LONDON (IT BOLTWISE) – Die als Midnight Blizzard geführte Gruppe kompromittiert gezielt Microsoft-365-Konten von Reisenden. Laut Berichten setzt sie dafür manipulierte Hotel-WLANs ein, indem sie Captive-Portal-Seiten über DNS- und HTTP-Tricks umleitet. Dabei erscheinen täuschend echte Update- oder Sicherheitsaufforderungen, die Nutzer zur Interaktion bewegen. Technisch steuert die Kampagne die Infektionen über ein Kontrollzentrum namens FruitStone-Panel.

Reisende sind in Hotels und Konferenzzentren häufig in einem digitalen Blindflug unterwegs: Das WLAN wirkt wie ein Service, die eigentliche Vertrauensbasis entsteht aber erst beim Captive Portal. Genau dort setzt die als Midnight Blizzard bekannte und dem russischen Auslandsgeheimdienst SVR zugerechnete Hackergruppe an, wie aus aktuellen Veröffentlichungen von Microsoft und Sicherheitsberichten hervorgeht. In der Kampagne läuft die Manipulation über eine als Storm-2945 bezeichnete Untergruppe der APT29-Akteure, die gezielt Microsoft-365-Konten von Hotelgästen anspringt.
Der technische Kern liegt weniger im klassischen E-Mail-Phishing als im Netzwerk selbst. Captive Portale sind eigentlich dazu da, Nutzer beim ersten Verbindungsaufbau zu einer legitimen Anmeldeseite zu führen. Laut den beschriebenen Abläufen gelingt den Angreifern jedoch eine DNS- und HTTP-Manipulation, sodass der Datenverkehr der Geräte nicht zur erwarteten Login-Seite gelangt, sondern zu gefälschten Seiten umgeleitet wird. Statt einer verständlichen Hotel-Authentifizierung werden die Opfer mit Prompts zum „winupdate“ oder „defender“-artig benannten „Updates“ konfrontiert, die eine Systemaktualisierung vortäuschen. Das ist für die Angriffslogik entscheidend: Die Nutzer handeln scheinbar im Rahmen einer üblichen Sicherheitsroutine, nicht in einer „Betrugsanleitung“.
Die dahinterliegende Schadsoftware wird in Berichten als CaptiveCrunch beschrieben, die mehrere Komponenten bündelt. CornFlake fungiert als Remote Access Trojaner (RAT) und wurde dabei in Go spezifiziert, während ChocoShell als Infostealer auf PowerShell-Basis arbeitet. Zielbetriebssysteme sind primär Windows-Geräte; zusätzlich wird im Kontext der Kampagne auch eine bösartige Android-APK identifiziert. Für das operative Vorgehen ist außerdem die Verwaltungsstruktur relevant: Die Steuerung und Verwaltung der infizierten Systeme erfolgt über ein Kontrollzentrum, das als FruitStone-Panel benannt wird. Das deutet auf eine organisatorisch gereifte Kampagnenarchitektur hin, bei der einzelne Module Rollen im Infektions-, Extraktions- und Steuerungsprozess übernehmen.
Auch der zeitliche Ablauf liefert Hinweise auf die Arbeitsweise. Berichten zufolge existierte eine allgemeine Phishing-Komponente bereits seit Februar 2026, die gezielte Manipulation des Netzwerkverkehrs in den Hotelumgebungen startete dann im Mai 2026. ReliaQuest meldete Kompromittierungen am 23. Juli, während Device-Code-Phishing innerhalb derselben Kampagne ab dem 16. Juli verstärkt eingesetzt worden sein soll. Grundsätzlich wird diese spezifische Phishing-Methode laut den Angaben bereits seit August 2024 verwendet. Für Sicherheitsverantwortliche bedeutet das: Selbst wenn einzelne Artefakte „neu“ wirken, können Taktik, Infrastruktur und Nutzerpfade länger parallel laufen, während nur ein Teil der Kampagne in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erlangt.
Besonders kritisch bewerten Analysten den Einsatz von Device-Code-Phishing, weil diese Methode geeignet sein kann, Schutzmechanismen wie Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) zu umgehen. In etwa einem Drittel der dokumentierten Fälle wurde zudem ein Missbrauch des Web Proxy Auto-Discovery Protocol (WPAD) festgestellt, also eine Technik, mit der der Netzwerkzugriff so beeinflusst wird, dass Clients ungünstige Annahmen über Proxy-Einstellungen treffen. Ergänzend werden Domains verwendet, die legitimen Microsoft-Diensten nachgebildet sein sollen, darunter m365-owa[.]com, owa-ms365[.]com sowie ms365-device[.]com und ms365-live[.]com. Dass die Malware-Logik aus der Perspektive von Fachkreisen möglicherweise KI-gestützt entwickelt worden sein könnte, ist dabei weniger eine Spekulation über „neue Magie“ als ein Signal, dass Generierung und Anpassung von Text-, Ablauf- und Täuschungsmustern systematischer automatisiert sein können.
Geografisch verorten die Berichte die Vorfälle bislang schwerpunktmäßig in den USA, Indien und Saudi-Arabien, wobei in den USA insbesondere kompromittierte Gateways in mehreren Großstädten genannt werden. Für Deutschland sind die Risiken dennoch nicht rein theoretisch: Der Text hebt hervor, dass pro Quartal Millionen Konten in Deutschland gehackt würden und dass Passwörter häufig das schwächste Glied in der Sicherheitskette darstellen. Aus operativer Sicht ergibt sich daraus eine klare Priorisierung: Reine „WLAN-Nutzerfreundlichkeit“ reicht nicht, solange der Captive-Portal-Übergang nicht wirklich kontrollierbar ist. Als praktische Gegenmaßnahmen werden Reisenden empfohlen, WLAN-Verbindungen in Hotels und öffentlichen Orten grundsätzlich als unsicher zu behandeln, konsequent VPN-Dienste zu nutzen und verstärkt auf Passkeys umzusteigen. Für Unternehmen wird außerdem angeraten, den Device-Code-Flow in den Mandanteneinstellungen zu blockieren, sofern dies nicht zwingend für den Geschäftsbetrieb benötigt wird, um genau diesen Angriffsvektor zu schließen.
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