LONDON (IT BOLTWISE) – In Büros verändert sich gerade der Dresscode: Viele jüngere Mitarbeitende ziehen wieder Loafer, Derbys und Oxfords den Sneakern vor. Die neue Vorliebe wirkt wie eine bewusste Abgrenzung zu früheren Office-Looks nach der Pandemie. Gleichzeitig melden große Marken eine abkühlende Nachfrage und probieren selbst formellere Modelle. Für Retailer und Händler mit klassischer Schuhkompetenz eröffnet das Chancen, aber auch höheren Erwartungsdruck bei Sortiment und Markenführung.

Wenn Sneakers im Büro out sind: Warum Loafer und Derbys zurückkommen
Wenn Sneakers im Büro out sind: Warum Loafer und Derbys zurückkommen (Foto: IT BOLTWISE)
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Für viele war das Sneaker-im-Büro-Setup nach der Pandemie lange Zeit praktisch und sozial anschlussfähig: Bequemlichkeit, ein halbwegs professioneller Eindruck und dazu der Vorteil, dass man ohne großen Aufwand von der letzten Besorgung zum Meeting wechseln konnte. Jetzt zeichnet sich in den Büros allerdings ein gegenteiliger Trend ab. In einer Zeit, in der junge Mitarbeitende ausgerechnet die „Streetwear-Logik“ früherer Office-Days wieder hinterfragen, tauchen plötzlich wieder klassische Lederschuhe auf – Loafer, Derbys und Oxfords. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht nur Modegeschmack, sondern das Signal, das Kleidung im Arbeitskontext sendet: „Kicks“ werden zunehmend als weniger passend wahrgenommen, während formelleres Schuhwerk wieder stärker mit „zusammenpassend“ und „fertig gestaltet“ assoziiert wird.

Der Modeautor Ben Kriz, der beruflich stark auf Trends achtet, erinnert sinngemäß an den Moment, in dem seine Sneaker im Büro nicht mehr „cool“ wirkten. Er erzählt, dass ältere Kollegen ihre Sneakers bereits mit Anzughosen und Sportjacken kombinierten – was die Wirkung bei ihm und anderen spürbar änderte. Damit wird eine klassische Dynamik sichtbar: Sobald ein Stil zum Standard für eine größere Gruppe wird, verlieren die frühen Träger ihren Unterscheidungseffekt. Interessant ist dabei, dass der Umschwung nicht bei „weniger Casual“ endet, sondern bei „bewusst klassisch“. Junge Mitarbeitende greifen dabei häufig zu Schuhen, die in Gesprächen, beim Essen und auch auf Reisen funktionieren sollen – also zu Modellen, die sich weniger schnell als Outfit-Statement entlarven, sondern als integraler Teil eines stimmigen Business-Looks wirken.

Marktseitig lässt sich der Trend auch als Verschiebung der Nachfrage interpretieren. Berichten zufolge hat der US-Investmentbereich einer großen Bank für die Sneaker-Branche eine Phase mit verlangsamtem Wachstum und möglicher Abwärtsentwicklung beschrieben und Adidas – den Hersteller u. a. der Stan-Smith-Reihe – dabei sogar abgestuft. Parallel davon profitieren Händler, die klassischere Schuhtypen im Fokus haben. So beschreibt Nick Wooster, Creative Director für die Marke Allen Edmonds, dass man eine spürbare Zunahme des Interesses an handgefertigten Lederschuhen bei jüngeren Kundinnen und Kunden sieht. Seine Argumentation ist dabei weniger betont „trendig“, sondern funktional: Ein guter Loafer oder Derby passe in Meetings, beim Abendessen und auch unterwegs, weil das Design weniger in Richtung „Sport“-Kontext kippt als viele Sneaker-Modelle.

