KENNEDY SPACE CENTER / LONDON (IT BOLTWISE) – NASA startet Ende August das Nancy Grace Roman Space Telescope von Florida aus. Neben der Erforschung von Dunkler Energie könnte es künftig auch bei der Erkennung potenziell gefährlicher Asteroiden helfen. Die Kernidee: Roman scannt einen extrem großen Himmelsausschnitt mit einer 300-Megapixel-Infrarotkamera und kann so viele Objekte schneller auswerten als eng fokussierte Observatorien. Damit soll sich die Trefferquote für Nachbeobachtungen verbessern, bevor knappe Teleskopressourcen verplant sind.

Roman-Teleskop bringt neuen Planetenschutz: KI-gestützt dank 300-Megapixel-Infrarot
Roman-Teleskop bringt neuen Planetenschutz: KI-gestützt dank 300-Megapixel-Infrarot (Foto: IT BOLTWISE)
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Ende August rückt mit dem Nancy Grace Roman Space Telescope ein neues Weltraumobservatorium in den Fokus – und zwar nicht nur wegen Dunkler Energie. Die Mission startet vom Kennedy Space Center in Florida, ist aber schon in der Planungslogik mehr als ein „nur“ kosmologisches Werkzeug. Roman soll zwar vor allem die Expansion des Universums vermessen, doch sein großes Feld aus dem All macht ihn auch für die Planetary-Defense-Praxis interessant: Genau dann, wenn aus wenigen frühen Sichtungen eine lange Nachbeobachtungsliste werden kann.

Technisch ist Roman dafür besonders geeignet, weil er mit einer superbreitwinkligen 300-Megapixel-Infrarotkamera arbeitet. Pro Blick erfasst er etwa 100-mal mehr Himmelsfläche als das Hubble Space Telescope – damit steigt die Chance, dass mehrere potenziell „fragliche“ Kandidaten gleichzeitig im Sichtfeld landen. Für die Asteroidenjagd bedeutet das: Nicht nur einzelne Treffer, sondern viele Tests in kurzer Zeit. Gleichzeitig zeigt die Infrarotperspektive einen weiteren praktischen Effekt, denn Asteroiden heben sich in diesem Spektrum meist klarer ab; zudem lassen sich aus den Messungen zuverlässigere Größenabschätzungen ableiten als mit rein sichtbarem Licht.

Für den Planetenschutz gibt es allerdings eine Hürde: Roman wurde nicht als dediziertes Asteroiden-Instrument gebaut. Das merkt man an der Software-Logik, die bei normalem Betrieb „Streaks“ grundsätzlich unterdrückt. In den Texten zu den Anpassungen heißt es sinngemäß, dass die Software Bahnstreifen – ob durch kosmische Strahlung, Systemfehler oder eben Asteroiden – erkennt und verwirft. „Streaks, whether caused by cosmic rays or glitches or asteroids, are caught by the software and discarded“, sagt Andy Rivkin, Planetary-Defense-Forscher am Johns Hopkins Applied Physics Laboratory in Laurel, Maryland. Im Kern liegt der Kniff also darin, diese Filter selektiv zu lockern und die verworfenen Spuren so zu untersuchen, dass Asteroiden herausselektiert werden können.

Dass dieser Weg realistisch ist, begründen die Planer mit einer Kombination aus Sichtfeld und Sensitivität. Die von Bryan Holler und Kolleginnen und Kollegen in Zusammenhang mit einem Vortrag auf dem Europlanet Science Congress in Den Haag beschriebenen Ergebnisse zielen darauf ab, dass Roman kleine Asteroiden bis zu einer Länge von rund 60 Fuß erkennen kann – ein Größenvergleich, der in der Diskussion bewusst an ein bekanntes Ereignis gekoppelt wird: die Explosion über der russischen Stadt Tscheljabinsk im Jahr 2013. „My colleague Rick Cosentino [a planetary scientist at NASA] said to me in July 2025 that we need to show what Roman can do for planetary defense as a way to further increase the visibility of the mission with lawmakers and taxpayers“, sagt Bryan Holler vom Space Telescope Science Institute in Baltimore, Maryland. Genau diese Argumentation ist wichtig, weil Roman nach den Angaben zur Finanzlage zuletzt „wiederholt“ mit deutlichen Kürzungen bedroht war; die Planetary-Defense-Komponente liefert damit ein politisch vermittelbares Nutzenszenario.

