LONDON (IT BOLTWISE) – Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen erreichen im ersten Halbjahr 2026 ein neues Rekordniveau. Laut DAK-Gesundheit steigen die krankheitsbedingten Ausfälle um neun Prozent, während frühere Kennzahlen wie knapp 119 Krankentage pro 100 Versicherten (2025) den Trend bereits markierten. Hinzu kommen wirtschaftliche Unsicherheit, Personalengpässe und der technologische Wandel. In der Praxis wird nun auch über Teilkrankschreibung ab 2028 gestritten, obwohl viele Personalverantwortliche das Modell skeptisch sehen.

Im ersten Halbjahr 2026 rücken psychische Belastungen deutlich stärker in den Fokus betrieblicher Kennzahlen: Die krankheitsbedingten Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen erreichen laut DAK-Gesundheit ein neues Rekordniveau. Konkret meldet die Kasse einen Anstieg der Fehlzeiten um neun Prozent – und ordnet damit einen langfristigen Trend fort, der schon 2025 in anderen Datensätzen sichtbar war. So hatte die KKH für akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen einen Höchststand von knapp 119 Krankentagen pro 100 Versicherten berichtet. Zum Vergleich: 2017 lag der entsprechende Wert bei 66 Tagen. Damit ergibt sich über die Jahre eine Zunahme von rund 80 Prozent – ein Signal, das nicht nur einzelne Betriebe betrifft, sondern sich als strukturelle Belastung in der Arbeitswelt festsetzt.
Dass psychische Diagnosen inzwischen zu den wichtigsten Treibern von Krankschreibungen zählen, zeigt auch die relative Einordnung: Psychische Diagnosen sind der dritthäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeiten. Gleichzeitig ist die Entwicklung regional nicht gleichförmig, was für die Ausgestaltung von Prävention und betrieblicher Gesundheitsförderung entscheidend ist. In Berlin ging der Krankenstand im ersten Halbjahr 2026 leicht zurück – auf 5,0 Prozent nach 5,3 Prozent im Vorjahr. Auch psychische Erkrankungen nahmen in der Hauptstadt um drei Prozent ab. Atemwegserkrankungen bleiben dort jedoch die häufigste Ausfallursache. Der Mix aus Symptommustern und Ursachen verändert sich damit von Region zu Region, statt überall denselben Belastungsdruck zu reflektieren.
Deutlich unruhiger wirkt die Lage dagegen in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere in der Pflege. Eine Studie für 2025 weist für Pflegekräfte dort durchschnittlich 33 Tage Fehlzeit aus, während der Bundesdurchschnitt über alle Berufe bei 17,7 Tagen liegt. Dieser Abstand lässt sich schwer allein mit individueller Gesundheit erklären, denn er entspricht eher einem Muster aus Personalengpässen, Schichtbelastungen und höherer emotionaler Beanspruchung. Auch Branchen zeigen klare Unterschiede: Für das Gastgewerbe nennt die AOK Rheinland/Hamburg einen Krankenstand von 6,14 Prozent im Jahr 2024. 2019 waren es noch 4,36 Prozent. Besonders auffällig sind dabei die Fälle psychischer Störungen: Sie liegen in der Branche rund 50 Prozent über dem Vorkrisenniveau, und fast jeder sechste Beschäftigte ist betroffen.
Die in den Zahlen sichtbare Dynamik wird zusätzlich durch eine Umfrage zum Arbeitsdruck untermauert. Befragt wurden rund 1.000 Personalverantwortliche; 51 Prozent beobachten demnach eine gestiegene mentale Belastung, 38 Prozent berichten über eine höhere Arbeitsauslastung. Der Druck konzentriert sich laut den Ergebnissen besonders in mittelgroßen Unternehmen mit 250 bis 499 Beschäftigten, wo 56 Prozent von entsprechenden Belastungszunahmen sprechen. Als Hauptursachen werden wirtschaftliche Unsicherheit, Veränderungsprozesse, hohe Arbeitsmengen und Personalengpässe genannt. Ergänzend kommt eine neue, schwer greifbare Sorge hinzu: die Angst vor Arbeitsplatzverlust im Zuge von Künstlicher Intelligenz. Eine YouGov-Umfrage unter Industriebeschäftigten liefert dafür eine messbare Spaltung nach Alter: 44 Prozent fühlen sich stärker belastet, bei den unter 30-Jährigen sind es 37 Prozent, während bei den Jahrgängen zwischen 1965 und 1980 lediglich 17 Prozent diese Befürchtung teilen.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt in der Präventionsdiskussion: Es geht weniger um „einfach mehr Fürsorge“, sondern um die betriebliche Gestaltung von Veränderung, Information und Arbeitsorganisation. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) fordert daher mehr Investitionen in Prävention sowie eine gesicherte psychotherapeutische Versorgung. Der Verband kritisiert dabei mögliche Kürzungen durch Sparpakete der gesetzlichen Krankenversicherung – ein Punkt, der in der Praxis die Wirksamkeit betrieblicher Maßnahmen begrenzen kann, wenn therapeutische Zugänge nicht stabil finanziert sind. Parallel wird über Teilkrankschreibung ab 2028 gestritten: Laut den Angaben halten 48 Prozent der Personalverantwortlichen das Modell für nicht sinnvoll. Als Hauptkritik gelten organisatorischer Aufwand und die schwierige Abgrenzung der Arbeitstätigkeit. Nur acht Prozent der Führungskräfte bewerten das Instrument als sehr sinnvoll – ein Befund, der zeigt, dass selbst gut gemeinte Modelle ohne klare Prozessführung und ohne Akzeptanz bei Management und HR kaum skalieren.
Auch ein Blick ins Ausland unterstreicht den Zusammenhang zwischen Arbeitsgestaltung und psychischer Gesundheit: In Luxemburg entfielen 2025 rund 17,5 Prozent aller Krankheitstage im Privatsektor auf Depressionen. Die durchschnittliche Erkrankungsdauer lag dort bei 28 Tagen. Moderne Arbeitsweisen gelten in diesem Kontext als wesentliche Stressoren. Für Unternehmen bedeutet das: Künstliche Intelligenz kann zwar Prozesse beschleunigen und Assistenzfunktionen übernehmen, sie wird aber gleichzeitig als Bedrohung wahrgenommen, wenn Qualifizierungswege fehlen oder wenn Veränderungen nicht nachvollziehbar kommuniziert werden. Wer jetzt gegensteuert, kann die Produktivität schützen, weil Fehlzeiten nicht erst dann entstehen, wenn Symptome akut werden, sondern oft schrittweise durch anhaltenden Druck. Entsprechend liegt der Hebel in einem belastbaren betrieblichen Gesundheitsmanagement, das Belastungen früh erkennt, Übergänge in Veränderungsphasen professionell begleitet und die psychische Versorgung realistisch einplant.
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