LONDON (IT BOLTWISE) – Irland führt ab dem 1. August die Verhandlungen zum EU-Haushalt ab 2028. Im Raum steht eine europaweite Abgabe von 1 bis 2 Prozent auf Online-Glücksspiele und Wetten, die nach Schätzungen jährlich rund 4 Milliarden Euro einbringen soll. Die Idee soll Einnahmelücken schließen und den EU-Haushalt über neue „Eigenmittel“ stabilisieren. Gleichzeitig wehren sich vor allem Malta und andere Staaten gegen einen Eingriff in ihre Steuerhoheit.

Der Beginn der irischen EU-Ratspräsidentschaft fällt in eine Phase, in der die Europäische Union ihre Finanzarchitektur neu aufsetzt. Seit dem 1. August verhandelt Dublin den Mehrjährigen Finanzrahmen für 2028 bis 2034, und damit auch die Frage, wofür das Geld künftig ausgegeben wird. Im Hintergrund steht ein Komplex aus politischen Prioritäten: Projekte in den Bereichen Verteidigung, Migration und Klimaschutz sowie die Tilgung von Schulden aus der Pandemie-Zeit, die mit 600 Milliarden Euro beziffert werden.
Damit rückt neben den klassischen nationalen Beiträgen die Suche nach zusätzlichen „Eigenmitteln“ in den Fokus. Die Europäische Kommission peilt dafür ein Budget von mindestens 2 Billionen Euro an, was laut den vorliegenden Angaben etwa 1,26 Prozent des durchschnittlichen Bruttonationaleinkommens entspricht. In diese Logik passt der Vorschlag, auch den Online-Glücksspielsektor stärker zu adressieren. Besonders brisant ist dabei, dass die Debatte nicht nur eine Abgabe als Einnahmequelle diskutiert, sondern zugleich einen Hebel zur Harmonisierung eines Marktes setzen will, der heute durch sehr unterschiedliche nationale Regeln und Steuersysteme fragmentiert ist.
Als treibender Impuls gilt der rumänische EU-Abgeordnete Victor Negrescu, der im Kontext der Haushaltsgespräche eine EU-weite Steuer auf Online-Glücksspiele und Wetten vorschlägt. Im Kern geht es um einen Satz von 1 bis 2 Prozent; Negrescu rechnet damit, dass daraus mindestens 4 Milliarden Euro pro Jahr in die Kassen fließen könnten. Seine Argumentation verknüpft Einnahmen mit Rechtsvereinheitlichung: „Ein gemeinsamer Steuerrahmen könnte als erster Schritt zur Harmonisierung der europäischen Glücksspielgesetze dienen, um die Fragmentierung der Gesetze in ganz Europa anzugehen.“ Das klingt in der Praxis wie eine Einladung, das „Steuergestaltungsgefälle“ innerhalb des Binnenmarkts zu entschärfen – und damit auch den Spielraum für Angebote außerhalb stark regulierter Märkte zu verringern.
Die Widerstände zeigen jedoch, wie sensibel das Thema in der Realität ist. Laut den Angaben leistet insbesondere Malta heftigen Widerstand und verweist auf die eigene Ausrichtung des Wirtschaftsmodells, das eng mit der Malta Gaming Authority (MGA) und den dort lizenzierten Unternehmen verknüpft ist. Zugleich ist der Druck auf andere Märkte ohnehin bereits gestiegen: In den Niederlanden wurde eine deutliche Erhöhung der nationalen Glücksspielsteuer beschlossen. Der Steuersatz soll von 30,5 Prozent auf 34,2 Prozent im Jahr 2025 steigen und ab Januar 2026 auf 37,8 Prozent klettern. Das trifft Anbieter spürbar; so wird etwa vom niederländischen Unternehmen Holland Casino gewarnt, der Betrieb könne dadurch unrentabel werden, nachdem im ersten Halbjahr 2024 Verluste von 3,5 Millionen Euro verzeichnet worden seien. Auch Großbritannien zieht an der Schraube: Ab April 2026 steigt die Remote Gaming Duty von 21 auf 40 Prozent, wofür für große Konzerne Belastungen in einer Spanne von 125 bis 135 Millionen Pfund pro Jahr erwartet werden.
