KOCHI / LONDON (IT BOLTWISE) – Forscher untersuchen mehrere neue Hebel gegen multiresistente Erreger: Phagen aus der Umwelt, Kombinationswirkstoffe und Targeting-Strategien gegen Resistenzmechanismen. Besonders prominent ist das Molekül pghi-4, das in Laborversuchen den Antibiotikabedarf von Vancomycin deutlich reduziert. Ergänzend rücken Bakteriophagen wie PhPV1.2 in den Fokus, der bei erhöhter Temperatur stabil bleiben kann. Für Kliniken und Forschung wird damit klar: Resistenzen lassen sich immer weniger mit einem einzelnen Wirkstoff alleine adressieren.

Neue Ansätze gegen Resistenzen: pghi-4 und Phagentherapie im Fokus
Neue Ansätze gegen Resistenzen: pghi-4 und Phagentherapie im Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Forschung gegen multiresistente Erreger verschiebt sich spürbar von der reinen „Neuwirkstoff“-Logik hin zu kombinatorischen Strategien. Das liegt nicht nur an der wachsenden Zahl problematischer Resistenzprofile, sondern auch daran, dass Reserveantibiotika wie Cefiderocol in bestimmten Bakterienstämmen bereits vor dem eigentlichen Zulassungszeitraum nachweisbar waren. Laut den Untersuchungen aus dem Umfeld von HIOH betrifft das unter anderem Klebsiella pneumoniae (Sequenztyp 307): Resistenzen gegen Cefiderocol und Carbapeneme werden dabei zusammen mit einer ausgeprägten Hypervirulenz beschrieben. Technisch bedeutet das vor allem eines: Wenn Resistenzmechanismen „mitwandern“, reicht es häufig nicht mehr, nur die Wirkstoffklasse zu wechseln; dann muss der Wirkweg selbst unterbrochen oder umgangen werden.

In diese Lücke stoßen Phagentherapien als ergänzende Option. Bakteriophagen infizieren gezielt Bakterien; anders als klassische Antibiotika wirken sie nicht breitflächig, sondern über Wirtsspezifität. Für die Praxis ist gerade diese Spezifität zweischneidig: Sie kann gezielt helfen, erhöht aber den Aufwand für Diagnostik und Passung. Gleichzeitig adressieren Phagen einen Mechanismus, der in der Therapie zunehmend im Mittelpunkt steht: Biofilme. Weil Biofilme für Antibiotika als „Schutzschicht“ fungieren, ist die Fähigkeit von Phagen, diese Strukturen zu durchdringen, ein konkreter Vorteil, wie er in Berichten zur personalisierten Anwendung ebenfalls anklingt. Mark Brønstrup vom HZI ordnet diese Rolle daher so ein, dass Phagen Antibiotika nicht vollständig ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen sollen.

Ein Kernproblem bleibt jedoch, wie solche Therapien gegen komplexe Resistenzlandschaften skalieren können. Genau an dieser Stelle wird der Forschungsradar breit: Neben klassischen Phagen werden sogenannte Jumbophagen untersucht, bei denen Proteine im Bakterium Pseudomonas aeruginosa systematisch ausgeschaltet werden. Parallel treibt die Community RNA-Phagen voran; hierfür wurde einem der Projekte im Umfeld der Wissenschaft ein ERC Starting Grant zugesprochen. Daneben zeigen Ansätze aus ungewöhnlichen Quellen, wie stark die Phagenlandschaft noch nicht vollständig erschlossen ist: Auch Primatenkot wird laut den in der Meldung genannten Forschern als mögliche Quelle für neuartige Phagen beachtet. Für die nächste Welle ist damit weniger „der eine Wunderphage“ entscheidend, sondern die Pipeline: Probennahme, Screening, Wirksamkeitsnachweis, Herstellung und dann die passende Kombinationstaktik im klinischen Setting.

