ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – FIFA-Boss Gianni Infantino steht laut den aktuellen Entwicklungen vor einem deutlich härteren Wahlkampf als noch wenige Wochen zuvor. Bis zum 18. November können Kandidaten ihre Bewerbungen für die Präsidentenwahl einreichen. Mehrere Top-Funktionäre werden als mögliche Herausforderer diskutiert, darunter UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und der Club-Vertreter Nasser Al-Khelaifi. Besonders spannend wird, ob sich dabei regionale Machtblöcke wie Europa, Nord- und Mittelamerika sowie Asien ähnlich geschlossen aufstellen wie in früheren Wettstreiten.

Gianni Infantino will sich eigentlich beim 77. FIFA-Kongress im März in Rabat (Marokko) ein weiteres, letztes Mal zur Wahl stellen. Der Weg dorthin ist jedoch nicht mehr so glatt, wie es noch vor kurzem aussah: Nach Angaben, die sich auf die sich zuspitzenden politischen Kräfte im Umfeld der FIFA beziehen, wächst der Druck auf den Schweizer spürbar. Bis zum 18. November laufen die formalen Fristen für Kandidaturen zur FIFA-Präsidentschaft, und damit rückt eine zentrale Frage näher: Wer kann Infantino nicht nur in der Symbolpolitik, sondern auch in der realen Stimmenarithmetik herausfordern?
Aus technischer Sicht der Verbandsarbeit lässt sich das Wahlrennen vor allem als Wettbewerb um Entscheidungs- und Abstimmungsnetzwerke beschreiben. Infantino wird dabei häufig an seiner Fähigkeit gemessen, intern Mehrheiten zu organisieren und externe Unterstützer für sein strategisches Programm zu gewinnen. Genau hier setzt die politische Kritik an: Bestimmte Investoren- und Vermarktungspläne gelten als gescheitert, und daraus speist sich offenbar auch der Wunsch nach einem Gegenentwurf. In diesem Kontext wirken Kandidaten wie Aleksander Ceferin besonders anschlussfähig, weil er sowohl die UEFA-Mechanik als auch die Medien- und Vermarktungslogik auf europäischer Ebene kennt.
Aleksander Ceferin (58) tritt als Gegenpol zu Infantino auf, nicht nur wegen seiner sportlichen Vergangenheit als Karate-Kämpfer, sondern wegen seiner Funktionsbiografie. Der Rechtsanwalt aus Slowenien ist zugleich ein Beispiel dafür, wie ein Kontrahent versuchen kann, die eigene Glaubwürdigkeit mit operativer Durchsetzungskraft zu verbinden. Entscheidend ist: Ceferin gilt als jemand, der in der letzten Phase seiner UEFA-Amtszeit den europäischen Protest gegen seinen FIFA-Widersacher aktiv organisiert hat. Gleichzeitig bleibt der Zeitpunkt strategisch – er will 2027 nicht mehr kandidieren – und kann damit möglicherweise den Eindruck vermitteln, dass sein Schritt vor allem auf Einfluss im Hier und Jetzt zielt.
Während Europa einen möglichen Dreh- und Angelpunkt bildet, spielt im Wahlkampf auch die Frage nach dem Verhältnis zu den großen Club-Interessen eine Rolle. Nasser Al-Khelaifi (52) steht hier als Name im Raum, der die Logik der Vereinsseite kennt: Seit 2011 ist er Präsident von Paris Saint-Germain, außerdem ist er im Umfeld der Medien- und Entertainment-Strukturen über beIN verankert. Bemerkenswert ist, dass er die Idee einer Weltmeisterschaft im Zweijahresrhythmus nicht pauschal abgeschmettert hat, sondern offen für Diskussionen wirkte. In der gleichen Darstellung wird aber auch betont, dass Al-Khelaifi zunächst kein Interesse am FIFA-Posten signalisiert habe und stattdessen eher als Brückenfigur zwischen UEFA- und Club-Ebene erscheinen kann – vorerst verbunden mit dem Umfeld rund um UEFA-Präsident Ceferin.
