegen, nachdem die Lufthansa die Gewinnerwartungen für das kommende Jahr reduziert hat. Noch im Mai hatte Spohr in Aussicht gestellt, den Vorjahreswert von 1,96 Milliarden Euro „deutlich“ übertreffen zu wollen. Im zweiten Quartal sackte der bereinigte operative Gewinn um 56 Prozent auf 383 Millionen Euro ab, während der Umsatz zwar um acht Prozent auf 11,1 Milliarden Euro zulegte. Unter dem Strich brach der Überschuss um 88 Prozent auf 123 Millionen Euro ein, unter anderem begünstigt durch einen positiven Steuereffekt aus dem Vorjahr und heute wirkende Belastungen.

Gerade bei Kerosin treffen in der Luftfahrt mehrere Mechanismen gleichzeitig: Beschaffung, Preisrisiko und Absicherung greifen nicht im gleichen Takt. Die Mehrausgaben für Kerosin infolge des Iran-Kriegs bezifferte der Konzern für das zweite Quartal auf rund 750 Millionen Euro. Dass die Lufthansa dennoch nicht ungeschützt reagiert, zeigt sich an den Angaben zur Absicherung: Über Finanzprodukte ist mehr als 80 Prozent des Treibstoffbedarfs abgesichert. Dennoch bleibt der Restbereich teuer, und zusätzlich entstehen Ergebniswirkungen, weil die Kostenströme zeitlich nicht exakt zur Erlösrealisation passen. Ein zweiter Belastungsblock kamen durch Streiks von Spartengewerkschaften rund um die 100-Jahr-Feier im April hinzu, die das Ergebnis mit rund 150 Millionen Euro belasteten. Gegenwind entsteht damit nicht nur aus einem einzelnen Faktor, sondern aus der gleichzeitigen Häufung von Kosten- und Betriebsunterbrechungen.

Den Gegenpart liefert die Frage, wie zuverlässig sich höhere Kosten in höhere Ticketpreise überführen lassen – und wie stabil die Zahlungsbereitschaft trotz Preissignalen bleibt. Finanzchef Till Streichert sagte, der Konzern habe rund 60 Prozent der höheren Kerosinkosten durch höhere Ticketpreise kompensieren können; auch für das zweite Halbjahr werden steigende Preise erwartet. Spohr stellt daneben vor allem auf die Nachfragekurve ab: Das Reisen sei weniger preissensibel, als die Branche es möglicherweise annimmt. Praktisch bedeutet das für Investoren: Die Lufthansa kann zwar Teile der Kostensteigerungen über den Yield teilweise abfedern, aber das Timing wird entscheidend, weil Kunden offenbar deutlich kurzfristiger buchen. Zusätzlich wirkt das reduzierte Flugangebot, das die Lufthansa im laufenden Jahr nicht weiter hochfahren will, stärker als erwartet in die Kalkulation hinein. Der Konzern erwartet zudem, dass die Treibstoffkosten im Gesamtjahr auf 8,7 Milliarden Euro steigen, also um 200 Millionen Euro weniger als noch im Mai erwartet.

Auch die strategische Planungslogik verschiebt sich damit. Die Lufthansa verabschiedete sich von den Plänen, das Flugangebot 2026 auszubauen: Anfang des Jahres war ein Wachstum von bis zu vier Prozent kommuniziert worden, Anfang Mai waren es noch bis zu zwei Prozent. Nun soll das Gesamtangebot stagnieren, während perspektivisch vor allem auf der Langstrecke Wachstum angestrebt wird. Zugleich wird eine weitere Reduzierung des Europaangebots um ein Prozent geprüft. Im Sommerflugplan machte sich zudem die Streikphase direkt bemerkbar: Durch die vorgezogene Einstellung der Regionaltochter Lufthansa Cityline wurden rund 20.000 Europaflüge gestrichen. In der Folge sank konzernweit die Zahl der Fluggäste im zweiten Quartal um vier Prozent auf 35,6 Millionen.

