WALL STREET / LONDON (IT BOLTWISE) – Amazon Web Services legt im Quartal um 37 % zu und erreicht 42,2 Milliarden US-Dollar Umsatz. Der operative Gewinn steigt um 43 %, während die Aktie im nachbörslichen Handel zeitweise zweistellig zulegt. Hinter dem Rekordgewinn steckt jedoch ein großer nicht operativer Buchgewinn aus der Neubewertung der Beteiligung an Anthropic. Amazon erhöht die Investitionen auf etwa 220 Milliarden US-Dollar, warnt aber, dass 2026 und vermutlich auch 2027 noch nicht genug KI-Kapazität für alle Anfragen bereitstehen wird.

Der Markt schaut bei Amazon derzeit weniger auf die Schlagzeilen als auf die Mechanik dahinter: Die AWS-Zahlen zeigen, wie stark KI-Workloads die Cloud-Nachfrage beschleunigen. Im abgelaufenen Quartal stieg der Umsatz von Amazon Web Services um 37 % auf 42,2 Milliarden US-Dollar. Damit war es laut Unternehmensangaben das stärkste Wachstum seit 18 Quartalen und zugleich deutlich mehr als die Erwartungshaltung der Analysten, die mit rund 31 % gerechnet hatten. Der Konzernumsatz kletterte in derselben Phase um 20 % auf 200,6 Milliarden US-Dollar; als zusätzlicher Turbo wurde dabei ein vorgezogener Prime Day im Juni genannt.
Für Unternehmen ist dabei vor allem entscheidend, dass diese Dynamik nicht nur aus kurzfristigen Preissignalen oder Einmal-Effekten plausibel wirkt, sondern sich in den Verträgen „nach hinten“ verlängert. Das Auftragsbuch, also der Backlog an Cloud-Verträgen, wuchs binnen eines Quartals von 364 auf 496 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig erhöhte sich die annualisierte Umsatz-Run-Rate der Cloud-Sparte auf etwa 169 Milliarden US-Dollar. In der Praxis bedeutet das: Wenn ein KI-Projekt in der Implementierungsphase vor allem Rechenleistung, Speicher und Netzwerk-Performance „einkauft“, wird genau diese Nachfrage typischerweise zunächst über länger laufende Kapazitäts- und Nutzungszusagen abgebildet.
Auch auf der technologischen Ebene verschiebt sich bei AWS das Gewicht. Besonders dynamisch entwickeln sich nicht nur KI-Anwendungsangebote, sondern auch Bausteine der eigenen Hardware-Lieferkette. Die KI-Sparte und das Geschäft mit selbst entwickelten Chips – darunter Graviton-Prozessoren, Trainium-KI-Beschleuniger sowie die Nitro-Netzwerkhardware – erreichen jeweils eine annualisierte Umsatz-Run-Rate von mehr als 25 Milliarden US-Dollar. Dass hier im dreistelligen Prozentbereich gewachsen wird, stützt die These, dass Kunden KI-Infrastruktur zunehmend als System beschaffen, bei dem Compute, Netzwerk und Speicher nicht einzeln optimiert werden, sondern als abgestimmter Stack.
Gleichzeitig mahnt die Gewinnstruktur zur Differenzierung. Der ausgewiesene Gewinn je Aktie lag bei 5,75 US-Dollar und übertraf die Erwartungen deutlich. Der Nettogewinn stieg auf 62,6 Milliarden US-Dollar, doch in der Summe steckt ein großer nicht realisierter vorsteuerlicher Buchgewinn von 53,4 Milliarden US-Dollar aus der Neubewertung der Beteiligung an Anthropic. Für Investoren ist deshalb nicht die Gewinnzeile die einzige Orientierung, sondern das operative Ergebnis, das ebenfalls zulegte: Es verbesserte sich um 43 % auf 27,5 Milliarden US-Dollar und lag damit sogar über der eigenen Prognosespanne. Diese Trennung ist auch für das Verständnis der operativen KI-Story wichtig, weil Buchgewinne zwar das Kapitalbild verbessern, aber keine zusätzliche Rechenleistung im Rechenzentrum liefern.
Konsequenterweise drehte Amazon an der Kostenschraube und an der Kapazitätsplanung. Um die Nachfrage nach KI-Kapazitäten abzufedern, hob der Konzern die Investitionsplanung für das laufende Jahr von rund 200 auf etwa 220 Milliarden US-Dollar an. Als Haupttreiber wurden gestiegene Kosten für Speicherchips genannt. Interessant ist zudem der Timing-Kontext: Der Konzern hatte an der niedrigeren Zahl schon im Februar und April festgehalten, bevor er im aktuellen Schritt auf die höhere Größenordnung wechselte. Als Vergleich wurde außerdem erwähnt, dass ein Wettbewerber seine Investitionspläne zuvor bereits auf bis zu 205 Milliarden US-Dollar angehoben hatte, was zeigt, wie sehr sich Rechenzentrumsinvestitionen inzwischen im Branchenwettbewerb „gegenseitig“ hochschaukeln.
Trotz dieser Capex-Orientierung bleibt jedoch der Engpass real. Amazon-Chef Andy Jassy machte im Earnings Call klar, dass selbst mit den erhöhten Investitionen 2026 nicht genug Kapazität vorhanden sein wird, um die gesamte Nachfrage zu decken. Die Einschätzung soll sich seiner Darstellung nach auch 2027 fortsetzen; für 2028 zeichne sich bereits eine „verblüffende“ Nachfrage ab. Das hilft, einen weiteren Punkt im Zahlenwerk zu verstehen: Obwohl der operative Cashflow bei 161,4 Milliarden US-Dollar lag (plus 33 %), fiel der freie Cashflow auf rollierender Zwölfmonatsbasis mit minus 7,6 Milliarden US-Dollar negativ aus, nach zuvor positiven 18,2 Milliarden US-Dollar. Solche Muster sind bei sehr vorlaufenden Investitionszyklen typisch: Rechenzentren und Chipkapazitäten werden bezahlt, lange bevor die volle Umsatzwirkung in den Büchern sichtbar wird.
Für den Blick auf die Profitabilitätskurve bleibt deshalb eine zentrale Frage offen: Wann kippt der anfängliche Investitionsdruck in stabilere Margen? Der Kurssprung speist sich in der aktuellen Marktinterpretation nicht primär aus dem Anthropic-Buchgewinn, sondern aus der Erwartung, dass die milliardenschweren KI-Investitionen der vergangenen Jahre zunehmend in nachhaltiges AWS-Wachstum münden. Genau dieses Verhältnis – Wachstum schneller als die Investitionsausgaben eskalieren – wäre der Pfad zu einer Entspannung der Cashflow-Delle. Kurzfristig bleibt es aber bei einem „zahlengetriebenen“ Zwischenspiel: Selbst gute operative Fortschritte können in der Liquiditätsrechnung durch Capex vorweggenommen werden. Für CIOs und IT-Leiter heißt das zugleich: Die KI-Planung lässt sich weniger über einzelne Bestellungen steuern, sondern eher über belastbare Kapazitäts- und Service-Modelle, die Engpässe zeitlich und vertraglich abfedern.
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