FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Altersvorsorgedepot (AV-Depot) soll 2027 den Riester-Vertrag ablösen. Der Kern der Reform liegt laut Analyse im Wegfall des Beitragsgarantie-Zwangs: Statt Renditebremsen bei Anleihen sollen deutlich mehr Aktienquoten möglich werden. Gleichzeitig steigt die staatliche Förderung über eine gestaffelte Zulagenlogik, während Kostenfallen weiter ein Risiko bleiben. Wer 2027 startet, sollte Anbieter und Produktkonstruktionen besonders kritisch vergleichen.

Riester ist in den letzten Jahren vor allem als milliardenschweres System an der Oberfläche sichtbar geblieben, während in der Tiefe zahlreiche Verträge nie die Chance hatten, ihre Renditepotenziale auszuschöpfen. In der vorliegenden Einordnung wird das an konkreten Größen festgemacht: Es sollen 16 Millionen Verträge existieren, die zusammen auf etwa 220 Milliarden Euro angespartes Vermögen kommen. Zugleich fließen jährlich rund 11 Milliarden Euro in Versicherungs- und Fondsverträge. Trotzdem sei die Realität „trist“, weil bis zu einem Viertel der Riester-Verträge nicht bespart werde und damit Kapital schlicht nicht weiter in Anlageprodukte geschoben werde.
Technisch und strukturell wird Riester dann über einen zentralen Mechanismus erklärt: die Beitragsgarantie. Wer am Ende mindestens das eingezahlte Kapital verspricht, muss den Großteil der Beiträge in renditearme Anleihen parken, statt in Wachstumssegmente zu investieren. In einer Phase niedriger Zinsen habe das besonders stark durchgeschlagen, weil „kaum Aktien, kaum Rendite“ die Konsequenz gewesen sei. Dazu kämen laufende Kosten, die sich laut der genannten Finanzaufsicht BaFin bei fondsgebundenen Riester-Verträgen im Schnitt auf 1,9 Prozent pro Jahr belaufen sollen; einzelne Tarife hätten sogar die 4-Prozent-Marke erreicht. Vor diesem Hintergrund wird Riester weniger als reine Altersvorsorge für Beschäftigte eingeordnet, sondern als Modell, das auch Vertrieb und Versicherungslogik begünstigt habe.
Das Altersvorsorgedepot soll dieses Prinzip nun mit einer anderen Produktarchitektur aufbrechen. Der wichtigste „Handgriff“ sei, so heißt es, der Garantiezwang: Wer möchte, könne mit 100 Prozent Aktienquote investieren. Für sicherheitsorientierte Anleger bleibt demnach zwar die Option bestehen, eine 80- oder 100-Prozent-Kapitalgarantie zu wählen, allerdings zu dem Preis, dass dafür typischerweise weniger Rendite eingezahlt werden dürfte. Genau in dieser Abkehr vom Zwang liege der behauptete Effekt: Ein breit gestreuter Aktienfonds oder -ETF könne über 30 Jahre historisch grob im Bereich von 7 bis 10 Prozent pro Jahr gelegen haben, während klassische Riester-Policen eher bei rund 2 Prozent gehandelt würden. Garantien und Kosten machen damit in der Lesart aus dem Produkt eine Art „Verlustgeschäft“, sofern der Anlagehorizont und die Kostenstruktur ungünstig zusammenkommen.
Die staatliche Komponente rückt danach in den Fokus, weil sie über Zulagen und Matching die Kapitalbasis während der Ansparphase spürbar verändern kann. Beim AV-Depot wird beschrieben, dass es für die ersten 360 Euro Eigenbeitrag pro Jahr 50 Cent Zulage je eingezahltem Euro geben soll; darüber bis zu 1.800 Euro folge eine Zulage von 25 Cent pro gespartem Euro. Wer den Höchstbetrag einzahlt, ließe laut Rechnung eine jährliche Zulage von 540 Euro entstehen, „dreimal so viel“ wie bei Riester. Für Kinder sei 100 Prozent Matching bis 300 Euro Eigenbeitrag vorgesehen, und wer unter 25 starte, erhalte einen einmaligen Berufseinsteigerbonus von 200 Euro. Neu sei auch die Förderung von Selbstständigen: Rund 3,6 Millionen sollen damit förderberechtigt werden, nachdem ihnen bislang nur eine wenig erfolgreiche Variante offen gestanden habe. Gleichzeitig wird das Risiko für Gutverdiener betont: Bei hohen Grenzsteuersätzen in der Auszahlphase könne ein ungefördertes Fondsdepot am Ende vorn liegen, weil es jederzeit verfügbar bleibt.
