ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Widerstand gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino wächst nach den Investorenplänen spürbar. Der hochrangige Berater Carlos Cordeiro trat aus Protest zurück und kritisierte den geplanten Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft scharf. Auch interne Vorwürfe gegen Infantino werden laut; zudem melden sich regionale Verbände mit „ernsthaften Bedenken“. Die FIFA kontert mit der Aussage, es werde „niemand der Fußball verkauft“ – während die Diskussion über eine mögliche Neuaufstellung der Führung weiter an Fahrt gewinnt.

Die Debatte um die kommerzielle Zukunft der Weltmeisterschaft bekommt eine neue Dynamik: Nach der Präsentation von Investorenplänen rund um FIFA Forward Enterprise (FFE) wächst der politische und organisatorische Druck auf Gianni Infantino. Nicht nur europäische Strukturen stellen sich quer, auch der asiatische Fußballverband AFC hat sich „deutlich auf Distanz“ zu den Plänen bewegt und dabei vor allem die Folgen für die Einheit im Weltfußball in den Vordergrund gerückt. Gleichzeitig zeigt sich in mehreren Regionen, dass das Thema längst nicht mehr ausschließlich als Finanzierungsfrage wahrgenommen wird, sondern als Streit um Einfluss, Mitbestimmung und langfristige Ausrichtung des Wettbewerbs.
Im Zentrum der Eskalation steht der Rücktritt von Carlos Cordeiro, der als leitender Berater Infantinos beschrieben wird. Auf LinkedIn machte Cordeiro keinen Zweifel daran, dass er die Richtung der FIFA-Investorenidee ablehnt. „Als leitender Berater des FIFA-Präsidenten, früherer Banker und lebenslanger Fußball-Fan kann ich nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht“, schrieb der Topfunktionär in seinem Beitrag. Er betonte außerdem, nicht an den Plänen beteiligt gewesen zu sein, und bezeichnete das Vorhaben als schädlich: „Es ist ein schlechtes Geschäft für die FIFA-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft dieses Sports.“ Damit wird die Kritik weniger abstrakt, weil ein Insider hier explizit die Struktur des Vorhabens adressiert und seine persönliche Distanz dazu dokumentiert.
Parallel dazu tauchen weitere Vorwürfe innerhalb der FIFA auf. In einem Schreiben, das vorliegt, wird Infantino mutmaßlich vorgeworfen, Mitarbeiter hintergangen zu haben, die ihrer Ansicht nach Besseres verdient hätten als „Missachtung und Einschüchterung“. Der FIFA-Mitarbeiter Kevin Lamour bringt die Unruhe dabei in eine politische Forderung nach Konsequenzen: „Es ist das Projekt einer Person“. Er fordert nicht nur, dass das Projekt nicht weitergehen dürfe, sondern knüpft daran die Erwartung, dass politische Entscheidungsträger im Fußball „die richtigen Fragen“ stellen und „die richtigen Entscheidungen“ treffen. Für die Governance der FIFA ist genau diese Verbindung entscheidend: Sobald die Auseinandersetzung als Vertrauenskrise zwischen Entscheidungsträgern und operativem Personal beschrieben wird, steigt der Druck auf formale Strukturen wie Konsultationsprozesse, Abstimmungswege und Prüfmechanismen.
Auch außerhalb der FIFA greift die Debatte tiefer in die Machtpolitik der Verbände. Der britische Premierminister Andy Burnham sprach sich offen für die Ablösung von Infantino aus und sagte, der Schweizer sei „der falsche Mann“ an der Spitze des Fußball-Weltverbands. „Das war ein empörender Vorschlag“, so Burnham. Das Argument dahinter zielt auf Legitimität: Wenn solche Vorschläge öffentlich überhaupt weiterverfolgt würden, sei Infantino aus seiner Sicht nicht die richtige Person, um den Weltverband zu führen. Gleichzeitig relativieren andere regionale Akteure den Ton, aber nicht den Inhalt: Der AFC hält die Pläne zwar nicht für kategorisch abgelehnt, meldet aber „ernsthafte Bedenken“ wegen der „beispiellosen Spaltungen“ in der gesamten Fußballwelt. Wichtig ist dabei auch der Verweis auf die offene Diskussion über einen möglichen WM-Boykott, die dem Verband zufolge beunruhigen sollte.
Der konkrete Mechanismus bleibt dabei der technische Kern der Kontroverse: Die FIFA will demnach mit dem potenziellen Verkauf eines Teils ihrer kommerziellen Rechte im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft eine Milliardensumme einspielen. Für die Umsetzung soll das Tochterunternehmen FIFA Forward Enterprise (FFE) gegründet werden, und Berichten zufolge setzte der Verband zudem eine Frist für die Zustimmung zu dem Investorendeal, gekoppelt an eine Sonderzahlung. Genau solche Timing-Elemente und die Frage, wie verbindlich Konsultationen letztlich sind, bestimmen in der Praxis, ob Mitgliedsverbände ihre Interessen tatsächlich wirksam einbringen können oder ob der Entscheidungsprozess als „vorverdichtet“ wahrgenommen wird.
Die FIFA versucht, den Gegenwind zu entkräften. In einer Stellungnahme mit dem Titel „Erläuterungen zum Vorschlag FIFA Forward Enterprise (FFE)“ distanziert sich der Weltverband nicht vom Grundansatz, sondern verteidigt ihn. Die FIFA argumentiert, der geplante Konsultationsprozess sei durch fehlerhafte Medienberichte gestört worden. „Niemand verkauft den Fußball“, beteuerte die FIFA. „Das ist etwas, was die FIFA niemals in Betracht ziehen würde.“ Die FFE sei ausschließlich vorgeschlagen worden, um sicherzustellen, dass alle FIFA-Mitgliedsverbände die Möglichkeit hätten, die kommerziellen Chancen des Fußballs in ihren jeweiligen Ländern sinnvoll zu nutzen. „Unsere Bekenntnis zu einer offenen und demokratischen Konsultation“ werde bekräftigt, und Rückmeldungen würden respektiert.
Damit ist die Lage aber nicht erledigt, denn die Kritik trifft inzwischen auch auf Prominenz im Sportbetrieb und auf moralische Deutung. Xabi Alonso, unter anderem als Chelsea-Coach zitiert, stellte den Gemeinwohlaspekt in den Vordergrund: „Ich denke, Fußball muss für die Menschen da sein und darf nicht in privaten Händen liegen. Genau so lieben wir ihn, und wir haben eine großartige Weltmeisterschaft erlebt.“ Noch drastischer formulierte Christian Streich: „Was bei der FIFA abläuft, das ist hochgradig korrupt. Das sind einfach mafiöse Strukturen. Das weiß eigentlich jeder. Und dann muss es auch ausgesprochen werden. Das ist Mafia-Gehabe, was da abläuft.“ Solche Aussagen verändern die öffentliche Wahrnehmung, weil sie den Konflikt von einer operativen Investitionsfrage hin zu einer Legitimitäts- und Integritätsdebatte verschieben. Für Unternehmen und Partner, die mit der FIFA und ihren Strukturen arbeiten, heißt das: Risiko entsteht nicht nur aus möglichen politischen Blockaden, sondern auch aus der Wahrscheinlichkeit, dass Sponsoring, Vermarktungsentscheidungen und Technologie- bzw. Datenstrategien in einem Klima anhaltender Kontroversen neu bewertet werden müssen.
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