LONDON (IT BOLTWISE) – Die ING deutet in aktuellen Aussagen an, dass das bisher als kostenlos vermarktete Girokonto in Deutschland perspektivisch nicht mehr ohne Abomodell auskommen könnte. Der Konzern will „kompetitive“ Angebote im Girobereich beibehalten, arbeitet aber am Design künftiger Kontomodelle. Einen Rollout nennt ING offenbar für Mitte 2027, womit Kunden eher mit Paketen statt mit bedingungsfreiem Basiszugang rechnen müssen. Parallel ist noch im laufenden Jahr der Start einer neuen Kreditkarte geplant, die spätestens zum Weihnachtsgeschäft breit verfügbar sein soll.

Die Diskussion um das „kostenlose Girokonto“ bekommt in Europa wieder Rückenwind, diesmal allerdings nicht aus dem klassischen Wettbewerb mit niedrigen Kontoführungsgebühren, sondern aus der Abo-Logik moderner Finanz-Apps. Denn die ING hat in mehreren Nachbarmärkten bereits Kontomodelle eingeführt, die nicht nur Basisfunktionen liefern, sondern gegen monatliche Gebühr auch Zusatzleistungen bündeln. In Deutschland bleibt der genaue Zuschnitt zwar offen, doch die jüngsten Aussagen des deutschen ING-Managements deuten darauf hin, dass das Free-Modell nicht langfristig als Standard stehen soll.
Im Kern geht es um ein Rollenwechsel beim Geschäftsmodell: Statt Erträge über Kontoführungsgebühren möglichst niedrig zu halten oder komplett zu vermeiden, werden Konten zunehmend als „Service-Bundles“ positioniert. Laut den Angaben aus dem Kontext der ING-Angebote umfassen die Pakete in den umliegenden Ländern dabei vier Leistungspakete, die je nach Land in der Spannbreite von etwa 2,20 Euro pro Monat bis zu 45 Euro liegen. Je nach Paketklasse werden dann unter anderem Versicherungsbausteine, Reise- beziehungsweise Flughafen-Vorteile sowie digitale Entertainment-Extras bis hin zu Streaming-Diensten und Prime-ähnlichen Vorteilen adressiert. Der strategische Gedanke dahinter ist klar: Die Bank will nicht nur Zahlungsverkehr und Kontoverwaltung anbieten, sondern Themen des Alltags mit abdecken.
Für Kundinnen und Kunden bedeutet das eine spürbare Verschiebung der Erwartungen. Das wirklich bedingungsfreie Konto, auf das man Geld überweisen und liegen lassen kann, ohne dass darüber laufend Zusatzbedingungen oder Tarife greifen, gilt im Markt mittlerweile als Ausnahme. Direktbanken setzen zwar weiter auf digitale Prozesse, aber die Frage „Was kostet das Konto?“ wird zunehmend durch „Welche Paketstufe passt?“ ersetzt. Damit rückt auch die Debatte in den Fokus, die in Deutschland in den letzten Jahren durch den Vergleich mit etablierten Sparkassen regelmäßig emotional geführt wurde: Dort wurden Gebühren vielfach kritisch betrachtet, während das Abo-Konzept anders kommuniziert wird – als Transparenz über Mehrwert statt als versteckte Kostenseite.
Technisch und organisatorisch ist die Umstellung auf Paketmodelle für eine Bank keine reine Preisänderung, sondern ein Umbau entlang mehrerer Produkt- und Prozessschichten. Die „Design“-Ebene künftiger Kontomodelle, von der in den Aussagen die Rede ist, betrifft typischerweise die Produktarchitektur (wie Konten und Zusatzleistungen logisch gekoppelt werden), die Abrechnungslogik (monatliche Paketierung statt Einzelentgelten) sowie die IT-seitige Umsetzung von Eligibility-Regeln: Wer bekommt welche Versicherungs- oder Vorteilskomponenten, und wie werden diese bei Änderungen im Kundenstatus aktualisiert? Der Zeitplan nennt als Ziel „Mitte des Jahres 2027“ für die Ausrollphase. Bis dahin dürfte ING das Angebot so ausbalancieren wollen, dass es als „kompetitiv“ wahrgenommen wird, ohne die bisherige Basiskundschaft komplett zu verprellen.
Neben dem Kontomodell bleibt auch die Karte als zweiter Hebel im Blick. Für noch dieses Jahr kündigt die ING offenbar eine neue Kreditkarte an, die spätestens zum Weihnachtsgeschäft möglichst vielen Kundinnen und Kunden zugänglich gemacht werden soll. Im bisherigen Kartenangebot gab es zwar eine Visa-Karte, die jedoch eher als Debitkarte eingeordnet wird; mit einer echten Kreditkartenlogik ändert sich damit nicht nur der Markenname, sondern auch die Zahlungs- und Abrechnungsmechanik hinter den Kulissen, etwa bei der Abwicklung von Umsätzen und der Gutschriftenstrecke. Für die Praxis ist das wichtig, weil Kartentypen im Händler-Ökosystem unterschiedlich akzeptiert werden und sich das Nutzererlebnis damit messbar unterscheidet.
Für den Markt ist die Entwicklung weniger überraschend als sie sich für einzelne Kundengruppen anfühlt: Der Wettbewerb verschiebt sich von „Gebühr um jeden Preis“ zu „Leistungspakete mit klarer Nutzerlogik“. Wenn ein Abo mehrere Bereiche bündelt, entsteht ein Lock-in nicht nur über den Kontozugang, sondern auch über die regelmäßig genutzten Zusatzservices. Das kann die Bindung stärken und zugleich Kostenstrukturen stabilisieren, erhöht aber die Notwendigkeit, den Mehrwert im Alltag wirklich sichtbar zu machen. Unternehmen und Entwickler, die mit dem Finanzsektor zusammenarbeiten, sollten deshalb besonders darauf achten, wie sich Schnittstellen, Produktlogik und Lifecycle-Events rund um Paketwechsel, Kartenneuerungen und Service-Eligibility im Hintergrund verändern. Denn genau diese technischen Details entscheiden später mit, ob aus dem „Abo fürs Konto“ ein echtes Produkt-Ökosystem wird oder nur ein zusätzlicher Preis-Mechanismus.
Unterm Strich zeichnet sich ab, dass das Thema Kontoabonnement bei der ING nicht als kurzfristige Aktion gedacht ist, sondern als strukturelle Antwort auf den Branchentrend zum Bündeln. Der Fokus liegt dabei auf einem „kompetitiven Angebot“ im Girobereich, während die konkrete Ausgestaltung und das Schicksal des kostenlosen Kontos in Deutschland derzeit eher vage bleibt. Dennoch ist die Fahrrichtung erkennbar: Mit einer Zielmarke Mitte 2027 für neue Kontomodelle und einer Karten-Erweiterung bis zum Weihnachtsgeschäft kann die ING den nächsten Produktzyklus früh genug anstoßen, um die Zahlungsgewohnheiten der Kundinnen und Kunden auf Paketlogik einzuschwenken.
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