WAIBLINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Unternehmer Nikolas Stihl drängt die Tarifparteien, die Arbeitszeit in der Metall- und Elektroindustrie rasch zu verlängern – und zwar ohne Lohnausgleich. Er begründet das mit dem Druck auf die Arbeitskosten in einer wirtschaftlich angespannten Lage. Besonders die IG Metall steht dabei im Fokus, weil die Zugeständnisse am Ende von ihr getragen würden. Parallel verweist er auf die Debatte um eine Rückkehr Richtung 40 Stunden.

Stihl-Chef fordert Gespräche zur 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich
Stihl-Chef fordert Gespräche zur 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um die 35-Stunden-Woche bekommt aus der Industrie erneut Gegenwind: Nikolas Stihl, Aufsichtsratschef des Forst- und Gartengeräteherstellers Stihl, fordert zügige Gespräche der Tarifparteien über eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich in der Metall- und Elektroindustrie Deutschlands. Der Kern seines Arguments ist nicht neu, aber in der aktuellen Lage klar zugespitzt: In „guten Zeiten“ habe Deutschland sich die 35-Stunden-Woche leisten können, aktuell sei das nach seiner Darstellung nicht mehr möglich. Damit verlagert er die Debatte spürbar von der reinen politischen Rahmung hin zu einem Kosten- und Wettbewerbsnarrativ, das vor allem auf die Tarifmechanik zielt.

Technisch betrachtet dreht sich bei der Frage nach 35 oder 40 Stunden nicht nur um die Wochenzahl, sondern um die Ausgestaltung des gesamten Arbeitszeitregimes: Wie werden Mehrarbeit, Schichtmodelle, Ausgleichszeiträume und Produktivitätseffekte in der Praxis zusammengeführt? Stihl argumentiert, eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich würde die Arbeitskosten relativ schnell senken. Das ist ökonomisch eine direkte Kopplung von Stundenproduktivität und Lohnstückkosten, die gerade in Branchen mit hohen Personalkostenanteilen als Hebel gilt. Gleichzeitig verweist er auf die Dimension der Beschäftigungssicherheit und spricht in diesem Kontext von der Gefahr, dass Industriearbeitsplätze verloren gehen könnten, wenn der Abfluss nicht gestoppt werde.

Historisch lohnt sich dabei ein genauer Blick auf den Status der 35-Stunden-Woche: Laut dem Text ist sie in tarifgebundenen Unternehmen der Standard, etwa auch bei Mercedes-Benz, obwohl sie gesetzlich nicht verpflichtend ist. Genau diese Differenz zwischen tariflicher Vereinbarung und gesetzlicher Pflicht macht die 35-Stunden-Woche zu einem politisch und arbeitsrechtlich „verschiebbaren“ Instrument – zumindest innerhalb des Tarifsystems. Der Verweis auf eine frühere Grundsatzdebatte in der Wirtschaftskrise zeigt zudem, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausreißer handelt, sondern um einen wiederkehrenden Reflex: Wenn die Nachfrage nachlässt und Produktionsvolumen sinken, geraten Arbeitszeitmodelle erneut als Anpassungsvariable in den Fokus.

In der laufenden Debatte spielt neben der inhaltlichen Frage auch der Prozess eine Rolle. Die Tarifgespräche in der Metall- und Elektroindustrie starten im Herbst; Stihl deutet an, dass die 35-Stunden-Woche seiner Ansicht nach schon einmal „mit heftigen Geburtsschmerzen“ vereinbart wurde. Für ihn folgt daraus: Wer zurückdrehen will, stößt auf spürbaren Widerstand und damit auf einen großen „Verlustschmerz“ – nicht nur politisch, sondern auch kommunikativ in den Verhandlungen. Parallel setzt er auf pragmatische Lösungen und formuliert als Annäherungsstrategie: Je näher die Vertreter der IG Metall an der arbeitenden Bevölkerung verankert seien, desto eher könnten sie die konkreten Problemlagen nachvollziehen. Dass er zugleich Bedenken gegen die „Zentrale in Frankfurt“ nennt, unterstreicht, wie sehr sich das Konfliktfeld in Richtung Deutungshoheit verschiebt.

Marktseitig ist die Auseinandersetzung nicht isoliert, sondern Teil einer größeren Strukturspannung zwischen Kostendruck und sozialem Ausgleich. Stihl schaut laut Bericht ausdrücklich auch auf die IG Metall, weil deren Zugeständnisse in seiner Logik entscheidend wären. Gleichzeitig kommt die Debatte zur Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich nicht nur aus der Unternehmensperspektive: Im Text wird eine ältere Forderung aus der Autoindustrie erwähnt, die Richtung 40-Stunden-Woche für dasselbe Gehalt argumentiert. Für Unternehmen entsteht daraus ein doppeltes Risiko: Einerseits kann ohne Flexibilisierung die Wettbewerbsfähigkeit leiden, andererseits kann ein harter Kurs in Tarifrunden die Betriebsnähe verlieren und die Implementierung in Schicht- und Produktionsplanung erschweren.

Für die Praxis bedeutet das: Die nächsten Monate werden weniger durch einzelne Schlagworte entschieden, sondern durch die konkrete Tarifarchitektur, die Verhandlungsteams aufsetzen müssen. Arbeitgeberseite und Gewerkschaft werden dabei abwägen, ob und wie sich Arbeitszeitverlängerungen so verhandeln lassen, dass sie in der Produktionsplanung akzeptabel bleiben und gleichzeitig nicht als Einseitigkeit wahrgenommen werden. Stillschweigend mitgedacht wird außerdem, wie lange die wirtschaftliche Delle tatsächlich anhält und welche Nachfragepfade im Herbst realistisch sind. Je näher die Tarifrunde rückt, desto stärker dürfte sich die Debatte von einer symbolischen Grundsatzfrage hin zu Detailfragen verlagern – etwa zu Ausgleichsmechanismen, Übergangsfristen und dem Umgang mit Sondersituationen in Unternehmen.


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