HERAT / LONDON (IT BOLTWISE) – Fünf Jahre nach der Taliban-Machtübernahme zeigt sich in Afghanistan ein bedrückendes Gesamtbild aus wirtschaftlichem Einbruch, Nahrungsunsicherheit und neuen Alltagsrestriktionen. Gleichzeitig tragen Frauen in kleinen Betrieben in Städten wie Herat das Überleben ihrer Familien mit und halten lokale Produktionsketten am Laufen. Die Geschichte von Rukia Resai macht sichtbar, wie Erwerbsarbeit psychische Stabilität schaffen kann, obwohl der Zugang zu Bildung und geregelter Arbeit weiterhin stark eingeschränkt ist. Parallel offenbart die Lage rund um Imkerinnen und Unternehmerinnen, dass wirtschaftliche Erholung ohne Bewegungs- und Beschäftigungsfreiheit kaum erreichbar ist.

Afghanistan steht fünf Jahre nach der Blitzoffensive der Taliban im August 2021 weiterhin unter massivem Druck – humanitär, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Während in Kabul und anderen Städten die neue Macht zunächst politischen Wandel signalisierte, verstärkte sich seither die Krise in den Lebensrealitäten vieler Menschen. Die Folgen reichen dabei über fehlende Hilfsgelder hinaus: Mit dem Ausschluss vom internationalen Finanzsystem kam der Wirtschaft ein schwerer Schlag; gleichzeitig fehlen dauerhaft planbare Einnahmequellen. Für Beobachter wirkt besonders bitter, dass die Not nicht nur saisonal schwankt, sondern sich in Wintermonaten weiter zuspitzen kann.
Ein zentraler Teil der Belastung lässt sich an Zahlen festmachen: Fast 40 Prozent der Bevölkerung könnten in den Wintermonaten akut von Ernährungsunsicherheit betroffen sein. Mindestens 3,7 Millionen Kleinkinder in Afghanistan gelten als akut mangelernährt, heißt es in der Zusammenschau der Lageberichte, die in der öffentlichen Debatte häufig mit dem Bild vom „Tropfen auf den heißen Stein“ beschrieben werden. Diese Formulierung passt, weil die Bedarfe selbst bei relativ breiter Programmierung nicht in der Breite abgedeckt werden. Parallel steigt der Druck durch Rückkehrbewegungen: Knapp 3,9 Millionen Menschen sind den Angaben zufolge allein aus Iran und Pakistan nach Afghanistan zurückgekehrt – willentlich oder unter starkem Zwang. Die Wirtschaft kann zwar in einzelnen Kennziffern wachsen, doch pro Kopf wird das Leben vieler Menschen nach solchen Angaben entsprechend schwieriger.
Auch Konflikte mit Nachbarn schlagen sich ganz konkret auf den Alltag nieder. Laut den Informationen aus der Region hat Pakistan im Zuge gegenseitiger Angriffe Grenzübergänge für den Warenverkehr geschlossen. Dadurch kommen Waren wie Melonen und Nüsse nicht mehr in der bisherigen Form über die Grenze, und selbst Importe über pakistanische Häfen gelten als deutlich eingeschränkt. Gleichzeitig überlagern die von den Taliban verhängten Restriktionen für Frauen die wirtschaftlichen Spielräume zusätzlich. Frauen dürfen demnach nicht mehr wie zuvor in Büros arbeiten, sollen sich auf Wegen von Männern begleiten lassen und sich vollständig verschleiern. Entscheidend ist dabei nicht nur das Regelwerk, sondern auch dessen ungleiche Durchsetzung in den Provinzen, was Planbarkeit für Familien und lokale Betriebe praktisch zerstört.
In Herat wird das am Beispiel von Ghoncheh Karimi besonders greifbar. Die 39-jährige Imkerin verkleidet sich seit der Machtübernahme der Taliban täglich als Mann, um etwa 15 Kilometer auf dem Motorrad zu ihren Bienenstöcken zu fahren. In der Erzählung wird deutlich, wie hoch das persönliche Risiko im Alltag sein kann: Einmal soll sie wegen ihrer Verkleidung festgenommen worden sein, und in einer Befragung sei nach ihrer Angst vor der neuen Regierung gefragt worden. Karimi sagte dabei wörtlich: „Anstatt meinen Körper zu verkaufen, habe ich mich entschieden Männerklamotten zu tragen, mein Motorrad zu fahren, zur Arbeit zu gehen, ehrliches Geld zu verdienen und meiner Familie Essen auf den Tisch zu bringen.“ Danach sei sie freigelassen worden. Dass sie mittlerweile 120 Bienenstöcke betreibt und Männchen und Weibchen im Handwerk ausbildet, zeigt, dass trotz massiver Einschränkungen auch unter Extrembedingungen wirtschaftliche Kompetenz entstehen kann.