Die zweite große Schiene setzt auf synergistische Moleküle, die Resistenzmechanismen blockieren, statt Bakterien direkt abzutöten. Besonders deutlich wird das anhand von pghi-4: In einer Untersuchung im Kontext von Nature Communications wird beschrieben, dass pghi-4 das Enzym SagA blockiert und dadurch ermöglicht, dass Vancomycin wieder wirksam gegen resistente Enterococcus faecium vorgeht. Der entscheidende Punkt ist nicht nur die Wirksamkeit als Ja/Nein-Antwort, sondern die Größenordnung: In praxisausgerichteten Labortests wird ein deutlich geringerer Antibiotikabedarf berichtet, konkret um das Achtfache weniger. In der Konsequenz ändert sich die Therapiearchitektur: Wenn ein Resistenzmechanismus „abschaltbar“ wird, kann eine bestehende Antibiotikaklasse wieder in ein wirksames Wirkstoffregime zurückgeführt werden. Für Gesundheitssysteme wäre das doppelt relevant, weil dadurch potenziell weniger Reservewirkstoff „durchgeschleust“ werden müsste, bevor die Resistenz wieder nachzieht.

Dass diese Ansätze auch finanziell und industriegetrieben priorisiert werden, zeigt ein Blick auf die Förderlogik. Basilea erhielt nach Angaben im Text zusätzliche Mittel der US-Behörde BARDA für die Entwicklung von Ceftibuten-Ledaborbactam Etzadroxil. Dabei wird eine Zusatzförderung von 5,4 Millionen US-Dollar genannt; die Gesamtförderung läge demnach bei 30,8 Millionen US-Dollar. Im Fall komplizierter Harnwegsinfektionen kann das Projekt laut Angaben bis zu 172 Millionen US-Dollar erreichen. Solche Summen verdeutlichen, dass Resistenzen nicht nur ein akademisches Problem sind, sondern ein industrie- und regulatorisch getriebenes Entwicklungsfeld. Gleichzeitig liefern sie einen wichtigen Kontext für die klinische Umsetzung: Kombinationspräparate und ergänzende Therapien werden schneller in Studienlandschaften eingebunden, wenn Finanzierung, Zielindikationen und Partnerstruktur klar definiert sind.

Auch klinisch werden kombinierte Strategien bereits erprobt, wobei die Übertragbarkeit von Einzelfällen in größere Studien entscheidend bleibt. In Pilotprojekten wurden zwischen Mai und Juli 2023 drei Patientinnen mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen mit einer Kombination aus Phagentherapie und Darmfloratransplantation behandelt. Laut den Angaben führte dies bei zwei Patientinnen zu einer langfristigen Reduktion der Keimlast über zwei Jahre. Für die nächste Stufe ist außerdem ein größer angelegter Studienschnitt relevant: Eine umfassende klinische Studie im Rahmen von Horizon Europe (REPhRAME) ist für Juni 2027 geplant. Technisch betrachtet adressiert die Kombination zwei unterschiedliche Ursachenebenen, nämlich die direkte bakterielle Last über Phagen und die ökologische Stabilisierung über die Darmflora. Genau diese Zweischichtigkeit könnte erklären, warum die Keimlast in einzelnen Verläufen länger niedrig blieb.

Während Therapiepfade enger werden, bleibt die Umweltseite ein exponentieller Risikofaktor. Laut einer Untersuchung in der Region Greifswald aus dem Jahr 2024 wurden multiresistente E.-coli-Stämme und Antibiotikarückstände vor allem in Kläranlagen identifiziert. Zwar wird im Text betont, dass für gesunde Badegäste in der Ostsee kein erhöhtes Risiko gesehen wird, doch die Forderung zielt auf strukturelle Verbesserungen: Optimierung der Abwasserbehandlung und eine strengere Regulierung des Antibiotikaeinsatzes, um die Entstehung weiterer Resistenzen zu minimieren. Damit schließt sich der Kreis: Resistenzen sind nicht nur ein „Krankenhausphänomen“, sondern entstehen in einem System aus Therapie, Ausscheidung, Aufbereitung und Umweltpersistenz. Für Unternehmen und Forschung heißt das, dass Fortschritte in der KI-gestützten Datenanalyse von Resistenzmustern, in der Wirkstoffentwicklung und in der Prozesskontrolle nur dann nachhaltig wirken, wenn die Umweltpfade technisch mitgedacht werden.


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