LONDON (IT BOLTWISE) – Disney-Chef Josh D’Amaro bestätigt, dass der Konzern ein kostenloses Streaming-Produkt für preisbewusste Nutzer prüft. Im Fokus steht dabei auch die zusätzliche Werbe-„Inventory“-Menge, um die Erlösdynamik zu beschleunigen. Netflix co-CEO Greg Peters erklärt derweil, man erwäge Gratis-Angebote nur in ausgewählten Märkten – wegen möglicher Kannibalisierung bezahlter Stufen. Insgesamt verschiebt sich damit der Wettbewerb weg von reinen Abo-Modellen hin zu Mischformen aus Werbung und Freemium.

Disney+ und Netflix prüfen Gratis-Streaming gegen Preisdruck
Disney+ und Netflix prüfen Gratis-Streaming gegen Preisdruck (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um „Freiumsonden“ im Streaming nimmt Fahrt auf, weil die Preismodelle bei zwei der größten Anbieter spürbar an Grenzen stoßen. Disney sucht laut Angaben von CEO Josh D’Amaro gezielt nach einem Weg, preisbewusste Kundengruppen besser zu erreichen, nachdem die letzten Jahre wiederholt zu höheren Abo-Kosten geführt haben. Gleichzeitig betont Disney, dass ein kostenloses Angebot nicht automatisch Geld kostet, sondern über Werbung zusätzliches Erlöspotenzial heben soll. Genau diese Kopplung aus Reichweite und Werbeinventar wird zum Kern der Überlegung, denn viele Zuschauer reagieren inzwischen sensibler auf Preisänderungen und wandern in günstigere Alternativen ab.

Technisch und wirtschaftlich ist der wichtigste Hebel dabei nicht der „Gratis“-Claim selbst, sondern die Frage, wie sich Werbeplatzkapazitäten in der Nutzerumgebung skalieren lassen. D’Amaro argumentiert in diesem Zusammenhang, dass Disney im Vergleich zu vielen anderen werbefinanzierten Diensten (AVOD) bereits „gut verkauft“ sei. Übersetzt heißt das: Die bestehenden Werbeplätze werden offenbar weiterhin nachgefragt, sodass zusätzliches Inventar in einem Free-Tier nicht zwangsläufig zu niedrigeren Erträgen pro Impression führt, sondern die Werbeumsatzkurve eher nach oben treiben kann. Für Unternehmen ist das relevant, weil es zeigt, wie stark Streaming-Anbieter inzwischen von Werbetechnik, Segmentierung und planbarer Vermarktung abhängen, statt nur auf Abo-Preise zu setzen.

Netflix verfolgt derweil einen vorsichtigeren Ansatz. Co-CEO Greg Peters beschreibt die Idee eines Gratis-Angebots als prinzipiell „in manchen Märkten“ sinnvoll, stellt aber die Risiken in den Vordergrund: Man müsse die Kannibalisierung bezahlter Stufen verhindern und ein passendes Differenzierungsmodell finden. Zudem nennt Peters ein weiteres „Enabler“-Thema, nämlich ob sich in einem Zielmarkt ein skaliertes Ads-Geschäft realistisch aufbauen oder bereits zuverlässig betreiben lässt. Damit wird deutlich, dass Free-Tiers für Netflix und ähnliche Plattformen keine einheitliche Produktlinie sind, sondern ein regional optimiertes Werbe- und Produktpaket, das sich technisch über Targeting, Frequenzsteuerung, Segmentlogik und eine saubere Trennung von Werbe- und Abomodellen operationalisieren lässt.

