GUANGZHOU / LONDON (IT BOLTWISE) – XPeng lässt seit dem 10. Juli Mitarbeiter in Guangzhou die Robotaxi-Plattform testen und positioniert sich dabei bewusst weg vom reinen Autobauer-Image. Die Strategie zielt auf „Physical AI“, also darauf, dass sich trainierte Maschinenfähigkeiten auf Fahren, Greifen und Laufen übertragen lassen. Gleichzeitig geraten die Kernauslieferungen unter Druck: Im ersten Quartal 2026 sank der Output deutlich, und der Nettoverlust stieg. Im Markt spiegelt sich diese Spannung im Kursverlauf und in Analystenbewertungen wider.

XPeng versucht gerade, die Spielregeln im Elektroauto-Markt neu zu definieren: Nicht die Frage „Welche Batterie liefert die beste Reichweite?“ steht im Mittelpunkt, sondern die Ableitung einer gesamten Maschinenfähigkeiten-Strategie aus KI-Training. Der chinesische Hersteller aus Guangzhou stellt sich laut eigener Roadmap von der Rolle als reiner Fahrzeugproduzent frei und bewirbt sich stattdessen als „Physical AI“-Firma. Hinter der Argumentation steckt ein technisch naheliegender Gedanke: Wer eine KI so trainiert, dass sie ein Auto sicher steuert, lässt sich dieselbe Lernlogik prinzipiell auch auf andere Handlungsräume übertragen – etwa auf Bewegungen zu Fuß, das Greifen von Objekten oder das Aufnehmen und Abstellen von Gegenständen. Genau an dieser Stelle wird die Wette riskant, weil Physical AI im Kern nicht nur ein Modellversprechen ist, sondern eine harte Integrationsaufgabe über Sensorik, Aktorik, Robotik-Software und Fertigung hinweg.
Die Robotaxi-Seite wirkt dabei wie der sichtbare Prototyp dieser Idee: Seit dem 10. Juli testen Mitarbeiter die Plattform in Guangzhou. Dass CEO He Xiaopeng bei der ersten vollautomatischen Fahrt selbst am Steuer saß, signalisiert vor allem eines für den internen wie externen Projektfortschritt: XPeng setzt offenbar auf eine Phase, in der Automatisierung schrittweise von kontrollierten Abläufen in Richtung echter Betriebsnähe gezogen wird. „Seit dem 10. Juli“ ist dabei mehr als ein PR-Datum, denn für Robotaxis ist Timing entscheidend. Jede Iteration entscheidet darüber, wie schnell Edge-Cases in realen Umgebungen abgebaut werden und wie stabil das System bei wechselnden Wetterbedingungen, komplexen Verkehrssituationen und unterschiedlichen Interaktionen mit anderen Verkehrsteilnehmern bleibt. Gleichzeitig zeigt der Abgleich mit dem Wettbewerbsumfeld, wie teuer und ressourcenintensiv dieser Weg ist.
Im Vergleich zu Tesla wird die Größenordnung der Investitionslogik besonders greifbar. Laut den Angaben im Bericht plant Tesla für 2026 Investitionen von über 25 Milliarden US-Dollar in KI-Infrastruktur, Batterien sowie in das Cybercab und den Optimus-Roboter. XPeng will dagegen in diesem Jahr rund eine Milliarde US-Dollar für seine gesamte Physical-AI-Strategie ausgeben. Das ist nicht nur ein Faktor in der Summe, sondern wirkt sich auf die Durchlaufgeschwindigkeit aus: Mehr Rechenkapazität beschleunigt typischerweise Trainings- und Evaluationszyklen, große Batterielinien unterstützen parallel die Skalierung im Automobilgeschäft, und umfangreiche Robotikprogramme profitieren von breiterer industrieller Lernkurve. Dazu kommt ein operativer Engpass, der in Robotik- und Automatisierungsprojekten besonders schnell spürbar wird: Innerhalb eines Monats sollen zwei leitende Manager in der Robotik-Sparte verloren gegangen sein, woraufhin He Xiaopeng die Führung der Abteilung persönlich übernommen hat. Das kann zwar die Priorisierung schärfen, ist aber auch ein Hinweis darauf, dass die Organisation in einer Phase hoher technischer Komplexität unter Stress steht.