Inhaltlich geht es bei der Planetary Defense weniger um das dramatische „Dunkelste-Objekt-erwischt“-Narrativ und mehr um Prozessdesign: Wo viele Objekte im frühen Stadium nur unvollständig vermessen sind, entscheidet die Folgemessung über die reale Gefahreneinschätzung. NASA und Partner arbeiten dafür an einem Netz aus Systemen mit unterschiedlichen Stärken. Der NEO Surveyor – für 2027 angekündigt – soll explizit eine Planetary-Defense-Sensorik liefern und wird sich zwischen Erde und Sonne positionieren, um Asteroiden zu finden, die bodengebundene Teleskope wegen Tageslichtnähe und atmosphärischer Limitierungen häufig nicht gut sehen. Roman ergänzt dieses Setup, weil er einen anderen Blickwinkel liefert und zudem stark über Infrarot charakterisiert. In den späteren Plan-Szenarien wird es konkret: Entdeckt NEO Surveyor mehrere Kandidaten mit noch unsicheren Umlaufbahnen, kann Roman den Himmelsbereich mit mehreren Objekten in wenigen Tagen erneut abscannen und die Bahngenauigkeit um „mehrere Größenordnungen“ verbessern.

Auch die Rolle von James Webb (JWST) und weiteren Observatorien passt in dieses Muster der Arbeitsteilung. Wenn nach der Bahnverbesserung einzelne Asteroiden als unkritisch eingestuft werden können, können knappe Ressourcen für die nächste Stufe gezielt umgeschichtet werden. Dabei betonen die Projektverantwortlichen, dass Teleskopzeit regelmäßig überbucht ist; „Telescope resources, whether in space or on the ground, are typically oversubscribed and will not be available to follow up on all [near-Earth asteroids] with a non-zero impact probability when they are first discovered“, sagt Holler. Roman wird dann nicht der alleinige Schutzschild sein – vielmehr sorgt er dafür, dass Folgebeobachtungen nicht an den falschen Zielen hängen bleiben. Genau hier liegt auch der Mehrwert aus der Infrarot-Spektralbeobachtung: Roman kann eine plausible Größenordnung liefern und Hinweise geben, ob ein Asteroid eher felsig, kohlenstoffreich und „wässrig“ beziehungsweise porös oder metallisch ist. „This in turn provides strong clues to the composition and thereby the density and mass of the asteroid, which are important when estimating the impact damage or, less ghoulishly, the effort required to nudge it out of its current orbit“, so Holler. Damit wird aus reiner Bahnanalyse eine bessere Risikoabschätzung – und mittelbar die Grundlage, um spätere Deflexton-Optionen wie das Anstoßen per Raumfahrzeug oder das prinzipielle Vaporisieren gedanklich vorzuplanen.

Für die Kosten-Nutzen-Abwägung der Mission bleibt dennoch entscheidend, dass Roman parallel auch seine „Hauptaufgabe“ erfüllt. Alise Fisher, Astrophysics Communications Lead bei NASA Headquarters in Washington D.C., formuliert den Mehrwert über die Raumfahrtzielsetzung hinaus: „Roman will sample such a large volume of the cosmos that we’ve long known it will offer vast opportunities for a range of additional science“. Wenn Roman also Dunkle Energie misst, wird er gleichzeitig – so die Logik der Planetary-Defense-Erweiterung – eine zusätzliche Sicherheitsfunktion im Hintergrund betreiben. Für die Praxis bedeutet das: Je besser die frühen Bahnen und physikalischen Eigenschaften potenzieller „City-killer“ eingegrenzt sind, desto seltener muss die Industrie- und Wissenschaftscommunity im Ernstfall zwischen zu vielen Kandidaten priorisieren. Und genau das ist in einem Umfeld entscheidend, in dem der Himmel nicht nur riesig, sondern auch selten „gerade passend“ für unsere Planungsfenster ist.


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