KÖLN (NRW) / LONDON (IT BOLTWISE) – Vier Gründer der Firma Heiontec wollen aus normaler Umgebungswärme Strom gewinnen und damit vor allem Industrie- und Gebäudesensoren versorgen. Im Pitch bei den TV-Investoren bleibt jedoch die zentrale Frage offen, wie viel elektrische Leistung das System tatsächlich liefert. Dazu nennen die Gründer erst spät konkrete Werte, während vor allem zur Laufzeit und Skalierbarkeit nachgehakt wird. Am Ende kommt kein Deal zustande.

Heiontec wollte im TV-Pitch als Gamechanger für eine ganz praktische Energiequelle auftreten: aus ganz normaler Umgebungswärme Strom gewinnen. Konkret richten sich die Pläne auf die Versorgung von Sensoren in Industrieanlagen oder der Haustechnik, sodass Messpunkte und Steuerungen nicht dauerhaft an eine Batterie gebunden wären. Für dieses Ziel haben die Gründer nach ihren Angaben bereits 1,4 Millionen Euro investiert und die Technologie zum Patent angemeldet. Dass ausgerechnet die Frage nach der elektrischen Leistung zum Stolperstein wird, zeigt zugleich, wie anspruchsvoll die Kommunikation bei Hardware-Startups ist: Ohne belastbare, schnell prüfbare Kennzahlen wirkt selbst eine plausible Idee wie „zu schön, um wahr zu sein“.
Technisch betrachtet steckt hinter dem Ansatz die Idee, thermische Energie in elektrische Energie zu übertragen. Auch wenn die vorliegenden Informationen keine genaue Ausführung des physikalischen Prinzips nennen, wird in solchen Fällen in der Praxis häufig über Effizienzketten gesprochen: Wie groß ist der Temperaturgradient, wie gut wandelt das System Wärme in elektrische Energie um, und wie stabil liefert es die Leistung über Temperatur und Zeit? Genau an dieser Stelle hakt der TV-Investor wiederholt nach, weil der entscheidende Punkt nicht der „Gedanke“ ist, sondern die resultierende Leistung am Ausgang – und damit die Frage, ob Sensoren damit in einem realen Betriebskonzept dauerhaft laufen. Die Gründer sprechen im Verlauf zwar über Sensoren, Messpunkte und intelligente Steuerungen, treffen aber nicht früh genug den Kern: ab welcher Wärme welche elektrische Leistung entsteht.
Die Dynamik im Pitch wird besonders deutlich, als nach konkreten Betriebsparametern gefragt wird. Der Investor will wissen, wie lange eine Lampe oder ein Wecker mit dem System betrieben werden könnte. Die Antwort bleibt zunächst aus und wirkt eher abweisend, bevor später doch Zahlen genannt werden: ein Milliampere als Peakleistung sowie dauerhaft ein Mikrowatt. Für Investoren ist das eine andere Gesprächsgrundlage als „Strom aus Wärme“ – denn Leistungswerte bestimmen, ob sich das System in der Praxis für bestimmte Lastprofile eignet. Ein Mikrowatt dauerhaft klingt für sehr stromsparende Sensoren grundsätzlich nicht abwegig, setzt aber voraus, dass die nachgelagerten Komponenten (Messen, Funk, Duty Cycles, Sicherheitsreserven) genau zu diesem Budget passen und der Betrieb über typische Temperaturbedingungen tatsächlich erreicht wird.
Neben der Technik zeigt der Fall auch ein Markt- und Strukturthema: Das Angebot, das Heiontec macht, ist zwar formuliert als kleiner Einstieg, wirkt aber für viele im Raum wie ein Vertrauenssignal mit zu wenig Substanz. Die Gründer nennen, dass sie 250.000 Euro nehmen wollen – allerdings nur für 2,5 Prozent der Firma. Wer solche Konditionen nennt, muss in der Regel sehr schnell zeigen, dass die Kosten-Nutzen-Kurve und die skalierbare Umsetzung stimmen. Im Verlauf wird außerdem klar, dass das Team sich in Erklärungen verheddert und die wichtigsten Angaben offenbar nicht konsistent auf den Punkt bringt. Dadurch entsteht im Pitch eine typische Hardware-Falle: Der „Proof“ bleibt mündlich und spät, während die Bewertung durch die Investoren früh an messbaren Parametern hängt. Im TV-Format verstärkt sich das Problem, weil es weniger Zeit gibt, Annahmen nachzurechnen.
Dass es am Ende keinen Deal gibt, liegt damit nicht nur an einzelnen Zahlen, sondern an der Kombination aus fehlender Klarheit und fehlendem operativem Storytelling. Aus Investorenperspektive zählt bei Energie-Harvesting-Konzepten immer die belastbare Leistungsbilanz: Unter welchen Bedingungen entsteht die angegebene Peakleistung? Wie verhält sich die Leistung im Dauerbetrieb? Und wie bildet das System die typische Last eines Sensorknotens ab – inklusive Anlaufphasen und Kommunikationszyklen? Erst als der Investor die Antworten regelrecht herausziehen musste, kommt ein konkreter Leistungsrahmen. Selbst dann bleibt offen, wie genau die Zielanwendung „ohne Batteriewechsel“ im Alltag funktioniert, also ob das System Wartungsfreiheit über sinnvolle Zeitspannen tatsächlich garantiert oder ob zusätzliche Annahmen nötig sind.
Für die Einordnung lohnt auch ein Blick auf die Erwartungshaltung an Energy-Background-Projekte: Solche Technologien werden oft in einem breiteren Ökosystem entwickelt, in dem Effizienz, Materialkosten, Fertigungsaufwand und Systemintegration zusammenspielen. Wenn ein Start-up früh „Milliardenpotenzial“ in den Raum stellt, steigt die Erwartung an Reifegrad und Demonstration. Heiontecs Team versucht laut dem Verlauf, den Übergang von der Idee zu einer Investitionsstory zu schlagen – doch die Investoren fordern dafür offenbar mehr als allgemeine Hinweise. Entscheidend ist letztlich, ob es gelingt, aus einer technischen Funktion eine betriebswirtschaftlich prüfbare Lösung zu machen: mit klarer Leistungskennzahl, nachvollziehbarer Laufzeit und einem realistischen Pfad zu Serienproduktion, sodass sich der Nutzen für Industrie-Sensorik nicht nur theoretisch, sondern auch im Feld belegen lässt.
Der Abbruch ohne Deal ist deshalb auch ein Lehrstück für andere Hardware-Startups, die im Pitch auf ähnliche Konzepte setzen. Wer Strom aus Umgebungseffekten gewinnen will, sollte in einem professionellen Pitch früh den „Lasten-Nutzen-Rechner“ liefern: Welche Ausgangsleistung (Peak und Dauer) wird unter konkreten Umweltbedingungen bereitgestellt? Wie sieht daraus die Betriebsdauer für typische Sensor-Workloads aus? Und wie werden Unsicherheiten behandelt, etwa hinsichtlich Temperaturband, Alterung oder Installationsvarianten? Im Fall von Heiontec wurde die zentrale Frage nach der erzeugten Leistung offenbar erst zu spät hinreichend beantwortet. Damit rutscht das Gespräch von „Technologieversprechen“ hin zu „Pitch-Risiko“, und genau dieses Risiko senkt die Bereitschaft zu investieren – selbst wenn das Grundprinzip grundsätzlich interessant bleibt.
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