Während Robotaxi-Tests die Schlagzeilen dominieren, ist das eigentliche Kerngeschäft für die Aktie kurzfristig fast noch wichtiger, weil es Liquidität und Risikotragfähigkeit bestimmt. XPengs Auslieferungen zeigen im Bericht eine deutliche Abkühlung: Im ersten Quartal 2026 lieferte der Hersteller 62.682 Fahrzeuge aus, nach 94.008 Einheiten im Vorjahresquartal und 116.249 Einheiten im Schlussquartal 2025. Zwischen Januar und Mai kamen 125.851 Fahrzeuge zusammen, ein Rückgang um 22,59 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragseinbruch schlägt direkt in der Gewinn- und Verlustrechnung durch: Der Nettoverlust im ersten Quartal lag bei 1,78 Milliarden Yuan, nach einem Verlust von 0,66 Milliarden Yuan ein Jahr zuvor; im Quartal davor hatte XPeng noch einen Gewinn von 0,38 Milliarden Yuan ausgewiesen. Interessant ist jedoch der Kontrast im weiteren Jahresverlauf: Im Juni stieg die Zahl auf 40.126 ausgelieferte Fahrzeuge, damit der stärkste Monat des Jahres; das neue SUV-Modell GX soll diese Erholung maßgeblich mitgetragen haben.
Der Markt, in dem XPeng agiert, verschärft die Lage zusätzlich. In den ersten fünf Monaten 2026 verdienten chinesische Autohersteller im Schnitt gerade einmal 1,5 Prozent Marge – ein Branchen-Tief, wie es der Bericht formuliert. Wenn die Margen so eng sind, wird jede zusätzliche Investitionsrunde für Robotik oder KI-infrastruktur doppelt kritisch: Sie muss nicht nur technisch funktionieren, sondern auch in einer Zeit knappster Rentabilität die eigene Bilanz nicht weiter auszehren. Genau hier setzt die Skepsis der Kapitalmärkte an. Ein Analyst stufte XPeng auf „Hold“ zurück und begründete dies mit Wettbewerbsdruck und Marktfragmentierung, die profitable Stückzahlen erschwerten. Außerdem argumentiert der Bericht, dass das Aufwärtspotenzial aus Robotaxi- und Roboterambitionen in den Konsensschätzungen noch nicht eingepreist sei und deshalb als hochriskant gilt. Das lässt sich als klassische Bewertungsfrage lesen: Wann wird aus einer technischen Vision ein belastbarer Cashflow?
Dass diese Debatte längst im Kurs steckt, zeigt die Chart-Entwicklung. Die Aktie notiert bei 10,48 Euro, rund 57 Prozent unter dem Zwölfmonatshoch von 24,40 Euro aus dem November und nur knapp 3 Prozent über dem Jahrestief von Ende Juni. Seit Jahresbeginn hat XPeng damit fast 42 Prozent seines Werts verloren. Der durchschnittliche Analysten-Kurszielwert liegt bei 19,44 Euro – ein Aufschlag von rund 85 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Eine solche Lücke deutet darauf hin, dass Optimisten und Skeptiker unterschiedliche Zeithorizonte einkalkulieren: Die einen setzen auf eine Tesla-ähnliche Neubewertung, die Physical AI als Plattformtrend interpretiert; die anderen fokussieren stärker auf das Kerngeschäft, in dem Geld offenbar weiter verbrennt – in einem Markt, in dem selbst große Wettbewerber kaum Margen herausarbeiten können. Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus eine praktische Lehre: Physical AI ist nicht nur ein Modellthema, sondern ein End-to-End-System aus Daten, Steuerungslogik, Hardware-Integration und Fertigungsreife.
Ob XPengs Neuerfindung vom Markt honoriert wird, dürfte an zwei konkreten Fragen hängen, die im Bericht bereits klar benannt werden. Erstens: Wie schnell wächst der Robotaxi-Pilotbetrieb über Guangzhou hinaus, und wie stabil bleibt die Plattform dabei in realen, variierenden Umgebungen. Zweitens: Schafft es die Roboterproduktion bis Jahresende in nennenswerten Stückzahlen – also nicht nur als Demonstrator, sondern als skalierbares Ergebnis industrieller Prozesse. Bis dahin bleibt die Aktie dem Bericht zufolge im Kern ein Papier, das an Auslieferungszahlen gemessen wird, nicht an den Zukunftsversprechen. Genau in dieser Phase entscheidet sich, ob Physical AI als technologische Leitidee tatsächlich die erwartete Transformationskraft entfaltet – oder ob sich der Bewertungsdruck so lange aufbaut, bis ausreichend belastbare Betriebsergebnisse vorliegen. Für Beobachter ist das weniger eine Frage von Vision versus Realität, sondern von Tempo: Technische Fortschritte müssen den operativen Takt schlagen, sonst bleibt die Wette finanziell zu schwer.
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