Daneben taucht mit Mattias Grafstrӧm (45) ein Kandidat auf, der das FIFA-Geschäft aus einer anderen Perspektive kennt: Er war laut den vorliegenden Angaben nach einer Interimszeit 2024 als Nachfolger der Senegalesin Fatma Samoura offiziell FIFA-Generalsekretär. Seine Laufbahn wirkt dabei weniger wie die eines klassischen Wahlkämpfers und mehr wie die eines Administrators, der in Strukturen hineinwächst. Gleichzeitig wird er in den aktuellen Überlegungen als jemand beschrieben, der eigentlich eng mit Infantino verbunden gewesen sei – und gerade deshalb wird spekuliert, dass er die Chancen auf den höchsten Posten im Weltfußball überhaupt in den Blick nehmen könnte. Für den Ausgang solcher Wahlen ist das mehr als nur Personalpolitik: Ein „Binnenkenner“ kann Koalitionen anders bauen als ein offener Gegner, weil er Prozesse, Timing und Abhängigkeiten besser versteht.
Auch außerhalb Europas finden sich potenzielle Gegenkräfte, die regional unterschiedliche Blöcke zusammenziehen könnten. Victor Montagliani (60) etwa hat die WM in den USA, Kanada und Mexiko als „Heimspiel“-Kontext erlebt – Vancouver ist sein Geburtsort, und 2012 stieg er zum Präsidenten des kanadischen Verbands auf. Im FIFA-Korruptionsskandal 2015, bei dem der damalige Concacaf-Boss Jeffrey Webb verhaftet wurde, öffnete sich Montagliani laut Darstellung eine Aufstiegschance. Seit 2016 führt er den Kontinentalverband für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik. Damit verkörpert er eine Art „Konsolidierer“: Infantinos Investorenpläne wurden von dort aus offenbar geschlossen abgelehnt, was in einem Wahlkampf typischerweise als Anknüpfungspunkt für eine Gegenkoalition dient.
Auf der anderen Seite der Weltkarte wird Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa (60) als historisch wiederkehrender Herausforderer erwähnt. 2016 habe es bereits eine Direktkonfrontation mit Infantino gegeben, bei der sich der Schweizer bei der FIFA-Präsidentschaftswahl knapp durchsetzte. In dieser Phase war al-Chalifa mit Vorwürfen der Korruption und mit Vorwürfen zur Verletzung von Menschenrechten konfrontiert; wie in den aktuellen Angaben geschildert, wurden diese Vorwürfe im damaligen Kontext gegen ihn erhoben, und sie beeinflussten die Wahrnehmung seiner Kandidatur. Auch diesmal wird berichtet, dass Infantinos Investorenpläne am Widerstand des AFC gescheitert seien, dessen Präsident al-Chalifa ist, und dass er dabei auf einen kollektiven Dialog und auf Respekt vor der Amtsführung verwies.
Für die FIFA-Wahl 2026 folgt daraus: Der Wettbewerb ist nicht nur eine Frage von Bekanntheit, sondern von „Zielkonflikten“ zwischen Vermarktungsinteressen, regionalen Mehrheiten und der Frage, wie stark ein Kandidat als organisatorischer Betreiber auftreten kann. Infantino will sich in geordneten Bahnen zur Wahl stellen; gleichzeitig zeigen die genannten Namen, dass sich mehrere Machtzentren – Europa, Club-nahes Umfeld, Concacaf und Asien – offenbar zumindest teilweise in eine andere Richtung bewegen. Welche Form diese Kräfte in konkrete Stimmenmuster übersetzen, wird sich bis zur Bewerbungsfrist entscheiden, spätestens aber beim Kongress selbst in Rabat. Bis dahin bleibt entscheidend, ob sich Gegner zu einer geschlossenen Alternative verdichten oder ob der Wahlkampf eher die typische Spaltung aufzeigt, die große Verbände in solchen Phasen häufig zusätzlich belasten kann.
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