SILICON VALLEY / LONDON (IT BOLTWISE) – Europäische IT-Sicherheitschefs erleben laut aktuellen Analysen einen deutlichen Stressanstieg bei gleichzeitig sinkender Amtszeit. Die durchschnittliche Verweildauer von CISOs soll auf 18 bis 26 Monate gefallen sein, während rund 90 Prozent moderaten bis hohen Stress berichten. Parallel setzen viele Unternehmen KI in der Cybersicherheit ein, doch 68 Prozent der Fachkräfte empfinden die Arbeit dadurch als anspruchsvoller. Gleichzeitig verschieben sich Rollen hin zu virtuellen CISOs, um Lasten intern zu steuern.

Die Sicherheitsabteilung ist längst nicht mehr nur „Feuerwehr“, sondern strategischer Dreh- und Angelpunkt. Genau dort setzt die Debatte über CISO-Burnout an: Wenn Verantwortliche permanent zwischen operativer Krisensteuerung und dem Tagesgeschäft wechseln müssen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass organisatorische Grenzen immer weiter ausgereizt werden. Laut Analysen aus dem Sommer 2026 ist die durchschnittliche Verweildauer von Chief Information Security Officers (CISOs) in Europa auf eine Spanne von 18 bis 26 Monaten gesunken. Das ist ein starkes Signal, denn eine Sicherheitsleitung braucht normalerweise Zeit, um Programme zu etablieren, Risiken zu senken und Prozesse in Unternehmen zu verankern.
Der Stress entsteht dabei nicht nur aus „zu viel Arbeit“, sondern aus einem strukturellen Spannungsfeld: In vielen Organisationen stoßen CISOs auf ein Missverhältnis zwischen Verantwortung und tatsächlicher Autorität. Dieses Muster wird in Fachkreisen als Kernursache der sogenannten „CISO-Fatigue“ beschrieben. Verschärfend kommt hinzu, dass Sicherheitsziele oft vor allem daran gemessen werden, dass keine Vorfälle passieren. Wird Sicherheit primär über Abwesenheit von Ereignissen bewertet, wirkt das wie ein permanenter Taktgeber – auch dann, wenn Risiken technisch, organisatorisch oder durch Lieferkettenabhängigkeiten kaum vollständig beherrschbar sind.
Auch die Einbindung in strategische Entscheidungen spielt laut einer ISSA/Omdia-Studie eine entscheidende Rolle. Demnach geben zwischen 71 und 72 Prozent der Befragten an, dass Technologieentscheidungen im Unternehmen ohne Rücksprache mit der Sicherheitsabteilung getroffen werden. Wenn Sicherheitsanforderungen erst im Nachhinein formuliert werden, entstehen Reibungsverluste: 69 Prozent der Befragten berichten, dass Sicherheitsvorgaben anschließend umgangen werden. In der Praxis bedeutet das häufig, dass Teams Security Gates nur noch verwalten, statt frühzeitig mitzugestalten – und genau dadurch wächst der Druck, im Ernstfall trotzdem „funktionierende“ Kontrollen zu liefern.
Der technologische Wandel wirkt als zusätzlicher Verstärker. Laut ISSA/Omdia nutzen bereits 83 Prozent der Unternehmen KI im Bereich der Cybersicherheit. Damit verbinden sich zwar Effizienzversprechen – von schnellerer Erkennung bis zu stärkerer Automatisierung in der Analyse – doch gleichzeitig verändert KI die Arbeitsrealität der Sicherheitsverantwortlichen: 68 Prozent der Fachkräfte empfinden die Arbeit dadurch als anspruchsvoller. Besonders relevant ist dabei ein beschriebenes „KI-Burnout“, das durch ständige Erreichbarkeit und Zersplitterung der Aufmerksamkeit entsteht, weil parallel mehrere KI-getriebene Projekte betreut werden müssen und Ergebnisse regelmäßig nachgeschärft werden.
Die statistischen Effekte spiegeln sich auch in der Belegschaft. Nur 2 Prozent der Cybersicherheitsprofis geben an, keinen Stress zu empfinden, während 53 Prozent Stress als Hauptgrund für Unzufriedenheit nennen. Diese Belastung schlägt sich in der Retention nieder: 47 Prozent haben laut den Angaben bereits über eine Kündigung nachgedacht, und von dieser Gruppe erwägen 57 Prozent sogar den vollständigen Ausstieg aus der Branche. Für Unternehmen bedeutet das nicht nur einen Talentverlust, sondern auch eine Unterbrechung von Know-how – gerade in Domänen, in denen kontinuierliche Lernkurven (z. B. bei Cloud- und Identity-Themen) über Monate aufgebaut werden.
Gegenmaßnahmen werden deshalb zunehmend nicht mehr als „Wellness-Problem“ betrachtet, sondern als Management- und Betriebsmodell. Branchenvertreter fordern unter anderem eine stärkere strukturelle Anerkennung des Burnouts sowie geteilte Verantwortung innerhalb der Unternehmensführung, damit IT-Sicherheit als Gemeinschaftsaufgabe greifbar wird. Gleichzeitig verschieben sich Beschäftigungsmodelle: Der Anteil fester CISO-Stellen soll von 76 Prozent auf 63 Prozent gesunken sein, während die Nachfrage nach virtuellen CISOs von 5 Prozent auf 16 Prozent gestiegen ist. Dahinter steckt ein pragmatischer Ansatz: Externe Expertise kann Lastspitzen abfedern, ohne dass intern sofort zusätzliche Köpfe bereitstehen müssen – allerdings verändert das auch die Dynamik, wie tief ein CISO in Organisation und Entscheidungsprozesse eingreifen kann.
Für betroffene Führungskräfte wird außerdem ein Fokus auf persönliche Bewältigungsstrategien diskutiert. In der Quelle wird etwa ein Therapeut aus dem Silicon Valley genannt, der kleine, realistische Änderungen im Arbeitsalltag empfiehlt und dabei konkret Expositionstherapie statt radikaler Pausen als Ansatz anführt. Ergänzend nennt der CISO von Ping Identity proaktives Vorgehen und eine echte Leidenschaft als Schutzfaktoren – mit dem Hinweis, dass Cybersicherheit zwar häufig mit Proaktivität geplant wird, im Alltag aber in der Dringlichkeit oft reaktiv abläuft. Wer daraus eine Unternehmensstrategie ableitet, sollte deshalb beides zusammen betrachten: organisatorische Entkopplung von Krisen und Planungstakt (damit Verantwortliche nicht dauerhaft „an Bereitschaft“ hängen) sowie klare Entscheidungswege, in denen Security früh eingebunden wird. Denn ohne diesen Hebel bleibt KI zwar verfügbar, aber der Druck auf Teams und Führung verschiebt sich nur von einer Phase in die nächste.
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