GRAZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Die TU Graz testet 3D-gedruckte Keramikwürfel, die durch Verdunstungseffekte die Umgebung direkt spürbar abkühlen. Laut ersten Messungen sinkt die Temperatur an den Bauteilen um knapp 7 °C. Für mehr Kühlleistung kombinieren die Forschenden die Keramik mit Pilzmyzel zur besseren Feuchtigkeitsspeicherung. Erste Praxiswände stehen bereits am Campus Neue Technik und in der Stremayrgasse, großflächige Außenanwendungen sollen jedoch noch stärker geprüft werden.

Stark steigende Temperaturen in Städten treffen nicht nur Gebäudehüllen, sondern auch all jene Mikrobereiche, in denen Menschen sich im Alltag aufhalten: Eingangsbereiche, Fassaden vor Gehwegen oder schmale Aufenthaltszonen entlang von Straßen. Genau an solchen Stellen setzt eine Entwicklung der Technischen Universität (TU) Graz an, die den klassischen Verdunstungseffekt nicht als „Add-on“, sondern als integrierbares Bauteil nutzt. Im Zentrum stehen 3D-gedruckte Keramikwürfel mit einer Kantenlänge von 23 Zentimetern, die Feuchte gezielt in Verdunstungskühlung umsetzen sollen.
Technisch betrachtet läuft der Kühlmechanismus über die Umwandlung von flüssiger Feuchtigkeit in Wasserdampf. Wo die Verdunstung stattfindet, entzieht der Übergang der Umgebung Energie und senkt so lokal die Temperatur. Für die Keramikwürfel wurden laut den von der TU Graz beschriebenen Forschungsergebnissen bereits erste Messungen durchgeführt: Direkt an den Würfeln konnten die Werte um knapp 7 °C reduziert werden. Damit wird die Idee greifbar, nicht nur „Luftkühlung“ zu betreiben, sondern die Kühlleistung an eine konkrete Oberflächengeometrie zu koppeln, die im Druckverfahren reproduzierbar gefertigt werden kann.
Um die kühlenden Eigenschaften weiter zu optimieren, ergänzen die Forschenden die Keramikstrukturen mit Pilzmyzel. Diese organische Ergänzung soll die Feuchtigkeitsspeicherung verbessern und damit die Effizienz der Verdunstungskühlung über den Tagesverlauf unterstützen. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Materialkomponente als das Zusammenspiel: Keramik liefert eine stabile, formgebende Grundlage; das Myzel übernimmt eine Rolle beim Feuchtemanagement. Auf dem Campus Neue Technik sowie in der Stremayrgasse wurden nach Angaben der TU Graz bereits Wände aus diesen Würfeln errichtet, um die Praxistauglichkeit unter realen Bedingungen zu testen.
Während punktuelle Lösungen wie einzelne Fassadensegmente oder Nischen besonders gut untersuchbar sind, gewinnt der Blick auf großflächige Konzepte gegen Hitze gerade in der Stadtplanung an Gewicht. Für den urbanen Maßstab wird in dem Zusammenhang auch ein Projekt der Wuppertaler Stadtwerke (WSW) genannt: Dort wurde an der Alsenstraße eine Fassadenbegrünung mit einer Fläche von 45 Quadratmetern installiert, die zudem über ein integriertes Bewässerungssystem verfügt. Solche „Living Walls“ zeigen, wie stark die Branche inzwischen Mikroklima-Strategien mit konkreter Infrastruktur koppelt – auch weil Begrünung und Bewässerung in der Praxis nur dann funktionieren, wenn Betrieb, Wartung und Wasserverfügbarkeit realistisch eingeplant sind.
Damit rückt auch der Kosten- und Zeitfaktor in den Vordergrund: Für die Systeme wird in Branchenberichten eine Spanne von 400 bis 2000 Euro pro Quadratmeter genannt. Die Installation ist in Wuppertal bereits fortgeschritten; die vollständige Freigabe des betreffenden Areals ist für Ende 2027 geplant. Diese zeitliche Staffelung ist für Unternehmen und Kommunen wichtig, weil Hitzeschutzmaßnahmen im Außenraum selten „einfach so“ hochskaliert werden: Erst im laufenden Betrieb zeigt sich, wie gleichmäßig die Kühlwirkung ausfällt, wie robust die Materialien sind und wie der Pflegeaufwand tatsächlich aussieht.
Für die Einordnung der TU-Graz-Lösung lohnt daneben ein technischer Vergleich zu etablierten Gebäudetechnologien. Verdunstungsbasierte Ansätze können ergänzend wirken, aber sie reagieren stärker auf Umweltbedingungen wie Luftfeuchtigkeit und Wind als reine thermische Isolation. Genau deshalb sind die angekündigten weiteren Testreihen für einen flächendeckenden Einsatz im Freien ein zentraler Punkt: Eine Technologie, die im Messaufbau überzeugt, muss im Feld zeigen, dass sie auch unter wechselnder Bewitterung und unterschiedlichen Nutzerbedingungen zuverlässig funktioniert. Die Kombination aus formstabiler Keramik, Feuchte-Management durch Myzel und realen Wandaufbauten deutet darauf hin, dass die TU Graz die Lücke zwischen Labor- und Betriebsdaten aktiv adressiert.
Auch im Markt signalisiert die Meldung einen Trend: Technische Kühlmethoden werden zunehmend mit ökologischen Elementen verschränkt, um nicht nur kurzfristige Komfortgewinne zu erzeugen, sondern die Resilienz von Quartieren zu erhöhen. Wer solche Projekte plant, sollte dabei die Wirkung auf mehreren Ebenen betrachten: unmittelbare Temperaturreduktion, Energie- und Betriebsaufwand sowie die Frage, wie sich Materialien und Bewässerungs- bzw. Pflegeprozesse langfristig in bestehende Wartungszyklen integrieren lassen. Für Entwickler eröffnet das Feld außerdem eine produktionsnahe Perspektive, denn 3D-Druck erlaubt Geometrieanpassungen, die bei klassischen Bauplatten kaum in gleicher Granularität realisierbar wären.
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