LONDON (IT BOLTWISE) – Der Ingenieur- und IT-Arbeitsmarkt kühlt spürbar ab: Im vierten Quartal 2025 melden der VDI-Ingenieurmonitor 58.392 Arbeitslose in Ingenieur- und IT-Berufen. Das entspricht einem Plus von 16,7 % zum Vorjahr, während die offenen Stellen um 18,2 % zurückgehen. Besonders hart trifft es Informatikberufe, wo die offenen Stellen um 33,0 % sinken. Der VDI warnt zugleich davor, aus den Zahlen dauerhaft weniger Bedarf an technischen Fachkräften abzuleiten.

Die Konjunkturflaute zeigt sich im Arbeitsmarkt mit einer Genauigkeit, die in vielen Unternehmen erst beim Blick in die Personalplanung auffällt: Nicht nur Stellen werden seltener ausgeschrieben, auch die Bewerber-Pools verändern sich. Besonders deutlich wird das im VDI-Ingenieurmonitor, der für das vierte Quartal 2025 einen Höchststand bei den Arbeitslosen in Ingenieur- und IT-Berufen ausweist. Laut der Erhebung gab es damals 58.392 Arbeitslose in diesem Segment – der höchste Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2011. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der offenen Stellen auf 96.780, was einem Rückgang von 18,2 % gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Technisch betrachtet ist die Lage weniger ein generelles „Ende“ der digitalen und ingenieurgetriebenen Branchen als vielmehr eine Verschiebung in der Nachfrage nach bestimmten Skills. Der Monitor nennt dabei einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um 16,7 % im Vergleich zum Vorjahr; gleichzeitig fällt der Stellenmarkt deutlich schwächer aus. Die Spannungszone entsteht häufig dort, wo Projekte in eine wirtschaftliche Taktung gezwungen werden: Budgets werden verzögert, Ausschreibungen landen später oder werden verkleinert, und rollenbezogene Bedarfe (zum Beispiel Plattformmigrationen, Engineering für produktionsnahe Systeme oder technische Planungen) geraten zeitlich auseinander. Dass die Konjunkturbremsen nicht alle Berufsbilder gleich treffen, zeigt der Monitor besonders klar in der Gegenüberstellung von Bauingenieurwesen und Informatik.
Im Detail trennt der VDI die Entwicklung nach Berufsfeldern. Während die offenen Stellen in den Bauingenieurberufen lediglich um 3,8 % zurückgingen, sanken sie in den Informatikberufen um 33,0 %. Diese Differenz ist für Entscheider wichtig, weil sie den Unterschied zwischen „Projektstau“ und „Skill-Disruption“ markiert: Bau und technische Infrastruktur reagieren zwar ebenfalls konjunkturell, aber in vielen Fällen bleibt die Tätigkeit planbarer (Genehmigungen, Bestandserfordernisse, Wartungszyklen). Informatikrollen hingegen sind oft stärker an kurzfristige Transformations- und Digitalisierungsprogramme gekoppelt, bei denen Unternehmen in Phasen der Unsicherheit eher priorisieren und weniger „neue“ Kapazitäten aufbauen. Parallel dazu stieg die Arbeitslosigkeit in den Bauingenieurberufen im Vorjahresvergleich nur um 5,8 %, während sie in Ingenieurberufen der technischen Forschung und Produktionssteuerung um 32,9 % zunahm.
Auch regional lässt sich die Abkühlung nicht gleich verteilen. Der Monitor hebt hervor, dass besonders starke Rückgänge bei den offenen Stellen in Bayern und Baden-Württemberg zu beobachten waren. Diese Bundesländer haben eine besondere Bedeutung für Branchen wie den Fahrzeugbau – und gerade dort wirken Konjunktur- und Investitionszyklen häufig überdurchschnittlich auf Engineering- und IT-Teams durch. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit in Bayern und Baden-Württemberg ebenfalls am stärksten. In den Ingenieurberufen Maschinen- und Fahrzeugtechnik legte sie sogar um 34,0 % zu. Für Personalverantwortliche bedeutet das: Es reicht nicht, bundesweite Durchschnittswerte zu betrachten; Bewerberverfügbarkeit, Laufzeiten von Qualifizierungsmaßnahmen und die Wahrscheinlichkeit, dass Jobwechsel kurzfristig möglich werden, unterscheiden sich deutlich zwischen Regionen und Tätigkeitsfeldern.
Der VDI zieht daraus eine wichtige Schlussfolgerung – und sie adressiert gerade den Reflex, aus kurzfristigen Trends auf dauerhaft sinkenden Bedarf zu schließen. Nach Ansicht des Verbands darf aus den Zahlen nicht abgeleitet werden, dass Deutschland künftig weniger technische Fachkräfte benötigt. Stattdessen verweist der VDI-Direktor Adrian Willig darauf, dass die Modernisierung der Infrastruktur, die Transformation der Energieversorgung, Digitalisierung und neue Technologien den Bedarf an qualifizierten Ingenieurinnen und Ingenieuren langfristig prägen. Diese Perspektive passt zu dem Muster, dass kurzfristige Konjunkturdellen selten das Ende von strukturellen Investitionslinien markieren, sondern vor allem die zeitliche Taktung verändern. Für Unternehmen heißt das: Wer jetzt Einstellungs- und Qualifizierungsbudgets pauschal einfriert, riskiert später Engpässe genau dann, wenn Projekte wieder Fahrt aufnehmen.
Operativ wird die Personalfrage damit zu einer Mischung aus kurzfristiger Marktbeobachtung und langfristiger Ausbildungs- und Talentstrategie. Der VDI betont, dass die Entwicklung je Berufsfeld unterschiedlich verläuft und für die langfristige Fachkräftereservierung deshalb entscheidend bleibt, den Ingenieurnachwuchs zu fördern – besonders durch das Gewinnen von Frauen für den Ingenieurberuf. Willig formulierte das Risiko dahingehend, dass wer bei Nachwuchs, Qualifizierung und Fachkräftesicherung nachlässt, bei einer wirtschaftlichen Erholung genau jene Kompetenzen und Fachkräfte verlieren könnte, die dann dringend gebraucht werden. Genau in dieser Gemengelage liegen auch Chancen für Arbeitgeber: Wer trotz kurzfristig sinkender Stellenmärkte gezielt in Weiterqualifizierung, strukturierte Trainee-Modelle und realistische Rollenpfade investiert, kann den Vorteil des größeren Bewerberangebots nutzen, ohne die mittelfristige Fachkraftlücke zu zementieren.
Für den Markt entsteht damit ein zweigeteilter Effekt: Der Stellenabbau wirkt kurzfristig, aber das langfristige Engineering- und IT-Bedürfnis bleibt durch die Transformationstreiber erhalten. Der VDI-Ingenieurmonitor liefert hierfür harte Ankerpunkte, weil er die Lücke zwischen Arbeitslosigkeit und offenen Stellen quantifiziert und Berufsfelder gegeneinanderstellt. Gleichzeitig machen die Zahlen sichtbar, wie stark Unternehmen ihre Portfolio-Entscheidungen zwischen Bauprojekten, technischer Forschung, Produktionssteuerung und Software-nahem Engineering unterschiedlich aussteuern. In der Praxis sollte das zu einer differenzierteren Personalplanung führen: weniger „eine Stellschraube“, mehr Szenarien nach Jobfamilie, Region und erwarteter Projektlaufzeit. So lässt sich die aktuelle Abkühlung professionell überbrücken, ohne die nächste Phase des Bedarfs zu verpassen.
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