MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens Energy berät erstmals mit der Aufsicht über eine mögliche Abspaltung der Sparte „Transformation of Industry“ (ToI). Im Raum stehen dabei Optionen wie Verkauf oder Börsengang, eine endgültige Entscheidung soll aber frühestens später fallen. Parallel veröffentlicht der Konzern starke Quartalszahlen: Auftragseingang, Umsatz und Profitabilität steigen deutlich. Für Anleger bleibt dennoch die Frage, ob eine fokussiertere Struktur die Margen besser hebeln kann.

Siemens Energy prüft Carve-out von „Transformation of Industry“
Siemens Energy prüft Carve-out von „Transformation of Industry“ (Foto: IT BOLTWISE)
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Siemens Energy bringt eine mögliche Abspaltung der Sparte „Transformation of Industry“ (ToI) wieder stärker in den Fokus der Konzernplanung. Laut den vorliegenden Informationen wurden die Überlegungen in der Aufsicht zunächst erstmals grundsätzlich diskutiert. ToI ist dabei kein „Randbereich“: Die Einheit beschäftigt mehr als 15.000 Mitarbeitende und erwirtschaftet zuletzt rund 5,7 Milliarden Euro Jahresumsatz. Inhaltlich bündelt ToI sehr unterschiedliche Industrieangebote, darunter Energieinfrastruktur für Industriekunden, Kompressoren für die Ölbranche sowie Wasserstoff-Elektrolyseure. Genau diese Breite ist für Anleger zweischneidig, weil sie zwar Wachstumstreiber adressiert, zugleich aber die Konzernsteuerung erschwert.

Technisch und strategisch wird die Frage nach dem Carve-out vor allem über Kapitalallokation und Portfoliorentabilität entschieden. Der Konzern beschreibt, dass sich verschiedene Geschäftsfelder um dieselben Investitionsmittel konkurrieren: Auf der einen Seite stehen „stromnahe“ Aktivitäten, auf der anderen ToI mit Industriepartnern und Projekten entlang der Dekarbonisierungskette. In solchen Konstellationen wirkt ein Management-Problem oft wie ein Produkt-Problem: Nicht weil die einzelnen Lösungen schlecht wären, sondern weil Rendite, Risiko und Cash-Zeitpunkte innerhalb eines gemischten Portfolios schwerer gegeneinander abzuwägen sind. Für den möglichen Carve-out spielt außerdem die bereits intern analysierte Variante eine Rolle, die im Zusammenhang mit „Project Voyager“ als eine Form der Vorbereitung genannt wird, einschließlich denkbarer Wege wie Verkauf oder Börsengang.

Wichtig ist: Eine Entscheidung steht nach den vorliegenden Angaben auch nach einer für den 25. August angesetzten außerordentlichen Sitzung voraussichtlich nicht sofort an. In der Begründung zeigt sich die typische Logik größerer Konzernumstrukturierungen: Die Aufsicht will offenbar vermeiden, dass der Schritt unter Zeitdruck getroffen wird. Das ist auch aus Umsetzungsgründen plausibel. Selbst wenn die Eckpunkte früh stehen, müssen Carve-outs in der Praxis oft mehrere operative Schichten abbilden – von rechtlicher Strukturierung über IT- und Lieferketten-Schnittstellen bis zur Neudefinition von Verträgen und Verantwortlichkeiten im Vertrieb. Gleichzeitig hat der Konzern keine Einzelheiten zum Zeitplan bestätigt. Damit bleibt die Kommunikation für den Markt zunächst zweigeteilt: operative Performance wird geliefert, der Strukturumbau aber eher als Option gehandelt.

Dass Siemens Energy aktuell dennoch Rückenwind hat, zeigen die Zahlen für das dritte Quartal des Geschäftsjahrs 2025/26. Auf vergleichbarer Basis stiegen die Umsätze um 18 Prozent auf 11,5 Milliarden Euro, während der Auftragseingang um 8,5 Prozent auf 17,9 Milliarden Euro zulegte. Besonders auffällig ist die Ergebniskurve: Das operative Ergebnis verbesserte sich laut Angaben um fast zwei Drittel auf 1,6 Milliarden Euro; damit lag die Ergebnismarge bei 13,7 Prozent. Im Handel startete die Aktie zunächst mit einem Plus von bis zu fünf Prozent, gab diese Gewinne am Vormittag aber teilweise wieder ab. Für die strategische Debatte um ToI ist das trotzdem relevant: Ein stärkeres Fundament erhöht die Verhandlungsmacht – etwa bei möglichen Transaktionen – und macht den Konzern weniger abhängig davon, dass jede strukturelle Entscheidung in der ersten Phase sofort „perfekt“ ausfällt.