Rukia Resai wiederum betreibt in Westafghanistan eine kleine Seifenmanufaktur, die in ihrer Erzählung nicht nur als Einkommensquelle, sondern als Stabilitätsanker erscheint. Vor vier Jahren gründete die 21-Jährige das Unternehmen in Herat. Sie habe unter den Taliban nicht studieren dürfen, die Schule schnell beenden müssen und zudem habe ihr Vater seinen Betrieb verloren. Heute arbeiten acht Angestellte für Resais Familienunternehmen, bei hoher Auftragslage sogar mehr. Ihre Wirkung geht über das Einkommen hinaus: Resai arbeitet in der Manufaktur so, dass auch ihre Schwestern eingebunden werden konnten. Laut ihrer Aussage verbessere sich durch die Arbeit die mentale Gesundheit der ganzen Familie. Wörtlich sagt sie: „Insgesamt hat sich durch diese Arbeit die mentale Gesundheit unserer ganzen Familie verbessert.“ Damit wird sichtbar, dass Erwerbsarbeit in dieser Lage nicht nur eine betriebswirtschaftliche Größe ist, sondern auch die psychische Belastung abfedern kann.
Die Gegenwart wird jedoch auch durch strukturelle Engpässe begrenzt. Resai möchte ihr Seifengeschäft ausweiten, die Vermarktung laufe bereits über soziale Medien. Vergangenes Jahr hätte sie erstmals im großen Stil nach Tadschikistan exportieren sollen, doch sie konnte ihre Produktionskapazitäten dafür nicht schnell genug hochfahren. Der Grund liegt laut Darstellung im Alltag: Die Herstellung erfolgt bislang noch in einer zwölf Quadratmeter großen Küche. Neben dieser materiellen Begrenzung berichten sie und ihre Umgebung, dass sich die Einschränkungen der Taliban seit diesem Jahr weiter verschärft hätten. Resais Satz bringt diese Haltung auf den Punkt, ohne die Hoffnung zu verleugnen: „Leute sollten nicht darauf warten, dass jemand kommt und sie rettet. Die werden nicht kommen. Menschen können sich nur selbst retten.“ Für Unternehmen und NGOs ist das ein Hinweis, dass Hilfe oft auch in Form von Infrastruktur, Investitionen in Produktionsräume und verlässlichen Zugängen zu Märkten erfolgen muss.
Damit rückt auch der Privatsektor als Hebel in den Fokus. Die Weltbank beschreibt den Angaben zufolge, dass der Privatsektor derzeit das zarte Wirtschaftswachstum in Afghanistan trägt. Von Frauen geführte Unternehmen schnitten dabei sehr viel besser ab als Unternehmen von Männern: Ihr Absatz wachse stärker, und sie stellten zudem schneller mehr Angestellte ein. Gleichzeitig bleibt das Kernproblem bestehen: Wenn Restriktionen den Zugang zu Arbeit und Beschäftigungsverhältnissen weiter erschweren, kann selbst unternehmerische Dynamik nicht ihr volles Potenzial entfalten. Latif Nasari, stellvertretender afghanischer Wirtschaftsminister, sagte in der Darstellung, sein Ministerium unterstütze Unternehmen von Frauen innerhalb islamischer Normen; Frauen seien in klein- und mittelständischen Unternehmen tätig und etwa „soweit erforderlich“ auch an Flughäfen, bei Banken oder Sicherheitsgewerben. In der weiteren Einordnung heißt es jedoch, dass Frauen kaum noch Arbeitsberechtigungen für Anstellungsverhältnisse erhielten. Genau hier kollidieren formale Unterstützungsansätze mit der gelebten Realität – und genau deshalb entscheidet in Afghanistan nicht nur der Markt, sondern auch die Frage, wer überhaupt arbeiten darf.
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