Für das Ergebnisprofil innerhalb des Konzerns ist dabei interessant, dass nicht das gesamte Geschäft gleich stark leidet. Lufthansa Technik und Lufthansa Cargo konnten die bereinigten operativen Gewinne steigern, während das Passagiergeschäft spürbar unter Druck blieb. Besonders aussagekräftig ist der Blick auf die Netzwerk-Airlines innerhalb des Konzernverbunds: Lufthansa, Swiss, Austrian, Brussels und Ita erzielten im zweiten Quartal einen bereinigten operativen Gewinn von 137 Millionen Euro, fast eine halbe Milliarde Euro weniger als im Vorjahr. Die Punkt-zu-Punkt-Airlines wie Eurowings rutschten wegen Belastungen beim Ableger Sunexpress mit 37 Millionen Euro in die Verlustzone. Das zeigt, wie stark Ergebniskennzahlen in der Luftfahrt von der Mischung aus Streckennetz, Auslastung und operativer Stabilität abhängen – und weniger von einzelnen Unternehmensbereichen allein.

Während intern also Kosten, Kapazität und Absicherung neu ausbalanciert werden, reagiert der Markt bereits auf die angepasste Erwartungshaltung. Die Lufthansa-Aktie fiel am Dienstag auf XETRA um 8,21 Prozent auf 8,48 Euro und markierte damit den tiefsten Stand seit fast zwei Monaten; am Ende des Handelstags lag sie am unteren Ende des MDAX. Charttechnisch wird zusätzlich auf die 200-Tage-Linie verwiesen, die für den langfristigen Trend als wichtige Schwelle gilt. Am Vortag hatten die Lufthansa-Aktien noch von gesunkenen Ölpreisen profitiert, was den Mechanismus verdeutlicht: Schon kleine Verschiebungen im Rohstoffumfeld können kurzfristig stützen, doch die fundamentale Erwartungsanpassung für 2026 bleibt für die Bewertung entscheidend. In der Einordnung wird dabei zwischen der bestätigten Free-Cashflow-Prognose und dem gekappten Ergebnisziel getrennt: Die Free-Cashflow-Perspektive gilt trotz gestutztem Investitionsplan als beibehalten, während die Gewinnreduzierung laut der Marktlogik dennoch als Belastungsfaktor für die Aktie wirken kann.

Entscheidend für die kommenden Monate wird sein, ob sich die Annahmen zur Normalisierung in der Treibstoffversorgung und zur Preisweitergabe stabilisieren. Spohr zufolge hat sich die Versorgungslage nach Beginn des Iran-Kriegs in den vergangenen Wochen entspannt: Raffinerien hätten ihre Kapazitäten erhöht, außerdem seien neue Versorgungsketten etwa aus Nigeria aufgebaut worden. Dadurch soll sich das Risiko von Flugausfällen wegen Kerosinmangels weiter reduziert haben. Gleichzeitig bleibt das Umfeld geprägt von Preisschwankungen. Ein weiterer Faktor war zuletzt der Wettbewerb: Lufthansa konnte insbesondere auf Asien-Strecken von temporären Schließungen von Drehkreuzen konkurrierender Golf-Airlines profitieren, inzwischen seien diese jedoch wieder vollständig im Flugbetrieb und agierten mit niedrigen Preisen. Für die Lufthansa bedeutet das: Der Konzern muss seine Preis- und Kapazitätsdisziplin gegen eine Konkurrenz behaupten, die nach kurzfristigen Störungen wieder aggressiver agieren kann. In Summe verschiebt sich damit die Ergebnisplanung weg von einem einfachen „Kerosin hoch, Preise rauf“-Szenario hin zu einem fein abgestimmten Mix aus Absicherungsgrad, Buchungsdynamik und Angebotssteuerung.


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