Der Markttrend passt zu dieser Strategieverschiebung, weil der Wettbewerb um Zeit und Budget der Zuschauer inzwischen auch über FAST-Angebote läuft. Seit 2024 hat Disney+ die US-Preise zweimal angehoben: zuletzt im Oktober, als sich die Werbepläne um 2 US-Dollar pro Monat erhöhten und die werbefreien Pläne um 3 US-Dollar pro Monat. Netflix zog in der gleichen Phase ebenfalls nach, mit der zuletzt genannten Erhöhung um 1 US-Dollar pro Monat bei Werbeplänen beziehungsweise um 2 US-Dollar pro Monat bei Abos ohne Werbung, jeweils in separaten Schritten. Solche Preisdynamiken treffen nicht nur die „Zahlungsbereitschaft“, sondern beeinflussen auch die Wahrnehmung der Preis-Leistungs-Relation – und genau diese Wahrnehmung treibt in der Breite Churn und Frust. Gleichzeitig berichten Umfragen, dass FAST-Dienste wie der Roku Channel und Pluto TV in den USA deutlich genutzt werden: Laut Parks Associates nutzen 46 % der US-Internet-Haushalte regelmäßig FAST, und in einer Q4-Umfrage unter 18-Jährigen und Älteren in den USA und Kanada gaben 54 % an, dass sie ad-gestützte Abo-Stufen verwenden; die AVOD/FAST-Nutzung stieg dabei auf 70 %, ein Plus von fünf Prozentpunkten zum Vorjahr. Die Botschaft dahinter ist klar: Wer Streaming als „dauerhaft teure Dauerkartennutzung“ erlebt, sucht zunehmend nach Werbe- oder Gratismodellen.

Historisch betrachtet wirken die jetzt diskutierten Schritte wie eine Umkehr der bisherigen Monetarisierungslogik, die viele Nutzer erst an Werbe-freie Abos und später an Preissteigerungen gewöhnt hat. Ironischerweise kommen die Konzernüberlegungen nicht aus der Richtung „einfach günstiger werden“, sondern aus dem Versuch, wieder jene Nachfrage aufzunehmen, die man selbst durch massiven Ausbau des Katalogs und standardisierte Abo-Modelle erzeugt hat. Wenn Disney beispielsweise zusätzliches Interesse an Disney+-Abonnements über einen Free-Tier anstoßen will, geht es um den oberen Teil des sogenannten „Customer Acquisition Funnels“: Awareness, Erstkontakt und anschließendes Upselling. Für die Umsetzung heißt das in der Praxis, dass ein kostenloses Produkt mehr liefern muss als nur Werbefenster – es muss das Abo-Verhalten der Nutzer in eine messbare Richtung lenken, etwa durch nahtlose Übergänge, klare Serien-/Event-Strategien und eine kontrollierte Werbeintensität.

Gerade hier liegt für den Wettbewerb der entscheidende Punkt: Disney+ und Netflix stehen nicht nur gegen einzelne Plattformen, sondern gegen ein ganzes Ökosystem aus werbegetragenen Varianten. Ein Free-Tier könnte Disney+ dabei helfen, sich von anderen Subscription-Video-on-Demand-Angeboten wie Netflix und HBO Max abzugrenzen, wenn Nutzer das nächste Preiskapitel künftig stärker hinterfragen. Gleichzeitig bleibt Netflix beim Thema Timing zurückhaltend: Peters sagt ausdrücklich, man habe keine kurzfristigen Pläne, ein Gratisangebot zu starten. Diese Formulierung ist mehr als PR, weil sie darauf schließen lässt, dass Netflix erst die wirtschaftliche Tragfähigkeit in den Zielmärkten sauber prüfen will. Dazu gehört unter anderem, ob Werbeinventar, Werbetreibenden-Nachfrage und Nutzerengagement so zusammenpassen, dass sich ein Free-Modell nicht als „kostenintensiver Verkehr“ entpuppt, sondern als profitabler Motor für Reichweite und schrittweise Konvertierung.

Für Anbieter und Entscheider in Unternehmen ist die Konsequenz zweigeteilt: Streaming wird in der Monetarisierung zunehmend modular. Erstens sinkt die Bedeutung „eines“ Preismodells; stattdessen gewinnt das Zusammenspiel aus Abo-Stufen, Werbevarianten und eventuell paywall-freien Zugangspunkten an Gewicht. Zweitens steigt der Druck auf Daten- und Werbeplattformen, weil sich wirtschaftlicher Erfolg daran entscheidet, wie effizient ein System aus Nutzersignalen, Segmentierung und Inventarsteuerung arbeitet. Selbst wenn weder Disney noch Netflix Details zu Umfang und Ausgestaltung liefern, ist der strategische Richtungskorridor inzwischen erkennbar: Der Preisdruck macht Free-Tiers und ad-gestützte Einstiege wettbewerbsfähig. Und das trifft auch solche Organisationen, die eigene Video-Produkte betreiben – denn wenn große Plattformen um „top-of-funnel“-Aufmerksamkeit konkurrieren, wird die ganze Branche stärker darauf ausgelegt, Nutzer über unterschiedliche Preis- und Werbeebenen zu gewinnen statt sie nur über fixe Abomodelle zu binden.


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