LONDON (IT BOLTWISE) – Ingrid Landmark Tandrevold, vierfache Weltmeisterin im Biathlon, berichtet von massiver Angst vor Wettkämpfen. Besonders der Druck rund um das Schießen scheint bei ihr zu psychischen Blockaden zu führen. Vor dem Hintergrund früherer Herzrhythmusstörungen beschreibt sie, wie sie ihre Kontrolle neu definiert und wieder Stabilität gewinnt. Der Fall zeigt, warum mentale Gesundheit im Hochleistungssport nicht nachrangig ist.

Im Biathlon wirkt Leistungsdruck besonders hart, weil er zwei Welten zusammenzieht: harte Ausdauerarbeit und hochpräzises Schießen unter Zeit- und Stresszwang. Genau an dieser Schnittstelle geriet Ingrid Landmark Tandrevold in den Fokus, nachdem die norwegische Athletin offen über massive Ängste gesprochen hatte – obwohl sie sportlich zu den erfolgreichsten Figuren ihres Jahrgangs zählt. Tandrevold, die bei Weltmeisterschaften viermal Gold geholt hat und in ihrer bisherigen Karriere fast 30 Weltcup-Siege erreichen konnte, beschreibt den Konflikt, der entsteht, wenn Perfektion nicht mehr als Ziel dient, sondern als Pflicht beginnt.
Besonders eindrücklich ist dabei die Strategie, die sie über rund zwei Jahre verfolgte: In einem Gespräch im NRK-Podcast „Skiklubben“ schilderte Tandrevold den Versuch, sämtliche Lebens- und Trainingsbereiche konsequent zu optimieren. Aus ihrer Sicht führte diese „durchgängige Kontrolle“ jedoch nicht zu stabilerem Training oder mehr Ergebnissen, sondern sie entwickelte eine ausgeprägte Angst vor Skirennen. Der Mechanismus dahinter ist aus der Sportpsychologie als Risiko bekannt: Wer Sicherheit über lückenlose Kontrolle sucht, kann im Wettkampf bei kleineren Abweichungen sofort in Alarmzustände kippen – und der Körper reagiert dann schneller, als der Kopf gegensteuern kann.
Dass es nicht bei einem abstrakten Stressempfinden blieb, zeigt die körperliche Komponente. Tandrevold verknüpft ihre mentale Belastung ausdrücklich mit ihrer physischen Vorgeschichte: In der Vergangenheit hatte sie mit Herzrhythmusstörungen zu kämpfen, die schließlich einen operativen Eingriff erforderlich machten. Solche Erfahrungen verändern häufig die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Moment maximaler Anspannung – und damit auch, wie das Gehirn Stresssignale im Wettbewerb interpretiert. In Rennsituationen, besonders am Schießstand, berichtet sie von deutlichen körperlichen Reaktionen und gibt an, regelrechte Angst vor dem Schießen entwickelt zu haben.
Für viele Athleten ist das Schießen im Biathlon ein technischer Prozess, aber für Tandrevold wird daraus zusätzlich ein psychologischer Trigger. Sie sagt, dass sich die Situation schrittweise verbessert habe, während sie lerne, mit den Stressreaktionen umzugehen. Genau diese Lernphase ist entscheidend, weil Angst nicht durch „Wegdrücken“ verschwindet, sondern durch ein neues Zusammenspiel aus Wahrnehmung, Routine und Handlungsspielraum. Wenn der Schießerfolg dann verlässlich wird, sinkt oft auch die Erwartung, dass der nächste Lauf ohnehin kippen muss; umgekehrt kann eine einzelne Unsicherheit eine ganze Kette aus weiteren Fehlannahmen starten.
Die Auswirkungen lassen sich auch an konkreten Ergebnissen einordnen. Bei einem Weltcup in Annecy belegte Tandrevold im Verfolgungsrennen den 24. Platz, dabei lag sie mit 1:55,4 Minuten Rückstand auf die Siegerin Lou Jeanmonnot zurück. Im Quellenkontext wird deutlich gemacht, dass unter anderem zwei Schießfehler beim letzten Schießen das Ergebnis belasteten – also in der Phase, in der psychischer Druck häufig am höchsten ist. Auch in Teamrennen wird der Effekt spürbar: Nach einem enttäuschenden 13. Platz mit der norwegischen Staffel räumte Tandrevold ein, Angst verspürt zu haben.
Gleichzeitig zeigt ihr Umgang mit der Situation, dass beruflicher Erfolg und persönliche Ruhe nicht zwangsläufig im Widerspruch stehen müssen. Tandrevold benennt als wesentlichen Belastungsfaktor die Erwartungshaltungen anderer und beschreibt als Wendepunkt, Dinge wieder verstärkt auf ihre eigene Weise zu tun. Diese Loslösung von externen Vorgaben und fremden Erwartungen führte laut ihrer Darstellung dazu, dass sie die Freude am Sport zurückgewinnen konnte. Damit verschiebt sie die Steuerungslogik: Nicht mehr externe Bewertung bestimmt den nächsten Schritt, sondern eine selbst geführte Routine, die auch unter Druck funktioniert.
In Fachkreisen wird ihre Offenheit zudem als Beitrag zur Enttabuisierung psychischer Krankheiten im Sport gewertet. Tandrevold betont dabei, dass es sich um einen fortlaufenden Prozess handelt, aber auch, dass die Umstellung ihrer Herangehensweise bereits positive Fortschritte gebracht hat. Der Fall wirkt deshalb über den Einzelfall hinaus: Er erinnert daran, dass mentale Gesundheit im Hochleistungssport ein ebenso kritischer Erfolgsfaktor ist wie Kondition oder technische Präzision. Für Teams und Trainer bedeutet das praktisch, dass psychische Risiken nicht erst nach einem Einbruch thematisiert werden sollten – sondern als Teil eines professionellen Performance-Systems, das die Realität von Angst und Stress nicht ausblendet.
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