Für Unternehmen bedeutet das: Selbst ohne EU-weite Abgabe ändern nationale Steuer- und Abgabenpfade bereits heute die Rendite-Rechnung. Ein zusätzlicher EU-Satz würde diese Mechanik weiter verschieben, etwa entlang der Frage, wie sich Kosten in Produktdesign und Marketing umlegen lassen. Besonders relevant ist dabei, dass in Deutschland bereits strenge Rahmenbedingungen gelten, darunter der Glücksspielstaatsvertrag 2021. Laut den vorliegenden Informationen existieren Einzahlungslimits über das LUGAS-System (1.000 Euro pro Monat) sowie Einsatzlimits von 1 Euro pro Spin bei Online-Slots; außerdem fällt eine Spieleinsatzsteuer von 5,3 Prozent auf Online-Slots und Poker an. Eine zusätzliche EU-Abgabe von 1 bis 2 Prozent müsste demnach in der Praxis irgendwo kompensiert werden – häufig über niedrigere Auszahlungsquoten (RTP) oder weniger Bonusangebote, also über Veränderungen, die unmittelbar die Attraktivität für Spieler betreffen.
Genau an dieser Stelle wird die Marktlogik für deutsche Kunden und für GGL-lizenzierte Casinos kritisch. Wenn legale Angebote durch neue Steuerlasten weniger attraktiv werden, steigt das Risiko, dass sich Nachfrage in Richtung Schwarzmarkt verlagert. Gleichzeitig stehen GGL-Casinos laut den Angaben ohnehin unter starkem Kostendruck, unter anderem durch strikte Auflagen für Spielerschutz und hohe Steuersätze. Eine EU-weite Abgabe könnte die Marge weiter drücken und damit Investitionen in Sicherheitstechnik, Monitoring und Spielerschutzprogramme erschweren. Die S&D-Fraktion argumentiert hingegen, eine harmonisierte Steuer könne lizenzierte Unternehmen sogar schützen, weil sie den Wettbewerbsvorteil nicht-lizenzierter Anbieter reduziert. Ob das tatsächlich gelingt, hängt am Ende aber weniger von der Idee ab als vom Design der Steuer: In welcher Weise wird sie erhoben, wie werden Ausnahmen gestaltet, und wie werden bestehende nationale Systeme abgebildet, ohne dass sich neue Umgehungsstrategien bilden.
Irland befindet sich dabei in einer Doppelrolle, die die Verhandlungen nicht leichter macht. Während Dublin auf EU-Ebene moderiert, hat es im Februar selbst das nationale System reformiert. Die neue irische Glücksspielbehörde (GRAI) nimmt Anträge für Fernwettlizenzen an; damit bekommt die Präsidentschaft auch einen konkreten Vollzugsrahmen vorgeführt. Gleichzeitig muss Irland Interessen ausbalancieren: die EU-seitige Forderung nach zusätzlichen Einnahmequellen und die Sorge von Staaten wie Malta, ihre Standortvorteile könnten durch eine gemeinsame Steuerlogik erodieren. Für den weiteren Fortgang dürfte entscheidend sein, ob die Verhandlungspartner den Vorschlag als Einnahmeinstrument akzeptieren oder ihn als Kompetenzverschiebung in Richtung Brüssel bewerten – und damit als Hebel, den manche Mitgliedstaaten politisch nicht mittragen wollen.
Aus heutiger Sicht ist offen, wie schnell sich ein gemeinsamer Weg in Richtung Haushalt 2028 bis 2034 durchsetzen lässt. Die Branche muss jedenfalls davon ausgehen, dass die fiskalische Behandlung von Online-Glücksspielen künftig stärker in den EU-Politikzyklus gerät, nicht nur in nationale Reformen. Für Anbieter zählt dann vor allem, wie früh sie ihre Steuer- und Preislogik an unterschiedliche Szenarien anpassen können – von der Produktökonomie bis zur regulatorischen Compliance entlang ihrer Märkte. Und für Regulierte und Spieler wird es gleichzeitig darum gehen, ob Harmonisierung am Ende mehr Schutz bringt, oder ob zusätzlicher Kostenblock vor allem die Attraktivität des legalen Angebots weiter unter Druck setzt.
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