LONDON (IT BOLTWISE) – Die Europäische Kommission hat das offizielle Bieterverfahren für bis zu sieben KI-Gigafactories gestartet. Das Gesamtvolumen liegt bei mehr als 30 Milliarden Euro, davon sollen öffentliche Mittel bis zu 10 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Ziel sind Rechenzentren mit einer Kapazität für mindestens 100.000 KI-Chips pro Anlage, um europäische Abhängigkeiten zu reduzieren. Konsortien können sich bis zum 12. November 2026 bewerben, der Baubeginn ist für 2027 geplant.

Die Europäische Kommission setzt mit der neuen Ausschreibung für bis zu sieben KI-Gigafactories ein klares Signal: Rechenleistung soll nicht länger nur beschafft, sondern in Europa mit eigener Infrastruktur verankert werden. Ende Juli 2026 startete das offizielle Bieterverfahren im Rahmen einer Initiative zur Stärkung der digitalen Souveränität. Mit einem Gesamtvolumen von mehr als 30 Milliarden Euro geht es dabei weniger um einzelne Pilotprojekte, sondern um den Aufbau von Kapazitäten auf Gigawatt-Niveau für KI-Workloads, die dauerhaft verfügbar sein müssen.
Technisch steht im Zentrum, dass die entstehenden Rechenzentren über mindestens 100.000 KI-Chips verfügen müssen. Damit würden die Anlagen nach Angaben aus dem Ausschreibungskontext die Kapazitäten der derzeit größten bestehenden Rechenzentren in der Europäischen Union um das Vierfache übertreffen. Die EU verfügt derzeit über 19 KI-Zentren; die neue Initiative soll laut Plan die Gesamtkapazität deutlich nach oben ziehen und insgesamt mehr als eine Verdopplung erreichen. Für Entwickler, Forschungseinrichtungen und öffentliche Auftraggeber bedeutet das vor allem: weniger Warteschlangen-Engpässe bei Trainings- und Inferenzkapazitäten und bessere Planbarkeit für Projekte mit festen Zeithorizonten.
Finanziert wird das Programm über eine Mischstruktur aus öffentlichen und privaten Mitteln. Bis zu 10 Milliarden Euro sollen als öffentliche Mittel bereitgestellt werden, wobei Europäische Union und Mitgliedstaaten die Summe hälftig teilen. Von privater Seite werden dagegen Investitionen in Höhe von mindestens 20 Milliarden Euro erwartet, um den Gesamtumfang von über 30 Milliarden Euro zu erreichen. Zusätzlich setzt der rechtliche Rahmen eine Obergrenze: Nach der Verordnung 2026/150 des Rates liegt der EU-Anteil an den Kapitalkosten gedeckelt bei 17 Prozent. Im laufenden EU-Haushalt sind dabei nur rund 1 Milliarde Euro fest gesichert; der Rest hängt am mehrjährigen EU-Finanzrahmen, was die Ausschreibungsrealität messbar beeinflusst.
Die Ausschreibung ist in zwei Lose gegliedert, was sich auch auf die Risiko- und Finanzierungslogik auswirkt. Los 1 deckt bis zu vier Projekte ab, in denen zunächst bis zu 100 Millionen Euro und in einer zweiten Phase weitere 400 Millionen Euro gefördert werden können. Los 2 sieht bis zu drei Projekte vor; hier sind in Phase eins bis zu 200 Millionen Euro sowie in Phase zwei bis zu 800 Millionen Euro vorgesehen. Die Staffelung über zwei Phasen ist dabei ein typisches Muster, um technische Meilensteine, Baufortschritt und Betriebsreife zunächst zu validieren und erst danach größere Mittelströme freizuschalten.
Auch der Zeitplan macht deutlich, dass die Gigafactories nicht als reines Beschaffungsprogramm gedacht sind, sondern als Infrastrukturprojekt mit industrieller Geschwindigkeit: Bewerbungen sind bis zum 12. November 2026 möglich, die Auswahlentscheidung soll Anfang 2027 fallen. Der Baubeginn ist für 2027 geplant, der operative Betrieb wird etwa 18 Monate nach Vertragsunterzeichnung erwartet. Koordiniert wird das gesamte Verfahren vom EuroHPC Joint Undertaking; die zuständige Kommissarin Henna Virkkunen ordnet das Vorhaben als strategische Notwendigkeit für Europa ein. Gleichzeitig sollen Startups, der Mittelstand, Forschung und der öffentliche Sektor einen direkten Zugang zu Hochleistungs-KI-Ressourcen erhalten.
In der Vorbereitung wurden bereits Absichtserklärungen mit den US-amerikanischen Chipherstellern Nvidia, AMD und Qualcomm unterzeichnet. Damit adressiert das Projekt die entscheidende technische Voraussetzung, nämlich die Verfügbarkeit passender KI-Hardware für die Zielkapazitäten. Dennoch bleibt der wirtschaftliche Druck hoch: Laut Ausschreibungskontext liegen die Stromkosten in der EU aktuell etwa zwei- bis dreimal höher als in den USA oder China. Dazu kommt ein Marktstruktur-Problem, weil alle fünf führenden Cloud-Anbieter auf dem europäischen Markt in US-Hand sind; das erhöht den Handlungszwang, eigene Infrastrukturen aufzubauen, statt Rechenkapazität nur „as-a-service“ einzukaufen.
Die Resonanz zeigt, dass das Thema in den Ländern als strategisch betrachtet wird. 18 Mitgliedstaaten haben ihre Beteiligung signalisiert; 76 Konsortien bekundeten Interesse an insgesamt 60 Standorten in 16 Ländern. Neben Deutschland gehören unter anderem Italien, Frankreich, Polen, Tschechien, Dänemark, Finnland, Griechenland, Portugal und Spanien dazu; Frankreich plant zudem ein eigenes Angebot. In Österreich wurde laut dem Kontextkritik geäußert, weil Wien im aktuellen Verfahren nicht berücksichtigt wurde. Für Deutschland werden mehrere Bewerbungen genannt: Die Telekom sowie Schwarz Digits und Ionos in Kooperation mit Hochtief, außerdem Impossible Cloud und Blue Swan. Großunternehmen wie SAP und Siemens halten sich nach den Angaben hingegen zurück – ein Hinweis darauf, dass manche Anbieter ihre Rolle möglicherweise eher als Zulieferer oder späteren Betreiber definieren als über ein unmittelbares Konsortial-Engagement.
Für Unternehmen und Organisationen ist die eigentliche Chance an zwei Stellen greifbar: erstens an der Skalierung von KI-Workloads, weil der Engpass in vielen Teams nicht nur im Modelltraining, sondern in der verfügbaren Rechenzeit liegt; zweitens an der Möglichkeit, KI-Ressourcen näher an europäische Ökosysteme zu binden, etwa für Forschung und öffentliche Beschaffung. Gleichzeitig wird die Praxis zeigen müssen, wie schnell die Pilotierung in den Regelbetrieb mündet – besonders, wenn Finanzierungslücken durch den mehrjährigen EU-Finanzrahmen zeitlich nachjustiert werden müssen. Wer jetzt plant, sollte die Gigafactory als Teil einer größeren Architektur verstehen: Datenpipelines, Software-Stack, Energieplanung und Betriebskonzepte müssen so zusammenlaufen, dass die Chipkapazität am Ende nicht nur gekauft, sondern auch effizient genutzt wird.
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