MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Unfallversicherung und die ärztliche Vergütungssysteme bewegen sich gleichzeitig: In der GOÄ kündigt sich ein großer Schritt Richtung Verordnung an, parallel wurden in der UV-GOÄ die Abrechnungsregeln für die Unfallmedizin angepasst. Für Betriebe wird dabei vor allem die betriebliche Betreuung nach DGUV Vorschrift 2 konkreter, weil die vereinfachte Regelbetreuung künftig für mehr Unternehmen gilt. Das betrifft auch die Frage, wie digitale Beratungsleistungen abbildbar sind und welche Dokumentation der Alltag verlangt. Ergänzend liefert ein Urteil aus München klare Grenzen beim Versicherungsschutz für arbeitgeberfinanzierte Gesundheitsangebote wie Massagen.

DGUV 2 und GOÄ-Umstellungen: Neue Regeln für Unfallmedizin und Betriebe
DGUV 2 und GOÄ-Umstellungen: Neue Regeln für Unfallmedizin und Betriebe (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Gesundheits- und Arbeitsschutzrecht prallen derzeit zwei Reformstränge aufeinander: Die ärztliche Gebührenordnung (GOÄ) geht in die entscheidende Verhandlungsphase, während in der gesetzlichen Unfallversicherung (UV) bereits neue Vergütungslogiken und auch organisatorische Betreuungspflichten greifen. Für Arbeitgeber, die sowohl medizinische Leistungen als auch betriebliche Prävention planen, entsteht damit ein doppelter Anpassungsdruck: Einmal im medizinischen Abrechnungssystem, zum anderen bei der Frage, wie Beratungs- und Betreuungsprozesse im Betrieb so dokumentiert werden, dass sie im Prüf- oder Konfliktfall belastbar sind.

Den Startschuss für die GOÄ-Modernisierung haben nach den vorliegenden Angaben die Bundesärztekammer und der Verband der Privaten Krankenversicherung gemacht. Am 31.07.2026 übergaben sie dem Bundesministerium für Gesundheit eine aktualisierte Fassung des gemeinsamen Entwurfs für eine neue GOÄ. Das Dokument umfasst 1.049 Seiten und enthält rund 5.500 Gebührennummern. Methodisch ist der Entwurf dabei nicht nur eine Fortschreibung, sondern auch ein Versuch, die Bewertungssystematik an die medizinische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte anzupassen; als Grundlage dienen Vorschläge ärztlicher Berufsverbände und Fachgesellschaften. Gleichzeitig nennen die Beteiligten das Gleichgewicht als Leitplanke: angemessene Vergütung bei weiterhin bezahlbaren Beiträgen.

Inhaltlich stehen in dem GOÄ-Entwurf Modernisierungen bei den Abrechnungsregeln sowie Änderungen beim Wegegeld im Fokus. Nach der Übergabe liegt die weitere Arbeit im Ministerium: Dort soll ein Referentenentwurf erarbeitet werden, bevor das Verordnungsverfahren weiterläuft. Als Zielmarke wird ein Inkrafttreten zum 01.01.2028 genannt. Für die Praxis ist das relevant, weil die Abrechnung nicht nur „Preislisten“ betrifft, sondern auch die Struktur der Leistungsbeschreibung und die Abgrenzung von Abrechnungsbestandteilen. Wer in ambulanten und fallbezogenen Prozessen arbeitet, muss deshalb frühzeitig prüfen, wie sich die neuen Gebührennummern und Regelungen auf interne Codierung, Abrechnungssysteme und die Dokumentationsqualität auswirken.

Parallel zur GOÄ-Reform wurde die Gebührenordnung für Ärzte in der Unfallversicherung (UV-GOÄ) umfassend überarbeitet. Diese Anpassung wurde im Sommer 2026 wirksam und zielt auf eine höhere Vergütung der Leistungen innerhalb der gesetzlichen Unfallversicherung. Neben der Aktualisierung von Grundleistungen stehen neue Zuschläge im Zentrum der Änderungen; außerdem wurde ein neu geschaffener Leistungsabschnitt für Arthroskopien eingeführt. Besonders für erstversorgende Mediziner sind zudem Vereinfachungen vorgesehen, die vor allem die administrative Belastung senken und die Attraktivität der unfallmedizinischen Versorgung steigern sollen. Für Betriebe bedeutet das: Schnittstellen zwischen Erstversorgung, medizinischer Dokumentation und späteren Abrechnungsprozessen werden zwar im Tagesgeschäft oft „unsichtbar“, aber gerade dort entscheidet sich, ob Abläufe sauber funktionieren, wenn ein Systemupdate kommt.

