LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie mit 591 Beschäftigten in Spanien verbindet Narzissmus und Psychopathie mit einer stärkeren Neigung zur Unternehmensgründung. Gleichzeitig erklären klassische Persönlichkeitsmerkmale nach dem Big-Five-Modell einen Teil der Unterschiede. Insgesamt können dem Datensatz zufolge demografische Faktoren, Big Five und Dark Triad zusammen rund 41 % der Varianz in der „entrepreneurial tendency“ erklären. Die Autoren betonen zugleich die Grenzen durch Selbstauskünfte und ein Querschnittsdesign.

Wer Entrepreneurship nur als reine Job-Entscheidung betrachtet, übersieht leicht, wie stark „Gründungsneigung“ bereits im inneren Erleben verankert sein kann. Genau so rahmt die Psychologie die Frage: Unternehmerische Tendenz gilt nicht nur als Tätigkeit, sondern als latente Disposition, die sich unter anderem in einer Vorliebe für Innovation, dem Erkennen von Chancen und einem Antrieb äußert, gesellschaftlichen Nutzen zu schaffen. Die Studie, veröffentlicht in Acta Psychologica, setzt damit auf die Verbindung zwischen Persönlichkeitsprofilen und der subjektiv wahrgenommenen Bereitschaft, sich gedanklich als Unternehmer zu sehen.
Technisch betrachtet baut das Studiendesign auf zwei etablierten Modellen der Persönlichkeitsforschung auf. Zum einen nutzen die Forschenden das Big-Five-Modell: Offenheit für Erfahrungen beschreibt Vorstellungskraft und Neuigkeitsdrang, Gewissenhaftigkeit steht für Struktur und zielgerichtetes Verhalten, Extraversion für Geselligkeit, Verträglichkeit für Kooperationsbereitschaft und emotionale Stabilität dafür, wie gut Stress reguliert wird. Zum anderen wird ein Dark-Triad-Cluster betrachtet, das sozial weniger erwünschte Eigenschaften bündelt: Narzissmus (u. a. Grandiosität und Dominanzanspruch), Psychopathie (u. a. Impulsivität und geringe Empathie) sowie Machiavellismus (eine eher strategische, auf Eigeninteressen ausgerichtete Manipulationsbereitschaft). Interessant ist dabei weniger das Label, sondern die Frage, ob und wie solche Muster bei Menschen mit unterschiedlicher beruflicher Lebenslage systematisch zusammenhängen.
Die Datengrundlage umfasst 591 erwachsene Beschäftigte in Spanien im Alter von 26 bis 76 Jahren. Die Teilnehmenden decken ein Spektrum ab, das klassische Angestellte ebenso enthält wie Selbstständige und arbeitslose Personen; parallel variieren auch die Bildungswege von der Grundschule bis zum Hochschulabschluss. Erhoben wurden die Konstrukte über mehrere Online-Fragebögen: Zuerst erfasste ein Einstellungsblock die „entrepreneurial tendencies“ über Selbstaussagen, wie häufig sich die Befragten etwa als Personen sehen, die Geschäftsmöglichkeiten erkennen oder in Teams neue Ideen entwickeln. Danach folgte ein kurzes Big-Five-Inventar mit Bewertungen, wie gut bestimmte Adjektivpaare das eigene typische Verhalten treffen. Abschließend wurde die Dark Triad über eine spezialisierte zwölfteilig strukturierte Skala gemessen, die u. a. auf Manipulationsbereitschaft, Grandiositätsansprüche und fehlendes Bedauern abzielt.
Bei der statistischen Auswertung zeigt sich ein klares, aber differenziertes Muster. Demnach erklären demografische Faktoren, klassische Big-Five-Merkmale und Dark-Triad-Eigenschaften zusammen etwa 41 % der Varianz in der Gründungsneigung. Innerhalb des Big-Five-Komplexes stechen Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Extraversion besonders hervor; Offenheit gilt dabei als der stärkste einzelne Prädiktor für die unternehmerische Disposition. Das passt inhaltlich zur Grundidee, dass Innovationsbereitschaft und Neuigkeitsorientierung nicht erst in der Firmengründung selbst entstehen, sondern sich als kognitiver Stil bereits vorher bemerkbar machen.
Daneben liefern die Dark-Triad-Merkmale eine zusätzliche, „eigene“ Vorhersagekraft. Konkret werden höhere Werte in Narzissmus und Psychopathie positiv mit der unternehmerischen Tendenz assoziiert. Unter den Dark-Triad-Faktoren zeigt Narzissmus die stärkste Verbindung; gleichzeitig verbessert die Einbeziehung dieser Eigenschaften die Genauigkeit des Vorhersagemodells gegenüber einem Ansatz, der nur auf traditionellen Persönlichkeitsdimensionen beruht. Für die Unternehmenspraxis bedeutet das: Wenn man Gründungsbereitschaft als psychologisches Profil betrachtet, können sozial unvorteilhaft wirkende Merkmale Informationen liefern, die das Big-Five-Raster allein nicht abdeckt.
Auch demografische und berufliche Kontexte spielen messbar hinein. Jüngeres Alter und männliches Geschlecht sind in der Studie mit einer stärkeren Gründungsneigung verbunden. Die Forschenden ordnen das in den historischen Kontext unternehmerischer Gründungsdaten ein und weisen zugleich darauf hin, dass Geschlechterunterschiede in der realen Start-up-Aktivität weltweit kleiner werden. Darüber hinaus zeigt der aktuelle Erwerbsstatus einen Zusammenhang mit den psychologischen Mustern: Selbstständige berichten höhere Werte als Personen, die in traditionellen Anstellungsverhältnissen arbeiten. Die Autoren deuten das so, dass die Wahl der Selbstständigkeit auch als aktive Passung zu bereits vorhandenen inneren Präferenzen verstanden werden kann.
Gleichzeitig bleiben wichtige methodische Grenzen. Die Studie beruht vollständig auf Selbstauskünften zu einem Zeitpunkt, also auf einem Querschnittsdesign. Damit lässt sich weder die Richtung der Zusammenhänge sauber bestimmen, noch wird gezeigt, dass Dark-Triad-Eigenschaften tatsächlich Ursache für Unternehmertum sind. Hinzu kommt, dass Selbsteinschätzungen besonders bei Narzissmus leicht verzerrt sein können: Wer sich grandios kompetent erlebt, bewertet eigene Fähigkeiten möglicherweise höher als das spätere reale Verhalten im Unternehmensalltag. Die Forschenden schlagen deshalb Folgestudien vor, die Teilnehmende über längere Zeiträume begleiten, reale Karriereentscheidungen und Gründungsverläufe beobachten und außerdem zwischen Gründen unterscheiden, warum Menschen Unternehmen starten – nämlich um eine Gelegenheit zu nutzen oder aus wirtschaftlicher Not heraus.
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