Operativ liefern derzeit auch einzelne Segmente Argumente, dass die Umbaufrage nicht aus purer Schwäche entsteht. Im Geschäft mit Gaskraftwerken und -services wuchs der Auftragseingang im dritten Quartal um 62 Prozent auf knapp zehn Milliarden Euro; die operative Marge verbesserte sich auf 17,2 Prozent. Im Bereich Stromnetze stiegen Auftragseingang, Umsatz und Ergebnis jeweils prozentual zweistellig, die Rendite erreichte 19,8 Prozent. Bei der Windkrafttochter Siemens Gamesa sank zwar der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahr deutlich, doch das operative Ergebnis war erstmals wieder positiv: Es lag bei einem Gewinn von 56 Millionen Euro, nachdem im Vorjahreszeitraum ein Verlust von 425 Millionen Euro ausgewiesen worden war. ToI selbst zeigt ebenfalls Fortschritte – Auftragseingang plus fast ein Drittel auf 1,8 Milliarden Euro, Umsatz plus elf Prozent auf 1,5 Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis von 214 Millionen Euro, entsprechend 14 Prozent Marge. Damit verschiebt sich die Diskussion von „Abspaltung wegen Krise“ hin zu „Abspaltung wegen Struktur und Fokus“.

Marktseitig bekommt diese Debatte zusätzlichen Zündstoff durch den Wettbewerbsvergleich. Der US-Konkurrent GE Vernova profitiert ebenfalls vom Strom- und Datencenter-Boom: Im zweiten Quartal stiegen die Auftragseingänge um 88 Prozent auf 24,2 Milliarden Dollar, der Umsatz um zwölf Prozent auf 11,1 Milliarden Dollar; die operative Rendite (angepasstes Ebitda) gab GE Vernova mit 11,3 Prozent an. Diese Kennzahlen sind nicht 1:1 vergleichbar, aber Branchenbeobachter sehen in vielen Bereichen ähnliche Profitabilitäten. Dass GE Vernova an der Börse dennoch deutlich höher bewertet wird – genannt wird eine Marktkapitalisierung von etwa 260 Milliarden Dollar – deutet darauf hin, dass Investoren in den USA stärker auf Wachstums- und Erzählfähigkeit setzen und gleichzeitig bereit sind, mehr Risiko zu bepreisen. Um die Bewertungslücke zu verringern, werden die Siemens-Energy-Aktien zudem neuerdings im Topsegment OTCQX der US-Handelsplattform OTC Markets gehandelt, was für internationale Investoren den Zugang vereinfachen kann.

Für die Praxis stellt sich damit die zentrale Frage: Welche operative Komponente liefert mehr „underlying“ Ergebnishebel – eine größere Synergie im Konzern oder die bessere Kapitalmarkt-Fähigkeit einer fokussierteren Einheit? Befürworter eines Carve-outs argumentieren typischerweise mit einfacherem Investment-Storytelling und potenziell höheren Margen auf Segmentebene, weil Kapitalmärkte gemischte Strukturen weniger effizient bepreisen. Gleichzeitig gibt es im Konzern offenbar Gegenargumente: Eine Zerschlagung könne Risiken für die Ausrichtung erhöhen, und einige Stimmen betonen, dass Synergien zwischen Stromnetzen, Gasaktivitäten und ToI begrenzt sein dürften. Das passt zu einem weiteren Punkt aus der Strategiekommunikation: Siemens Energy plant in den kommenden Jahren im Rahmen der Mittelfristplanung, ob die Zugehörigkeit anderer Einheiten wie der erneuerbaren Sparte Siemens Gamesa weiteraktiv bleibt – ein Schritt, der zeigt, wie stark die Konzernstrategie aktuell von Bewertungslogiken und Investitionszyklen getrieben wird.


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