Auch die organisatorische Betreuung im Betrieb ändert sich. Laut den vorliegenden Angaben hat die reformierte DGUV Vorschrift 2 insbesondere für Mitgliedsbetriebe der BGW (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege) bereits ab dem 01.06.2026 eine Neufassung gebracht. Ein Kernpunkt ist die Erhöhung der Grenze für die vereinfachte Regelbetreuung: Sie greift nun für Betriebe mit bis zu 20 Beschäftigten statt wie bisher bis zu 10 Personen. Außerdem wurde der Rahmen für digitale Beratungsleistungen erweitert. Unter bestimmten Bedingungen sind Beratungen nun auch per Telefon oder Videokonferenz möglich. Das ist weniger ein „Komfort-Feature“ als eine Verschiebung dessen, wie Arbeitgeber ihre Betreuungs- und Beratungsnachweise im Alltag erbringen können: Prozesse müssen so gestaltet werden, dass aus einem Termin oder Gespräch eine prüffähige Dokumentation entsteht.

Damit rückt die zweite Seite der Reform in den Vordergrund: Dokumentationspflichten und Gefährdungsbeurteilungen bleiben die zentrale operative Klammer. Die Einhaltung neuer Vorschriften im Arbeitsschutz verlangt eine präzise Dokumentation aller Maßnahmen im Betrieb, weil nur so die Nachweisfähigkeit gegenüber Behörden oder in internen Audits funktioniert. Gerade für mittelständische Betriebe ist die Umstellung damit weniger eine Frage der „neuen Regeln“, sondern der Umsetzbarkeit im Qualitätsmanagement: Welche Nachweise werden an welcher Stelle erzeugt, wie werden Informationen versioniert, und wie wird aus digitalen Beratungen ein nachvollziehbarer Bericht? Dass bereits im Frühjahr 2025 die Berufsgenossenschaft Holz und Metall als erste Berufsgenossenschaft die überarbeitete Vorschrift beschlossen hat, zeigt zudem, dass die Branche diese Richtung nicht völlig neu entdeckt. In den ersten Erfahrungen stehen demnach vor allem der Umgang mit digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie neue Berichtspflichten im Fokus der betrieblichen Praxis.

Ein weiteres Puzzlestück kommt aus der Rechtsprechung: Das Sozialgericht München hat mit Urteil vom 22.07.2026 (Az. S 9 U 498/25) die Grenzen der gesetzlichen Unfallversicherung bei arbeitgeberfinanzierten Gesundheitsmaßnahmen konkretisiert. Im entschiedenen Fall zählte eine vom Arbeitgeber finanzierte Massage im Betrieb zum eigenwirtschaftlichen Bereich der Beschäftigten. Ein Unfall, der im Zusammenhang mit einer solchen Maßnahme passierte – im konkreten Sachverhalt ein Sturz auf ausgelaufenem Massageöl – wurde damit nicht als Arbeitsunfall eingeordnet. Entscheidend ist die Schutzrichtung: Gesundheitsfördernde Maßnahmen können zwar unterstützt werden, stehen aber nicht automatisch unter dem unmittelbaren Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung. Für Unternehmen heißt das, dass sie bei der Organisation von betrieblichen Gesundheitsangeboten stärker unterscheiden müssen zwischen Maßnahmen, die eindeutig dem betrieblich-rechtlichen Leistungsbereich zugeordnet sind, und Angeboten, die primär persönliche Vorteile adressieren. Diese Abgrenzung wirkt sich in der Praxis auf Risikobetrachtung, organisatorische Gestaltung und die Kommunikation mit allen Beteiligten aus, einschließlich Führungskräften, Sicherheitsfachkräften und Betriebsärzten.

Unterm Strich entsteht aus GOÄ- und UV-GOÄ-Änderungen sowie der DGUV-Vorschrift 2 ein konsistenter Handlungsrahmen für Betriebe: medizinische Leistungsketten werden neu bewertet, organisatorische Betreuungswege werden flexibler, und rechtliche Grenzen beim Versicherungsschutz bleiben klar. Wer jetzt agiert, kann die Umstellung in zwei Ebenen aufteilen: zuerst die Prozesse, die Dokumentation und Nachweise erzeugen (inklusive digitaler Beratungsformate), und danach die Schnittstellen zur medizinischen Abrechnung, in denen neue Nummern oder Leistungsabschnitte später Abweichungen verursachen könnten. Für die nächste Phase bis zum angestrebten GOÄ-Inkrafttreten zum 01.01.2028 lohnt sich damit ein Blick auf die eigene Daten- und Prozesshygiene: Wie schnell lassen sich Vorlagen aktualisieren, und wie gut ist die Organisation darauf vorbereitet, dass Systeme, Richtlinien und Belege gleichzeitig nachgezogen werden müssen.


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