Aus Unternehmenssicht wirkt der Wandel wie ein doppelter Hebel: klassische Schuhhäuser gewinnen Aufmerksamkeit, während selbst die großen Sneaker-Marken gezielt Elemente übernehmen, die früher ausschließlich „formell“ zugeordnet wurden. Brendan Dunne, Senior Director bei StockX, ordnet den Wandel als komplex ein: Ja, formellere Stile kommen ins Büro zurück, aber nicht als simple Eins-zu-Eins-Substitution, bei der alle Käufer sofort zu Loafern wechseln. Vielmehr „nehmen“ Sneaker-Marken formelle Ästhetik selbst auf – etwa durch Varianten, die zwischen sportlicher Herkunft und Business-Appeal vermitteln. Puma stellte 2025 eine Abwandlung eines Mary-Jane-Designs vor, während Adidas und Nike in bestimmten Segmenten Modelle mit niedrigerem, flacherem Profil sowie Einflüsse aus dem Ballettschuh-Stil aufgriffen. Daneben wird in Berichten betont, dass auch patentledernahe Looks die Grenze zwischen Sneaker und etwas „Gesellschaftstauglicherem“ gezielt überschreiten.

Was dabei für Technik- und Daten-getriebene Entscheider besonders relevant ist: Plattformen wie StockX und Inhalteanbieter, die über Sneaker-Kultur berichten, wirken als „Trend-Übersetzer“ und beschleunigen Rückkopplungen zwischen Stil und Nachfrage. Wenn etwa für ein „Sneaker-ähnliches“-Loafer-Konzept innerhalb kurzer Zeit eine hohe Zahl an Verkäufen gemeldet wird, zeigt das vor allem eines: Das Bedürfnis nach Abwechslung ist real, aber es wird häufig innerhalb bekannter Kauf- und Authentifizierungsgewohnheiten bedient. Matt Halfhill, Gründer von Nice Kicks, spricht in diesem Zusammenhang von einem Muster, das man aus der Vergangenheit kennt: In Büros wächst zuerst die Vorliebe für „quiet luxury“ und Leder-Loafer-Optik, später kehren viele Konsumentengruppen – zumindest teilweise – wieder zu Sneakern zurück. Diese zyklische Logik macht Prognosen schwierig und erhöht den Bedarf an kurzfristig belastbaren Signalen aus Handel und Plattformdaten.

Damit stellt sich auch eine strategische Frage für Retailer, Marken und Händler: Reicht es, „klassischer“ zu sortieren? In der Praxis offenbar nicht, denn die Nachfrage entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern als Reaktion auf soziale Beobachtung am Arbeitsplatz. Wenn der Chef Sneaker trägt, reagieren Mitarbeitende laut Kriz häufig mit Gegentrends – ähnlich wie einst bei Jeans. Genau solche Mechanismen entscheiden darüber, ob ein Schuh als „professionell“ wahrgenommen wird oder als „zu nachlässig“. Für Unternehmen, die Schuhe verkaufen oder Beziehungsarbeit rund um Marken leisten, heißt das: Sichtbarkeit, Passform-Kommunikation und der Nachweis, dass ein Modell wirklich in Alltagsszenarien funktioniert, werden wichtiger als reine Trendbehauptungen. Zugleich müssen Sneaker-Marken selbst lernen, die eigenen Produkte so zu „ent-sportlichen“, dass sie nicht mehr ungewollt die Zielgruppe „unterhalb der Business-Grenze“ markieren.

Unterm Strich ist der Trend weniger ein Modewechsel als eine Neubewertung von Konventionen im Büro. Loafer, Derbys und Oxfords stehen wieder für eine leichtere Lesbarkeit in hierarchischen Kontexten: Man interpretiert sie schneller als „bereits entschieden“ und weniger als „experimentell“. Gleichzeitig ist klar, dass Sneaker damit nicht verschwinden; sie wandern eher in eine andere Rolle, während formellere Varianten als Brücke dienen. Für den Markt bedeutet das Chancen in Segmenten rund um Lederhandwerk, Heritage-Branding und kuratierte Beratung – aber auch erhöhten Wettbewerbsdruck, weil selbst klassische Silhouetten in den nächsten Zyklen vermutlich wieder stärker mit Sneaker-Elementen vermischt werden. Der spannendste Teil wird sein, wie schnell sich die nächsten Bürokulturen erneut synchronisieren oder auseinanderdriften – denn genau diese soziale Dynamik bestimmt am Ende, welcher Schuh im Meeting „richtig“ wirkt und welcher als Hinweis auf das falsche Zeitfenster gelesen wird.


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