Ob das AV-Depot am Ende wirklich günstiger und renditestärker ist, hängt laut Text aber auch an einer zweiten Kostenebene. Zwar müssten Anbieter zunächst ein sogenanntes Standardprodukt mit maximal 1 Prozent Effektivkosten bereitstellen; das gelte als deutlicher Fortschritt gegenüber Riester. Dennoch sei auch 1 Prozent über 40 Jahre nicht „klein“, weil Gebühren bei einer angenommenen Bruttorendite von 6 Prozent rund ein Drittel der Kapitalmarkterträge aufzehren könnten. Parallel drohten „Deluxe“-Varianten mit aktivem Management, die deutlich mehr kosten sollen, sofern Anleger höhere Struktur- und Beratungsansprüche bezahlen. Dazu komme die Hausmarken-Falle: Wer etwa über banknahe Vertriebswege geht, könne am Ende eher Produkte im eigenen Konzern erhalten, etwa Volksbank-nah mit Union Investment-Fonds oder Sparkassen-nah mit Deka-Fonds. Der Kernpunkt: Zwischen dem besten und einem durchschnittlichen globalen Aktienfonds könnten über 20 Jahre mindestens 2 Prozentpunkte Rendite pro Jahr liegen; ein zweites Investment mit dieser Differenz könne über den Zeitraum eine merklich größere Endsumme erzeugen. Für Entscheider heißt das in der Konsequenz, aktiv gemanagte AV-Depots nur dann zu bevorzugen, wenn die Produkt- und Kostenlogik wirklich eine freie Fondsauswahl zulässt.
Bleibt die Frage, was mit dem bestehenden Riester-Vertrag passiert. Für die meisten Vorsorgenden soll der Wechsel ab 2027 die „klügere Entscheidung“ sein, weil eingezahlte Beiträge und Förderung der alten Verträge erhalten bleiben und der Wechsel in den allermeisten Fällen kostenlos erfolgen dürfte. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass Riester nicht für alle automatisch unterlegen ist: Besonders ältere Fondssparplan-Riester mit hohen Aktienquoten aus der Zeit bis 2010 könnten trotz Garantie ordentliche Renditen erzielt haben. Auch wer eine lebenslange Rente priorisiere und nur eine kurze Restlaufzeit hat, könnte bei einer bestimmten Riester-Variante eher eine akzeptable Option sehen. Für Geringverdiener mit Kindern kann der Text zudem argumentieren, dass Riester unter Umständen vorteilhaft sein kann, weil eine Mindesteinzahlung fürs Kinder-Matching nicht zwingend erforderlich sei, um 300 Euro Kinderförderung zu erreichen. Bis Anfang 2027 bleibt für Interessierte daher vor allem „Informieren und abwarten“ der Rat, weil es noch keine AV-Depots geben soll und man sich nicht auf frühes Vertriebsdrängen einlassen dürfe.
In Summe zeichnet die Analyse ein Bild, in dem das AV-Depot vor allem an drei Hebeln ansetzt: weniger Zwang zur Renditebremse, eine deutlich breitere Förderkulisse und ein Kostenrahmen, der zumindest bei Standardprodukten begrenzter sein soll. Gleichzeitig bleibt die praktische Umsetzung eine Aufgabe für Anleger: Wer die zweite Kostenebene übersieht, kann selbst bei einem politisch verbesserten Design in die gleichen langfristigen Renditefallen laufen wie beim alten Modell. Für den Übergang ab 2027 ist deshalb nicht nur die Zulagenlogik entscheidend, sondern auch die Produktwahl, die tatsächliche Effektivkostenhöhe und die Frage, ob die Anlagestrategie zum Anlagehorizont passt. Genau diese Kombination wird darüber entscheiden, ob das neue Altersvorsorgedepot den Anspruch einlöst, Riester als Vorsorgemotor abzulösen.
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