HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Havila und Hurtigruten führen erneut das Umweltranking von NABU an, bleiben aber nach Einschätzung der Schifffahrtsexperten weit hinter einer wirklich umweltfreundlichen Kreuzfahrt zurück. Der NABU-Schifffahrtsexperte Sönke Diesener ordnete die Ergebnisse in Hamburg ein und verwies darauf, dass selbst die Bestplatzierten nicht einmal die Hälfte der möglichen Punkte erreichen. In der Bewertung zählen unter anderem Verzicht auf Schweröl, Landstrom, Stickoxidkatalysatoren sowie Klima- und Effizienzmaßnahmen. Ganz hinten landeten Royal Caribbean, Norwegian Cruise Line und Marella.

Wer in den vergangenen Jahren nach „grünen“ Kreuzfahrten suchte, fand in der Praxis oft eine unangenehme Wahrheit: selbst vordere Plätze im Umweltranking sind keine Garantie für klimafreundlichen Betrieb. Das zeigt sich erneut am Ergebnisbild für die norwegischen Anbieter Havila und Hurtigruten. Beide Reedereien belegen wie schon zuvor die ersten Ränge im Umweltranking des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), doch der NABU-Schifffahrtsexperte Sönke Diesener machte bei der Vorstellung in Hamburg klar, dass auch diese Schiffe weit von einem umweltfreundlichen Reisebetrieb entfernt sind. Der Kern liegt dabei nicht in einem einzelnen Makel, sondern in der Breite der Abfrage: Energiequelle, Abgasreinigung und Effizienzmaßnahmen werden zusammen betrachtet.
Technisch entscheidet im NABU-Ansatz vor allem das Zusammenspiel mehrerer Stellhebel, die im Kreuzfahrtalltag unterschiedlich leicht umzusetzen sind. Genannt werden Faktoren wie der Verzicht auf Schweröl als Treibstoff, die Nutzung von Landstrom beim Liegen im Hafen, Stickoxidkatalysatoren sowie Klima- und Effizienzmaßnahmen. Gerade beim Thema Landstrom ist der Unterschied zwischen „im Hafen leiser“ und „insgesamt emissionsarm“ greifbar: Wer Landstrom bereitstellt und gleichzeitig den Übergang vom Bordbetrieb sauber steuert, reduziert Emissionen im Hafenbereich deutlich, muss aber auch sicherstellen, dass die verbleibenden Betriebsphasen in Summe nicht konterkarieren. Ähnlich verhält es sich bei der Abgasnachbehandlung: Stickoxidkatalysatoren können die NOx-Belastung senken, ersetzen aber nicht eine grundsätzlich effizientere Fahr- und Energieplanung.
Dass Havila und Hurtigruten dennoch vorne landen, wirkt daher wie eine Verschiebung innerhalb eines Systems mit niedriger Obergrenze: Dieselener betonte, selbst als Bestplatzierte erreichten beide nicht einmal die Hälfte der möglichen Punkte. Gleichzeitig zeigt das Ranking, wie stark die freiwilligen Angaben der teilnehmenden Reedereien das Bild prägen. Bewertet wurden laut NABU die Ergebnisse aus den freiwilligen Meldungen von 15 befragten Reedereien. Punktgleich auf dem dritten Platz landeten Ponant sowie die deutschen Anbieter TUI Cruises mit Mein Schiff und Aida Cruises. Das ist ein Signal, dass es innerhalb der Branche mehrere „Mischstrategien“ gibt – einzelne Maßnahmen wirken sich aus, während ein vollständiger Umbau über die gesamte Prozesskette hinweg offenbar noch nicht breit genug umgesetzt ist.
Ganz hinten im Umweltranking standen Royal Caribbean und Norwegian Cruise Line, als Schlusslicht der britische Anbieter Marella. In der gleichen Logik lässt sich auch verstehen, warum das Ranking trotz sehr klarer Kategorien nicht automatisch „umweltfreundlich“ produziert: Wer bei einem Teil der Kriterien moderat punktet, bleibt bei anderen Bereichen hinter den besten Optionen zurück. Hinzu kommt, dass einige Unternehmen zwar in den Fragebogen einbezogen wurden, aber keine Antwort lieferten – genannt werden Phoenix Reisen, Viking Ocean Cruises und Nicko Cruises. Für Unternehmen, die sich Transparenz als Teil ihrer Nachhaltigkeitskommunikation auf die Fahnen schreiben, wird damit die Grenze sichtbar: Ohne nachvollziehbare Datenbasis lässt sich weder die Technik noch der Fortschritt belastbar vergleichen. Für Entscheider in der Beschaffung oder im Management von Reiseprogrammen bedeutet das: Selbst ein guter Listenplatz sollte als Startpunkt für Nachfragen dienen.
Dass Kreuzfahrten insgesamt weiter stark nachgefragt werden, setzt die Umweltdebatte zusätzlich unter Druck. So kletterte die weltweite Passagierzahl auf den „schwimmenden Hotels“ im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2024 um 7,5 Prozent auf 37,2 Millionen – wie der Branchenverband CLIA mitteilte. Auf Deutschland entfielen CLIA-Angaben zufolge rund 2,8 Millionen Passagiere, ein Plus von zehn Prozent. Damit gilt Deutschland nach den USA als zweitwichtigster Kreuzfahrtmarkt weltweit. Diese Dynamik verschiebt jedoch die Relevanz von Effizienz und Emissionsminderung: Wenn mehr Fahrten stattfinden und mehr Menschen an Bord sind, wachsen die absoluten Emissionen selbst dann, wenn einzelne Parameter moderat verbessert werden.
Für die Marktpositionierung der Reedereien heißt das: „Vorn im Ranking“ kann eine gute Ausgangslage für Kommunikation sein, gleichzeitig aber intern ein hoher Anspruch bleiben. Technisch betrachtet wird es entscheidend sein, ob die Maßnahmen entlang der gesamten Betriebsrealität gezogen werden – nicht nur beim Liegen im Hafen oder bei einzelnen Abgasparametern, sondern in Summe aus Antriebsstrategie, Energiequellen und Effizienzprofil. Der NABU-Fokus auf Schweröl, Landstrom und Stickoxidkatalysatoren greift dabei genau die Bereiche heraus, in denen Investitionen typischerweise stattfinden oder blockiert werden. Gerade weil die Ergebnisse auf freiwilligen Angaben beruhen, werden sich zugleich die Erwartungen an Messbarkeit und Vergleichbarkeit weiter verschärfen.
Unterm Strich zeigt das NABU-Ergebnisbild für Havila und Hurtigruten ein zweigeteiltes Bild: In der aktuellen Bewertung zählen sie zu den besseren Optionen, aber sie liefern keine „grüne“ Ausnahme. Entscheider in Unternehmen, die Kreuzfahrten einkaufen, sollten daher eher fragen, welche konkreten Maßnahmen in den relevanten Betriebsphasen gelten – und ob die Angaben mit belastbaren technischen Nachweisen unterlegt sind. Gleichzeitig macht das Ranking deutlich, dass der Wettbewerb offenbar nicht allein über das Ziel „irgendwie besser“ entschieden wird, sondern über den Fortschritt in mehreren Stellhebeln gleichzeitig. Mit Blick auf das wachsende Passagierinteresse wird sich der Druck auf Hersteller, Reedereien und Hafeninfrastruktur weiter erhöhen – und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass Nachhaltigkeitskennzahlen künftig stärker als bisher in Einkaufs- und Reiseentscheidungen einfließen.
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